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30. Oktober 2009

Zum Tode Fritz Vogelgsangs: Liebhaber der Poesie

 Von Egon Ammann

Fritz Vogelgsang ist tot, eine bedeutende Übersetzer-Persönlichkeit, ein unbeirrbarer Liebhaber der Poesie. Was er für die spanischsprachige Literatur im deutschen Sprachraum unternommen hat, ist eine einzigartige Leistung. Von Egon Ammann

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Eine bedeutende Übersetzer-Persönlichkeit ist tot, ein unbeirrbarer Liebhaber der Poesie, ein Homme de Lettres, ein weiser schwäbischer Buddha, einstmals unverzagter Toscani- und Toscanelli-Raucher - und wer die schwarzen Dinger kennt, weiß, dass dies die besondere Eigenheit des Rauchers unterstrich: Fritz Vogelgsang. Am 22. Oktober ist er wenige Monate vor seinem 80. Geburtstag in seinem spanischen Refugium Chiva de Morella in der Provinz Castellón verstorben. Seine Asche wurde, so sein Wunsch, in den Hügeln um sein geliebtes Dorf verstreut.

Was er für die spanisch- und katalanischsprachige Literatur im deutschen Sprachraum unternommen hat, ist eine einzigartige Leistung. Nicht nur, dass er uns schon früh, in den 60er und 70er Jahren, das Werk Pablo Nerudas und Octavio Paz´ vermittelt hat. Wo es um seine geliebte Poesie ging, war er als einer der ersten mit starken Übersetzungen zur Stelle.

Nicht, dass es ihm darum gegangen wäre, ein Erster zu sein, Eile gehörte nicht zu seinem Charakter, aber außer ihm waren nur wenige andere, mit denen er kollegial verbunden war, auf großer Entdeckerfahrt unterwegs: Vicente Huidobro, Rafael Alberti, die Legenden Miguel Ángel Asturias, Juan Ramón Jimenez u.a. Oder etwa die Tragikomödie "Celestina, von Calisto und Melibea", auf der selben künstlerischen Höhe wie der "Don Quijote" gehandelt, dieses berühmteste Bühnenwerk Spaniens, ohne je auf die Bühne gekommen zu sein, das er übertragen und dem Autor, Fernando de Rojas (1461? - 1541), ein "Ruhmesscheuer" wie Vogelgsang in seinem erhellend ausführlichen Nachwort schreibt, nach Jahrhunderten zur eindeutigen Urheberschaft verholfen hat.

Teresa von Avila aus dem 16. Jahrhundert, die "Große", hat er ebenso übersetzt , wie den Sprung über den Atlantik in unsere Zeitgenossenschaft zu Rosario Castellanos gewagt, der besonderen Mexikanerin. Oder, auf den ersten Blick ungläubig, die Übersetzung des Romans "Die Wildgans" von Ogai Mori, dies aus dem Japanischen. Japan hatte er besucht und die Sprache erlernt, ins N-Theater hatte er sich verliebt. Und dann, aus dem Katalanischen, der Gigant "Der Roman vom Weißen Ritter Tirant lo Blanc" von Joanot Martorell sowie das dichterische Gesamtwerk von Salvador Espriu, dem bedeutendsten Dichter Kataloniens. Für diese und andere Werke ist Fritz Vogelgsang mit den angesehensten Preisen aus Spanien und Deutschland geehrt worden.

Wir haben uns Ende der 80er Jahre in seinem schwäbischen Pfarrhaus, das er mit seiner Familie in Markgröningen bewohnte, kennengelernt, und was ein Besuch von höchstens zwei Stunden werden sollte, weitete sich über acht Stunden bis in die Nacht hinein aus, treulich umsorgt mit Tee und Essen von seiner fürsorglichen Gattin. Damals haben zwei Begeisterte die großen Ausgaben miteinander besprochen, die sie zusammen in Angriff nehmen wollten: César Vallejo und Antonio Machado. Vallejo war der eigentliche Anlass meines Besuchs. Der Philologe Vogelgsang wies auf die Schwierigkeiten für die Übertragung der Arbeiten von Vallejo hin. Wie soll man z.B. die Vokabel "Trilce" übersetzen? Wie die indigenistischen Einstreuungen in die Texte, die sich vordergründig sehr spanisch geben, aber von hinterhältiger semantisch-ideomatischer Tiefe sind? Und über die Stunden haben wir gut und gerne die spanischsprachige Poesie des vergangenen Jahrhunderts miteinander besprochen, wobei unversehens Machado im Vordergrund stand.

In diesem Spätsommer hat Fritz Vogelgsang die Arbeit am fünften und letzten Band der Machado-Ausgabe abgeschlossen, womit erstmals das Gesamtwerk des bedeutendsten spanischen Dichters des vergangenen Jahrhunderts in vollständiger deutscher Übersetzung vorliegt, die Gedichtbücher zweisprachig, die Prosa, das Gedankenbuch "Juan de Mairena" etwa, einsprachig deutsch. Zu jedem Band hat er ausführliche Essays verfasst, die die Texte vertiefen, Bezüge aufzeigen und über die Vorlage in die kulturgeschichtlichen Referenzen hinausweisen.

Fritz Vogelgsang war ein wunderbarer Briefeschreiber, ein Erzähler darin, der es unter drei Seiten kaum je gemacht, auch ein ebenso geduldiger Telefonierer. Das konnte strapaziös sein, aber immer anregend, humorvoll und geistreich. Er hatte so wenig Zeit wie andere, aber er hat sich die Zeit für andere genommen, für seine Arbeit wie für sein Gegenüber.

Was den Übersetzer über seinen eigentlichen Auftrag, den er als großer Meister erfüllte, hinaus auszeichnete, das waren seine Nachworte, die ihm zu glänzenden Essays gerieten. Darin gab nicht nur ein schwärmerischer Liebhaber Auskunft, Schwärmen konnte Fritz Vogelgsang auch, doch hier berichtete ein äußerst sorgfältig vorgehender Philologe und kulturhistorisch Versierter über die "erforschten Ergebnisse" zu seinem Gegenstand.So brachte er uns seine Dichter näher, ihre Lebenswelten und ihre Werke. Und wie eine Meistersignatur an großen Kathedralen vernehmen wir in seinen Übersetzungen da und dort den ihm ganz eigenen Ton, sein Hauch aus Schwaben. Fritz Vogelgsang, der beharrliche "Diener und Arbeiter" wird fehlen, ein Übersetzer, dem wir Welt verdanken. Wer wird seinen Platz einnehmen?

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