Kurz vor ihrem 90. Geburtstag wurde sie noch einmal grundsätzlich. "Die Literatur hat heute den Hang, sich viel mehr der Deviation zu widmen als dem Normalen." Das Interesse am Normalen sei am Erlöschen und die Deviation, also die Abweichung, begeistere. Auch Mord, sagte Gertrud Fussenegger in Anspielung auf den Amoklauf von Erfurt im Jahre 2002, sei Deviation.
In ihrem schriftstellerischen Werk hat Gertrud Fussenegger sich der Entfaltung des Normalen gewidmet. Bearbeitete sie zunächst historische Stoffe aus verschiedenen Epochen, so entwarf sie in ihrem Hauptwerk von 1951, "Das Haus der dunklen Krüge", eine Familiensaga im böhmischen Pilsen des 19. Jahrhunderts, die ihr bisweilen den Vergleich mit Thomas Manns "Buddenbrooks" einbrachte. Stilistisch stand Fussenegger jedoch eher in der Tradition des französischen Gesellschaftsromans.
Mit "Bourdanins Kinder" führte Fussenegger 2001 ihren Familienroman bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs fort und stellte darin auch autobiografische Bezüge her. Trotz ihrer anerkannten Bedeutung für die österreichische Literatur blieb die 1912 in Pilsen geborene Fussenegger wegen ihres Verhaltens während der NS-Zeit bis zuletzt umstritten. Schon im Mai 1933 war sie der österreichischen NSDAP beigetreten und veröffentlichte Texte und Gedichte im Völkischen Beobachter, darunter antisemitisch geprägte Reisereportagen aus Prag.
Trotz ihrer Rehabilitierung in der literarischen Welt der Nachkriegsjahre tat sich Fussenegger schwer, ihre ideologische Verblendung einzugestehen. Lasen Kritiker ihre Autobiografie "Ein Spiegelbild mit Feuersäule" als ein peinliches Dokument der Verdrängung und der Verstocktheit, so sahen andere in ihrem Spätwerk eine Art literarische Buße. Gertrud Fussenegger ist nun in Linz im Alter von 96 Jahren gestorben.
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