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09. Dezember 2008

Zum 65. Geburtstag von Michael Krüger: Der etwas weniger Schlaflose

 Von INA HARTWIG
Michael Krüger, der graue Pulli ist sicher nicht weit. Foto: dpa

Michael Krüger macht weiter, auf unbestimmte Zeit. Die magische Grenze von 65 Jahren wird der (angestellte) Hanser-Verleger heute überschreiten, ohne dass sich etwas ändert. Von Ina Hartwig

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Die gute Nachricht zuerst: Michael Krüger macht weiter, auf unbestimmte Zeit. Die magische Grenze von 65 Jahren wird der (angestellte) Hanser-Verleger heute überschreiten, ohne dass sich etwas ändert. Ein Nachfolger werde zwar irgendwie gesucht, sei aber weit und breit nicht in Sicht. Die Familie, der der Verlag gehört, will ihn - wen wundert's - natürlich gar nicht loswerden. Schließlich hat Michael Krüger die Marke Hanser, seit er 1968 als Lektor kam, zu einem der erfolgreichsten, seriösesten und auratischsten mittelständigen Verlagshäuser Deutschlands gemacht.

Krüger hat das Gebilde erweitert um einen Kinderbuchverlag, um die Publikumsverlage Zsolnay sowie Sanssouci und Nagel & Kimche und sich bis heute energisch gegen die Verbertelsmannisierung der Branche in Wort und Tat zur Wehr gesetzt. Er konnte mit Umberto Eco richtig Geld verdienen und sich mit dem Nobelpreisträger Orhan Pamuk schmücken, und als 2005 erstmals der da noch vielkritisierte Deutsche Buchpreis vergeben wurde, grenzte es an eine magische Selbstverständlichkeit, dass einen Hanser-Autor - Arno Geiger - das Glückslos traf.

Die schlechte Nachricht ist: Der Unverwüstliche, der Alleskönner, das Arbeitstier, der Universalinteressierte, dieser Mann braucht inzwischen ein bisschen Schlaf, so um die sechs Stunden. Früher, sagte Michael Krüger soeben in einem sehr schönen Interview des Börsenblatts aus Anlass seines Geburtstags, da habe es ihm nichts ausgemacht, um drei Uhr nachts ins Bett zu sinken und um sieben Uhr wieder aufzustehen. Heute mache ihm das etwas aus, und daran sehe er, dass er älter werde. Woraus wir schließen: Michael Krüger ist gar nicht älter geworden, sondern nur ein kleines bisschen normal.

Acht graue Pullover besitzt er angeblich, was eine bescheidene Zahl ist angesichts der Tatsache, dass man ihn IMMER im weichen grauen Pullover sieht, nie mit Schlips - ganz so, als wolle er ständig bereit sein, auf Wanderung zu gehen. In der Tat wäre das Wandern ein passendes Bild für seine innere Rastlosigkeit, deren Kehrseite wohl die "Schlaflosigkeit" ist, der er einmal ein schönes Gedicht gewidmet hat; jetzt wieder abgedruckt in der Gedichtauswahl "Schritte, Schatten, Tage, Grenzen" im S. Fischer Verlag. Wäre Michael Krüger kein Schlafloser, so denkt sich der Normalsterbliche, könnte er nicht diese vielen Leben führen; denn seine Bücher, Romane, Essays, Gedichte (die er im Suhrkamp Verlag veröffentlicht) müssen irgendwann entstehen. Einige sind überzeugt, dass sein literarisches Schaffen ihm am meisten bedeute.

Öffentlich ein Körpermagnet

Krüger, den man nie allein sieht, der immer umgeben ist von Männern und Frauen - und gelegentlich in inniger Umarmung begriffen, denn er kennt alle und drückt seine Sympathie freiheraus körperlich aus -, auch er muss die Einsamkeit kennen, und vermutlich liebt er sie sogar. Und doch, und doch: Der öffentliche Michael Krüger wirkt wie ein Körpermagnet. Isolde Ohlbaum, die berühmte Fotografin, erinnert sich an "Michels" umwerfende Schönheit als junger Mann.

Er dürfte davon profitiert haben, aber gesetzt hat er auf seine anderen Talente, deren er im Übrigen zu viele besitzt, so dass einige unausgeschöpft bleiben - denn Michael Krüger hat sich eines Tages entscheiden müssen. Die Wahl fiel auf die Verlagsarbeit. "Ich hab's aufgegeben, über Alternativen nachzudenken", sagt er.

Michael Krüger trägt einen enormen Schatz an Erfahrungen mit sich herum, ein Geistesmuseum. Er kannte Elias Canetti und weiß wunderschön über ihn zu erzählen, um nur ein Beispiel zu nennen. Woher dieser glückliche Michel K. seine unwahrscheinliche Energie hat? Er selbst vermutet, dass es die Gene sind: Sächsisch-anhaltinische Bauern gehören zu seinen Vorfahren, und auch sie hätten über die Erschöpfung hinaus weitergearbeitet.

In einem köstlichen, kleinen Essay über seine Besuche auf der Leipziger Buchmesse zu Zeiten der DDR (soeben erschienen in dem Band "Literatur als Lebensmittel" bei Sanssouci) fragt sich Krüger angesichts der Grenzsoldaten, die seine Papiere mit schlaffem Interesse prüften: "Wie um Himmels willen konnte man mit diesen Menschen verwandt sein?"

Kann denn Michael Krüger wirklich alles? Nein. Englisch spricht er mit einem entsetzlichen Akzent. Aber es macht ihm nichts! Hält er eine Laudatio, wie etwa auf seine Freundin Susan Sontag, auf der Jerusalemer Buchmesse vor einigen Jahren mit dem Jerusalem Prize ausgezeichnet, dann entschuldigt er sich knapp für seine Aussprache - und alle sind hingerissen. Kapitulieren wir also vor der unwiderstehlichen Mischung aus Charme und Souveränität und gratulieren Michel Krüger, dieser Ausnahmeerscheinung der deutschen Verlagsszene, von Herzen zum Geburtstag.

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