Wenn man einen Menschen über 40 Jahre kannte, kennt man ihn ganz gut. Wenn man ihn dabei in zwei unterschiedlichen Gesellschaftsordnungen kannte, kennt man ihn noch besser. Zu Jürgen Goschs Geheimnissen gehörte, dass ich niemals zu Lebzeiten davon erzählen sollte, dass er auf einem bekannten Plakat aus den 50er Jahren das Kleinkind auf dem Arm des ersten und letzten Präsidenten der DDR Wilhelm Pieck war, und dass er ein Theaterstück geschrieben hatte, wo sich ein altes Paar trifft, dass sich zankend auseinander redet und das für die Volksbühne gedacht war, und ebenso geheim gehalten wurde. Voll höchsten Respekts vor allem Geschriebenen, das sich dauerhaft bewährt hatte, wollte er nie Eigenes zu Papier bringen, das nicht besser als bereits Bestehendes war. Nur Neueres als Begründung reichte ihm für seine Maßstäbe nicht.
Auch war er der Sprache gegenüber misstrauisch, wusste um ihre Defizite und liebte sie nur in ihrer artifiziellen Form, da, wo sie sich so verdichtete, dass sie sich selber nicht mehr entkommen konnte. Mochte sie einfach oder von dichterischem Habitus getragen sein, diskutierten wir über Jahre, durchaus Benjamins Ansatz aufnehmend, wie eine neue Sprache aussehen müsste, die die Versteinerungen, von Klemperer beschrieben, aufbrechen konnte. Das ging zu Unterabteilungen wie man Freunde noch nennen konnte, wie viele Liebesbegriffe noch nicht gefunden waren, was Begriffe wie Ehre, Vaterland, Heldentum vampirisch ausnutzten um ganze Generationen ins Grab zu führen.
Jürgen Karl Klauß, geboren und aufgewachsen in Berlin und inzwischen in mehreren Städten wohnhaft, ist Autor, Regisseur, Produzent, Schauspieler, Journalist und Filmkritiker.
Zu den wichtigsten Theaterregisseuren in seinem Leben rechnet er neben B.K. Tragelehn und Thomas Langhoff auch Jürgen Gosch, mit dem ihn eine lange Zusammenarbeit und Freundschaft verband. Jürgen Gosch, der am 11. Juni in Berlin gestorben ist, wird heute auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin beigesetzt.
Es gab noch andere Geheimnisse, aber sie sind privater Natur. Die beiden erst genannten Beispiele deuten jedoch Komplexitäten an, wie sie von Einar Schleef bis zu Thomas Brasch von Jahr zu Jahr immer weiter gehoben werden. Freilich von anderer Natur weil sie auch schrieben. Aber Jürgen Gosch, der das Flüchtige des Theaters liebte und nicht in Stein gehauene Literaturwerke für Museen hinterlassen wollte, dem Spielerischen aufgeschlossen blieb wo mehr Ernsthaftigkeiten für ihn steckten als in allem Apodiktischen, war ein großer, stiller Menschenkenner.
Für den immer dahin strömenden, von federndem Gang getragenen ewig jungenhaften Jürgen Gosch war alles viel zu kurzlebig und vergänglich, als dass er es sich angemaßt hätte, irgend etwas literarisch festhalten zu wollen, das nicht jedem Zeitverlauf widerstand. Aber wann hatte man denn Zeit das zu prüfen? Denn was Kunst ist, bewies sich für ihn erst in der Bedeutung nach Hundert Jahren, mindestens.
Zwar prangte noch in seiner Wohnung in der Erich Weinert Straße Ostberlin in seinen jungen Jahren das Che-Guevara-Plakat, aber vielleicht bestand ja auch seine, über viele Jahre bevorzugte Schauspielerin und Frau Heidemarie Schneider darauf, weil der Typ ja auch irgendwie gut aussah.
