Das Leben des Peter Zadek ist eine der bewegendsten und schönsten Geschichten, die das deutsche Theater nach dem Holocaust und bis heute zu erzählen hat. Der Berliner Junge mit dem ostjüdischen Namen, Zadek, der Gerechte, der 1926 im Berliner Stadtteil Wilmersdorf geboren worden war, emigrierte bereits 1933 mit seinen Eltern nach London. Nach ein paar Semestern in Oxford und einem Regiestudium in London begann er Theater zu machen, er konnte nicht mehr richtig Deutsch, in England aber fühlte er sich auch nicht richtig wohl.
Äußerlich gesehen war es ein Zufall, dass dieser Mann dann nach Deutschland zurückkehrte, 1958 erarbeitete er seine erste Inszenierung in Köln. Seitdem ist Zadek ein Geschenk gewesen, ein Geschenk an Deutschland, ein unverdientes Geschenk, der Vertriebene hat dieses Land mit seinem Theater beglückt, weil er es irritiert, verstört und so mit sich, so weit das geht, versöhnt hat. Zadek, man muss es so sagen, war für Deutschland eine Gnade.
In England hatte Zadek bereits Genet, dessen "Balkon" er dort uraufführte, das Fernsehen, er arbeitete für die BBC, und die Theaterprovinz entdeckt, wo er eine zeitlang wöchentlich ein neues Stück herausbrachte. Das passte nicht zusammen, aber es war mehr als ein Zufall, alles drei gehörte untrennbar zu Peter Zadek, seinem Genie, seiner Einzigartigkeit. Zadek war progressiv und provokativ wie Genet, gleichzeitig kannte er keinerlei Berührungsängste mit der niederen Kultur, mit der Massenkultur in allen Spielarten.
Er liebte den Boulevard
Er liebte den Boulevard, später brachte er Ayckbourn nach Deutschland, er drehte einen Film nach Simmel, er inszenierte mit Udo Lindenberg die Dröhnland-Symphonie. Einer seiner größten Erfolge wurde "Kleiner Mann, was nun?" nach Fallada, Zadek machte immer Volkstheater. Aber das hatte bei ihm nie etwas Gestriges. Für ihn war Theater Entertainment, Peter Zadek war im Showbusiness tätig, nicht in einer moralischen Anstalt oder einem verlängerten Uni-Seminar, wie es in Deutschland gern verstanden wird.
"Ich bin ein Elefant, Madame", Kinofilm von Peter Zadek, Deutschland 1969. Der Film basiert auf dem Roman "Die Unberatenen" von Thomas Valentin (1963). Er zeigt das Leben von Schülern und paraphrasiert so die Studentenrevolte der 1960er Jahre. Zadek erhielt dafür bei der Berlinale 1969 den Silbernen Bären.
Peter Zadek, der in der Nacht zum Donnerstag im Alter von 83 Jahren gestorben ist, schenkte Deutschland das Leben, auch dieser Satz ist nicht übertrieben. Er schenkte Deutschland, das ihn vernichten wollte, dann später doch wieder sein Leben, das er hier verbrachte, und er suchte und fand in seinen Aufführungen wie kein anderer Regisseur das Leben, das heißt das Lebendige.
Er suchte nach dem, was in den Menschen drin steckt, er konnte sich dem nähern, ohne es kaputt zu machen. Im Lauf der Jahrzehnte tat er das auf sehr unterschiedliche Weise. Aber immer waren die Rollen Werkzeuge, um seinen Schauspielern nahe zu kommen, und die Schauspieler waren Werkzeuge, um die Figuren aus den Stücken lebendig zu machen. Zwei Seiten einer Suche nach dem, was in uns liebt, stiehlt und hurt, nach dem Stoff, aus dem wir gemacht sind, nach dem Lebendigen: Vielleicht war Zadek ein ins Positive gewendeter, lebensbejahender Woyzeck.
Wir wissen nicht, woher die Lebenslust des Peter Zadek kam, aber wir wissen, dass wir uns glücklich preisen können, dass er uns an ihr hat teilhaben lassen. "Inszenieren ist herausfinden, was sich in einem Menschen wirklich bewegt." Ja, das ist wohl wahr. Zadek war mit einer Emphase an diesem Menschen interessiert, die ihn über alle anderen herausgehoben hat, ohne dabei jemals irgendetwas Gefühliges zu bekommen.
