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Zum Tod Tullio Pinellis: Abschied vom süßen Leben

Weder die französische Nouvelle Vague noch das New Hollywood des jungen Scorsese wären denkbar ohne ihren Einfluss: Filmregisseur Fellini und Drehbuchautor Pinelli. Von Daniel Kothenschulte

Filmszene aus dem skandalträchtigen Film La Dolce Vita mit Marcello Mastroianni und Anita Eckberg.
Filmszene aus dem skandalträchtigen Film "La Dolce Vita" mit Marcello Mastroianni und Anita Eckberg.
Foto: dpa

Wie würde sich ein Drehbuchautor die erste Begegnung zweier Männer ausdenken, die Freunde fürs Leben werden sollen? Vielleicht so: An einem Kiosk - Rom, 1947 - liest ein Mann die Zeitung lieber an Ort und Stelle statt sie zu bezahlen. Ein zweiter liest die Rückseite. Sie kommen ins Gespräch. Zufällig sind beide Drehbuchautoren, aber nicht begeistert von Ernst und Pathos der in Italien blühenden Filmströmung, dem Neorealismus. Was diesem Kino in ihren Augen fehlt, ist Fantasie.

Gern erzählte Tullio Pinelli von seiner ersten Begegnung mit Federico Fellini. Eine wahre Geschichte als Anfang unendlicher Erfindungen, einer lebenslangen gemeinsamen Reise auf dem "Schiff der Träume". "Als wir uns trafen, war es, als hätte der Blitz eingeschlagen. Wir sprachen gleich dieselbe Sprache und träumten von einem Drehbuch, das ganz anders war als das Kino jener Zeit: Ein einfacher Angestellter entdeckt plötzlich, dass er fliegen kann."

Auch wenn sie die schöne Geschichte erst einmal in der Schublade ließen, kamen sie doch in ihrem vielleicht größten Meisterwerk darauf zurück: In "8½" hegt ein Regisseur aus naheliegenden Gründen den Menschheitstraum vom Fliegen: Er sitzt im Stau. Fellinis Filme handeln von Fluchten und liebäugeln mit der Anarchie. Doch während Fellini seine Schauspieler meist in spontaner Willkür führte, tat er das auf der Grundlage großartiger Bücher, die er meist mit Pinelli entwickelt hatte.

1950 gewannen sie einen Deutschen Filmpreis für die "demokratischen Werte", die ihr Drehbuch zu "Weg der Hoffnung" vermittelte. Das von Pietro Germi inszenierte Bergarbeiter-Drama schien man hier besonders gut zu verstehen. 1953 schrieben Pinelli und Fellini "Die Müßiggänger" (I Vitelloni), einen der bis heute modernsten Filme: Die Charakterstudie von fünf Männern aus einer Kleinstadt blieb Modell dafür, wie sich ein spezifisches Lebensgefühl in eine organische Dramaturgie gießen lässt.

Weder die französische Nouvelle Vague noch das New Hollywood des jungen Scorsese wären denkbar ohne den Einfluss dieser "Vitelloni" und der hohen Schreibkunst, die darin steckt. Fellini und Pinelli folgten selbst den Ausbruchsutopien ihrer frühen Filmfiguren und verwiesen den schönen Traum, den sie lebten, zugleich in seine Grenzen: dass die Süße des "dolce vita" nicht ohne Bitterkeit zu haben ist, wird niemand nach ihrem gleichnamigen Film vergessen. Tullio Pinellis süßes Leben dauerte hundert Jahre, während derer aus dem Kavallerie-Offizier ein Anwalt, dann ein Dramatiker, schließlich ein Film- und Fernsehautor und mit 90 noch ein Romancier geworden ist. Am Samstag ist er in Rom gestorben.

Autor:  DANIEL KOTHENSCHULTE
Datum:  9 | 3 | 2009
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