Frank McCourt hielt es für günstig, dass ihn der Ruhm spät ereilte. Andernfalls hätte es ihn ungefähr so erwischt wie Dylan Thomas, der sich mit 39 zu Tode soff: "Ich wäre längst tot", sagte McCourt vor drei Jahren in einem Interview, "ich hätte keinen einzigen von den vielen Drinks, die mir angeboten worden sind, abgelehnt und wäre hinter jeder Frau auf der Welt hergewesen." Gut also, dass der Ruhm erst mit 66 Jahren kam, als "ich nicht mehr ganz so verrückt war wie als junger Mann".
Um mit Udo Jürgens zu sprechen: Der pensionierte irisch-amerikanische Lehrer Frank McCourt kam 1996 erst richtig in Schuss. In diesem Jahr machte ihn sein autobiographisches Erinnerungsbuch "Die Asche meiner Mutter" über Nacht zum literarischen Superstar. Er bekam den Pulitzer-Preis, verkaufte in der Folge mehrere Millionen Buchexemplare und lernte, dass ihm jeder mit einem Mal "in einer Weise zuhörte, in der mir als Lehrer niemals zugehört worden war".
Die Geschichte einer erbärmlich bitterarmen irisch-katholischen Kindheit war vorher schon hunderte Male erzählt worden, aber McCourt erzählte die seine in einer unvergleichlichen Mischung aus Fabulierfreude, Humor, Wahrhaftigkeit und Mitgefühl für das Dickens-sche Ambiente und Buchpersonal, das von ihm selbst und seiner Familie gestellt wurde: Ein Alkoholiker-Vater, der das karge Familieneinkommen vertrank, eine im Überlebenskampf rotierende Mutter und sieben Kinder, von denen drei nicht überlebten. Ort der Handlung: das irische Limerick, in das die nach New York ausgewanderte Familie McCourt in den Depressionsjahren zurückkehrte, um dort nur noch mehr ins Elend abzusinken. Mit elf ist Sohn Frank durch kleine Diebstähle zum Hauptfamilienernährer geworden. Eine Tuberkulose-Krankheit beschert ihm in einem Krankenhaus die drei luxuriösesten Monate seiner Kindheit mit warmem Wasser, Bettlaken und regelmäßigem Essen.
Am meisten erstaunte wahrscheinlich das völlige Fehlen von Bitterkeit und Ressentiment in McCourts Darstellung dieses Lebens. Und dann war da noch etwas: Des jungen Frank Entdeckung der Liebe zur Literatur, zum Schreiben und Geschichten-Erzählen und natürlich seine Entdeckung des anderen Geschlechts. Es war ein furioses Buch, wie gemacht, das Lieblingsbuch Hunderttausender zu werden. Kaum drei Jahre später schoss McCourt noch einen zweiten Teil "Ein rundherum tolles Land" nach, in dem er - nicht minder farbenprächtig - von seinen Vom-Hafenarbeiter-zum-Lehrer-Immigrantenjahren in New York erzählte. Auch das wurde ein Bestseller.
McCourt avancierte zum Helden des Literaturgeschäfts und, wie er sagte, zu "der Welt erster Not- und Elendsexperte", der immer dann eingeladen wurde, wenn es um Krankheit, Armut und Schrecken ging.
Er quittierte das mit feiner Ironie, pflegte ein paar kindheitsgeprägte Eigenheiten ("Die Vorstellung, dass man überhaupt etwas essen muss, macht mir Probleme. Am liebsten würde ich nur von Luft leben.") und ein paar harmlose Süchte ("Ich bin lese- und Morgenkaffee-süchtig. Früher gab es noch eine andere Sucht: Frauen") und nahm, um seinen späten Welterfolg zu verkraften und jedes Mal, wenn er wieder einen Literaturpreis bekam, einige seiner "Demuts-Pillen" ein.
2006 veröffentlichte er schließlich noch ein drittes Erinnerungsbuch über seine drei Jahrzehnte als Lehrer an New Yorker Schulen: "Im High-School-Klassenzimmer ist man Feldwebel, Rabbi, Schulter zum Ausweinen, Zuchtmeister, Sänger, Stubengelehrter, Büroangestellter, Schiedsrichter, Clown, Berater, Beauftragter für die Kleiderordnung- Politiker, Therapeut, Narr, Verkehrspolizist, Priester, Mutter-Vater-Bruder-Schwester-Onkel-Tante, Buchhalter, Kritiker, Psychologe, Rettungsanker", schrieb McCourt darin, und gewiss hat sich selten ein Lehrer so bemüht, all diese Rollen auf so denkbar unkonventionelle Weise auszufüllen wie er.
Das Klassenzimmer machte Frank McCourt - der seine eigene Schulzeit in Irland als reine Folterkammer in Erinnerung hatte - zu einer Welt, in der alles Platz haben sollte; vor allem der Eigensinn. Er ließ seine Schüler Koch-Rezepte mit Instrumentalbegleitung vortragen und Entschuldigungsbriefe von Adam und Eva an Gott schreiben, er schwadronierte stundenlang über sein eigenes Leben, verteilte gute Noten wie Erdnüsse und stellte sich im Zweifelsfall immer auf die Seite seiner Schüler. Das Buch war das heiter-ernsthafte Dokument des Ringens um eine sinnvolle Pädagogik, in der Lehrer McCourt die wildesten Pirouetten schlug, viel Lehrgeld zahlte, sich zum Trottel machte und gelegentlich echte Erfolge feierte.
Von Abgebrühtheit zeigte McCourt auch hier keine Spur, er blieb wendig und lebendig und beruhigte sich zwischendurch immer wieder mit der Beschwörungsformel "Hilf, Himmel, hilf, was soll das alles?".
Die Frage könnte für ihn nun beantwortet sein: Am Sonntag ist Frank McCourt, bei dem im Mai Hautkrebs diagnostiziert worden war, im Alter von 78 Jahren in New York an den Folgen einer Hirnhautentzündung gestorben.
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