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Zum Tod von Claude Lévi-Strauss: Zeiten verlorener Unschuld

Strukturalist von Geburt an und Astronom menschlicher Konstellationen: Zum Tod des großen französischen Ethnologen Claude Lévi-Strauss. Von Martina Meister

Claude Lévi-Strauss ist gestorben.
Claude Lévi-Strauss ist gestorben.
Foto: afp

"Ich hasse Reisen und Forscher." So beginnt sein Buch "Traurige Tropen". Ein Satz, der das Fernweh des Lesers gleich zu Beginn erschüttert. Er gibt den Ton an und legt Zeugnis ab. Zeugnis vom Dilemma des Ethnologen, von der Aporie, die ihn sein ganzes Leben lang beschäftigt hat.

Claude Lévi-Strauss, der Vater des Strukturalismus, ist tot. Der französische Anthropologe, der wie nur ganz wenige Denker der Gegenwart den Blick des Menschen auf sich selbst radikal verändert hat, ist, wie die Académie française bestätigte, bereits in der Nacht zum Sonntag im Alter von 100 Jahren gestorben. Vor knapp einem Jahr wurde sein 100. Geburtstag im Musée du Quai Branly gefeiert, der französische Staatspräsident gratulierte ihm Zuhause. Zurück lässt Lévi-Strauss ein über 15 Bände umfassendes Werk, das weit über die Anthropologie hinaus seine Wirkung getan hat.

"Ich hasse Reisen und Forscher", schrieb er, und trieb den Widerspruch noch weiter, indem er das Buch als "Sünde gegen die Wissenschaft" bezeichnete. Eine legitime Sünde freilich, nicht nur, weil er sich mit dieser Mischung aus intellektueller Biographie und philosophisch-ethnologischen Tagebuch sprachlich vom wissenschaftlichen Diskurs entfernt und der Poesie jener beschriebenen Welt angenähert hat.

"Traurige Tropen" war auch eine Abrechnung mit der Ethnographie als Wissenschaft des schlechten Gewissens. Denn als sich Lévi-Strauss Mitte der dreißiger Jahre erstmals ins Feld aufmachte, war der Ethnologe noch derjenige, der in ferne Welten aufbrach, wie man einst auf Pilgerfahrt ging. Einer, der nach allen Regeln der Kunst versuchte, den Genozid der westlichen Zivilisation mit ihren eigenen Mitteln zu sühnen.

Der Gedanke dieser verlorenen Unschuld durchzieht das Buch wie ein musikalisches Thema. "Ich hätte gerne in den Zeiten der wahren Reisen gelebt", notiert er, "als sich das Schauspiel noch in all seinem Glanz darbot, noch nicht verdorben und verflucht." Zugleich wusste er, dass er diesen Zeitsprung mit einem Verlust an Wissen hätte bezahlen müssen, der ihm, dem Wissenschaftler, wiederum zu teuer erkauft gewesen wäre.

Gemeinsamkeiten zwischen Gesellschaften

Doch das ethnologische Dilemma war für ihn nicht nur ein historisches, sondern auch ein gegenwärtiges und höchst persönliches. Denn, so notierte er, "der Ethnograph muss zu Hause kritisch, draußen aber konformistisch sein". Auf diesem Balanceakt baut sein Werk auf, das nicht aus Zufall gerade in den augenscheinlichen Gegensätzen zwischen vermeintlich primitiven und zivilisierten Gesellschaften nichts anderes auszumachen suchte als Gemeinsamkeiten.

"Im Grunde genommen", so hat Lévi-Strauss es selbst einmal formuliert, "bin ich Vulgärkantianer und vermutlich Strukturalist von Geburt aus." Als einen naiven, einen unschuldigen Strukturalisten hat er sich gern bezeichnet. Seinen strukturalistischen Instinkt pflegte er bis in den Kinderwagen zurückzuverfolgen. Denn als er noch nicht laufen geschweige denn lesen konnte, soll aus letzterem ein lauter Aufschrei gekommen sein: Der kleine Claude hatte entdeckt, dass die ersten drei Buchstaben der Ladenschilder des Bäckers, des "boulanger", und des Fleischers, des "boucher", im Französischen, tatsächlich "bou" bedeuten mussten, weil sie in beiden Fällen gleich waren. "In diesem Alter", so schlussfolgerte Lévi-Strauss scherzhaft, "habe ich schon nach Invarianten gesucht."

"Wie wird man Ethnologe" ist der Titel eines Kapitels der "Traurigen Tropen". Über Umwege, ist die Antwort. Umwege im wahrsten Sinne des Wortes. Claude Lévi-Strauss, am 28. November 1908 in Brüssel von französischen Eltern geboren, wuchs in Paris in einem jüdischen, aber nichtpraktizierenden Haushalt auf, den der Vater mit Porträtmalerei über Wasser zu halten versuchte. Nach wenigen Semestern Jura studierte er Philosophie, auf die er indes schnell einen kräftigen Hass entwickelte. Ihr Studium, urteilte er später, rege zwar die Intelligenz an, aber trockne den Geist aus: "Im Meer der Philosophie war die Ethnologie mein Rettungsanker."

Philosophie im Feld

Nachdem er an verschiedenen Gymnasien unterrichtet hatte, wurde er 1935 an die Universität von São Paulo nach Brasilien entsandt. Dort machte sich Lévi-Strauss das erste Mal auf ins Feld: Mato Grosso und Amazonien. Aus einem ausgebildeten Philosophen wurde ein Ethnologe. Einer, der die Philosophie freilich nie ganz hinter sich gelassen hat.

Als "Astronom menschlicher Konstellationen" bezeichnete er sich gern. Tatsächlich liest sich sein Werk in der Gesamtschau als Suche nach den Koordinaten menschlicher Existenz. Er wollte, inspiriert von seinem philosophischen Vorbild Rousseau, den Übergang von der Natur zur Kultur verstehen und legte alles darauf an, eine Art Matrix der menschlichen Existenz herauszuarbeiten, eine Struktur, die allen Gesellschaften gemein ist: "ein Netz grundlegender und gemeinsamer Zwänge, anders gesagt, eine ursprüngliche Logik".

Verhältnisse und Gegensätze

Entscheidend für die Wende hin zur strukturalen Anthropologie war die Entwicklung der Sprachwissenschaft, vor allem der Prager Schule um Roman Jakobson, den er im New Yorker Exil kennengelernt hatte. Jakobson begriff die einzelnen Elemente der Sprache nicht mehr als unabhängige Entitäten, sondern zeigte auf, dass sie ihren Wert einzig und allein aufgrund ihrer Position im System erlangten: aufgrund von Verhältnissen und Gegensätzen. Diese Einsicht war es, die Lévi-Strauss auf die Anthropologie übertrug.

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Autor:  Martina Meister
Datum:  3 | 11 | 2009
Seiten:  1 2
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