1949 erschien sein maßgebliches Werk über "Die elementaren Strukturen der Verwandtschaftsbeziehungen": "Wie die Phoneme", so heißt es an zentraler Stelle "sind auch die Verwandtschaftsbeziehungen Bedeutungselemente." Erstmals gelingt es ihm aufzuzeigen, dass sich hinter der scheinbaren Kontingenz der Phänomene eine kleine Zahl genauer Regeln verbirgt, die ein kompliziertes System absurd scheinender Traditionen steuern.
Diese Analyse setzte er mit den "Mythologica" fort. In seinen Augen sogar auf "noch entscheidendere Weise", weil die Mythen anders als die Heiratsregeln keine auf den ersten Blick einleuchtende praktische Funktion haben. Ganze 20 Jahre arbeitete er an einem "Inventar der mentalen Innenräume". Vier Bände mit längst legendären Titeln sind das Ergebnis: "Das Rohe und das Gekochte" (1964), "Vom Honig zur Asche" (1967), "Der Ursprung der Tischsitten" (1968), "Der nackte Mensch" (1971).
Hommage an Richard Wagner
Den Leser aber forderte er ausdrücklich auf, er möge dieses Werk lesen wie man gewöhnlich ein musikalisches hört. Denn es war gedacht als Hommage an Richard Wagner und in der Tiefenstruktur, aber auch in der Reihenfolge angelegt wie eine Partitur: Ouvertüre, Thema und Variation. Er wollte damit eine logische Korrelation zwischen der Sprache der Mythen und derjenigen der Musik aufzeigen. Zugleich illustrieren die mythischen Organisationsformen das, was er das objektivierte Denken nennt. Den Gegensatz zwischen einem primitiven, magischen und dem wissenschaftlichen Denken hatte er bereits mit seinem Buch "Das wilde Denken" (1962) aufzulösen versucht, das er selbst, obwohl er damit einen weiteren theoretischen Schritt vollzog, als eine Art Verschnaufpause zwischen den zwei großen Brocken bezeichnete, der Analyse der Verwandtschaftsbeziehungen und den "Mythologica".
Immer wieder hat man Lévi-Strauss mangelndes Interesse an der eigentlichen Feldforschung und Theorielastigkeit vorgeworfen. Während der entscheidenden Jahre im New Yorker Exil war aber an finanzielle Mittel für große Expeditionen schlicht nicht zu denken. Ab 1941, nachdem es ihm gelungen war, in die USA zu flüchten, studierte er täglich mehrere Stunden das ethnologische Material der New Yorker Public Library, in der er auf wahre Schätze stieß: eine reiche Sammlung ethnographischer Schilderungen, die bis dahin nie vergleichend ausgewertet worden war und Grundstein seines theoretischen Werkes wurde.
Nach der Befreiung Frankreichs geht Lévi-Strauss für kurze Zeit zurück, erhält aber bald darauf den Posten des Kulturattachés an der französischen Botschaft in New York. Erst 1948 kehrt er endgültig nach Paris zurück, wo er erst als stellvertretender Direktor des Musée de l´Homme am Pariser Trocadéro engagiert wird und zwei Jahre später einen Lehrstuhl für vergleichende Religionswissenschaft an der Ecole Pratique des Hautes Etudes erhält. Tatsächlich stößt sein Denken in den traditionellen französischen Institutionen auf hartnäckigen Widerstand, so dass Lévi-Strauss jahrelang eine wissenschaftliche Randexistenz führt.
Vorwurf des Antihumanismus
Doch nach einem ersten, missglückten Versuch erhält 1959 einen Lehrstuhl am renommierten Collège de France. 1973 wird er sogar an die Académie Française berufen. Claude Lévi-Strauss, der mit seiner objektiven Lupe des Strukturalisten die Rituale der unterschiedlichen Gesellschaften analysiert hat, nimmt damit seinen Platz in der sicher ehrenvollsten, aber auch ritualisiertesten aller Institutionen des französischen Geisteslebens ein.
Doch mehr noch als der Vorwurf der Theorielastigkeit hat jener des menschenfeindlichen Strukturalismus, ja Antihumanismus auf seinem Werk gelastet. Dabei verwahrte er sich stets dagegen, gemeinsam mit Lacan, Foucault und Althusser in einem Atemzug genannt zu werden. Allen war lediglich gemein, dass man ihnen mehr oder weniger diffus die Dekonstruktion der Geschichte und den Tod des Subjektes anlastete. Aufgrund der strukturalen Gemeinsamkeiten, die er in den unterschiedlichsten Zivilisationen ausmachte, begriff Lévi-Strauss das Subjekt schlicht als "Ort eines anonymen Denkens". Etwas spöttisch bezeichnete er es sogar als "verwöhntes Kind der Philosophie", das viel zu lange die Bühne des Denkens besetzt gehalten und jede ernste Arbeit verhindert habe. "Ein Kantianer ohne transzendentales Subjekt" hat ihn daher einmal Paul Ricoeur genannt.
Tatsächlich war er ein Ethiker, aber einer der von der wesentlichen Trägheit der Struktur überzeugt war und den Glauben an die Geschichte als zielgerichteten Prozess als einen Mythos zu entlarven versuchte. Im letzten Kapitel seines Buches "Das wilde Denken" hatte er bereits mit dem Idealismus Sartres abgerechnet, obwohl er bis zum Schluss versicherte, jeden soziologischen und ethnographischen Gedanken gerne anhand von einigen Seiten Marx gegengelesen zu haben.
Als eifriger Leser Freuds und Marx´ behielt er von beiden Denkern vor allem eine Lektion in Erinnerung: Dass das Bewusstsein sich oft selbst belügt. Marxismus, Psychoanalyse und Geologie, die ihn alle drei faszinierten, stellte er allesamt auf eine Ebene: "Alle drei zeigen, dass Verstehen vor allem bedeutet, einen Typus der Realität auf einen anderen zu reduzieren; dass die wahre Realität niemals die ist, die sich am deutlichsten manifestiert; und dass das Wesen des Wahren schon in der Art und Weise durchscheint, wie es sich zu entziehen bemüht."
Kritiken und Nachrichten: Theater, Musik, Literatur, Film und Fernsehen