Von Thomas Langhoff besorgte er sich den Spiegel; von Heiner Müller borgten wir uns "Zettels Traum", der ihn sich von Wolfgang Heise, nach der Invasion in die Tschechoslowakei 1968 geschasster philosophischer Dekan der Humboldt-Universität, geborgt hatte, von B.K. Tragelehn das "Kursbuch", von Erich Arendt brachte ich die "Zeit" mit. Ansonsten versorgte ich ihn mit aller damals anhängigen Literatur die meine Westberliner 2 CV-Entenfahrer unter Sitzen versteckten, von Benjamin, Trotzkij und Reich bis zu den gesammelten Strukturalisten.
Er liebte Natur, besonders wenn sie gesellschaftlich eingebettet war, etwa den ausgebauten Ziegenstall in der Nähe von Berlin als Wochenenddomizil, wo er fasziniert zuschaute, wenn der taubstumme Opa im Rollstuhl morgens auf die Dorfstraße und abends wieder rein gefahren wurde, und niemand bemerkte, dass ihn zwischendurch Gewitterböen schüttelten, wie er auch stundenlang Kleinkinder beobachten konnte, und sich daran ergötzte, wie sie mit Energie los krabbelten, plötzlich der Impetus verloren ging warum sie losgerutscht waren, einige Sekunden guckten, dann heulten, und lachte dann so schallend wie sonst nur noch beim oftmals langen Start ihres Saporoschez, der aus sowjetischen Panzerfabriken zu kommen schien.
Er war einer meiner heitersten Gefährten über 40 Jahre und ich brauche mir nur eine Situation mit ihm vorzustellen, um in Lachen auszubrechen. Von meiner Mutter pumpte er sich Westgeld, um im Intershop einzukaufen, war er doch ein großer Gourmet der leicht zum Gourmand werden konnte. Das Weinangebot der DDR in den 60er Jahren war erbärmlich, das Speisenangebot kärglich. Aber man lernte zu zaubern, wusste was Kräuter sind, und er kochte gern und gut.
Es war das unsichtbare Band einer Generation, die den theoretischen Marx im Kopf hatte und mit dem täglichen Praxismüll umzugehen versuchte. Aber Gosch sträubte sich zunächst gegen einen Umzug in den Westen. Er fürchtete das entpolitisierte Unterhaltungspublikum des Westens, den Verlust der täglichen Bruchstellen, an denen wir uns alle rieben und inspirierten, das Wegbrechen eines philosophischen Fundaments mit den vielen Strickleitern die uns alle verbanden. Nach kurzem Zwischenspiel in Hannover entdeckte ihn Jürgen Flimm, dem er jahrelang treu blieb wie sonst nur noch lebenslang Thomas Langhoff.
Er erzählte gern von seiner neuen Frau Angela Schalenec, die über die Schauspielerin zur Filmregisseurin wurde, und den gleichen Minimalismus und Purismus in ihrer Kunst mit ihm teilte.
Der über 40 Jahre fast immer gut gelaunte, eben sehr gern lachende Jürgen Gosch, der das Handwerk liebte und im Handwerk die Präzisionen und Genauigkeiten, das Absurde in der Logik, das Konkrete vor dem Allgemeinen, den Unterbau vor dem Überbau, das Skelett vor dem Fleisch, blieb der Kulturindustrie immer skeptisch gegenüber. Er scherte sich nicht um Deutungen seiner Arbeiten, wie ihm jede Inszenierung nur eine sich verdichtende Wolke war, die sich gleichsam verdunkelnd oder Sonnenstrahlen hell reflektierend dem Zuschauer achtsam näherte.
Er liebte die Arbeit als unterhaltsamsten Teil seines Lebens. Ob Parchim, Potsdam, Erfurt oder Berlin war ihm eher egal, wie später Hannover, Hamburg, Köln, Düsseldorf, Frankfurt/ Main oder Zürich, blieb doch das wache Publikum entscheidend.
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