Randvoll mit Gefühl, aber nicht sentimental
Seine Inszenierungen, der große "Kirschgarten" am Wiener Burgtheater etwa, waren randvoll mit Gefühl, ohne auch nur einen Moment sentimental zu sein. Zadeks gesteigerte Sensibilität, seine Liebe zum Leben, hatte etwas mit der Liebe zum Leiden zu tun - jene Hypochondrie, die ihm eigen war, und die wahrscheinlich damit zusammenhing, dass er Jude war. Diese Liebe zum Leiden ist ganz eng verschwistert mit der Liebe zum Leben. Auch das Mitleid, jenes Ding für das wir uns immer etwas schämen, das aber vom frühesten Anfang an zum Theater gehört, würde es ohne das Leid nicht geben. So war Zadek dort, wo das Theater wahr und groß ist, das war sein Platz.
Lange bevor es das Wort "Trash" gab, hatte Zadek vieles, was diesen ausmacht, in seinen Kosmos integriert. Am Anfang und bis in die achtziger Jahre hinein wirkte er, der nicht alt wurde, wie ein Regierevoluzzer: derb, poppig, ungeschliffen. Davon lebten seine großen Theateraufführungen, Shakespeare, Shakespeare vor allem. Mit Tschechow und Ibsen feierte er in den neunziger Jahren dann die größten Triumphe. Selbst diese gegenüber den frühen Jahren auf den ersten Blick zahmen Aufführungen hatten immer noch etwas Raues, das sie direkt, spürbar und lebendig machte - immer wieder kommt man bei Zadek auf dieses Wort.
Zadeks Menschen waren gegenwärtig. Er hatte kein historisches Interesse, mit keiner Faser war dieser Regisseur ein Philologe. Sie waren da, so selbstverständlich wie reale Menschen, gleichzeitig aber waren sie getrieben von einer Kraft, die wahrzunehmen nur das Theater in der Lage ist. In Shakespeares Komödien, in der Mischung von rauem Scherz und zarter Poesie, fließen die Eigenschaften von Peter Zadek zusammen. Vielleicht stellt man sich am besten vor, dass er eine Mensch gewordene Shakespearekomödie gewesen ist.
Er machte immer, was er wollte
Er war nie kalkulierbar, er machte immer, was er wollte, er gab seine erste Intendanz in Bochum auf, als er merkte, dass ihn das einschränkte, er stritt sich während seiner kurzen Hamburger Intendanz ausdauernd mit der Hamburger Politik, er verkrachte sich mit den Münchner Kammerspielen, er gehörte dem Leitungsteam am Berliner Ensemble nur sehr kurz an, er ist der Regisseur, dessen Honorarforderungen die unmäßigsten waren, er scherte sich einen Dreck um das, was nicht seine Sache war - heute können wir sagen: zum Glück. Am Anfang war er tatsächlich radikal, verstörend, ausreizend, die freien Räume nutzend. Er schiss sich um nichts.
Sichtbar, groß, wurde Peter Zadek in den Jahren 1966 und 67, als er "Die Räuber" - es blieb der einzige deutsche Klassiker, den er auf die Bühne brachte - und noch einmal nach 1960 Shakespeares "Maß für Maß" inszenierte. "Die Räuber", das ist die Aufführung mit dem berühmten Lichtenstein-Bühnenbild von Wilfried Minks, ein klarer Fall von Konzepttheater, in dem auch die Figuren zu Comics wurden, damals ein Streitpunkt zwischen Zadek und Minks.
Zadek schrieb in seinem Buch "My Way", dass er die Aufführungen der Bremer Zeit, die das, was er zuvor in Ulm erarbeitet hatte, in eine fertige Form, ein Resultat, brachten, nicht besonders mochte. "Dieses erste Endresultat war sicherlich gut, war aber auch ein beispielloser Fall von Regietheater, das eben primär auf das Gesamte zielt und sich nicht so sehr um den einzelnen Schauspieler kümmerte."
Raum und Phantasie weit öffnen
"Maß für Maß" überwand diese Phase, Zadek entwickelte seine Methode, für sich und die Schauspieler den Raum der Phantasie weit zu öffnen. Es war ein Moment der Freiheit: "Freunde, ich weiß nicht genau, was jetzt kommt, aber ihr müsst jetzt bitte Vertrauen haben, tut mir einen Gefallen, macht einfach mal, was ich euch sage, und wir diskutieren anschließend darüber", sagte er auf der Probe. So begann Zadek wieder, nachdem er die Proben zehn Tage unterbrochen hatte. In dem ebenfalls berühmten Glühbirnen-Rahmen von Minks machte Zadek dann ein Theater, das von vielen, einschließlich seinem späteren Antipoden Peter Stein, der damals auch in Bremen war, imitiert wurde.
Den meisten fiel zuerst die zeitgemäße Körpersprache auf: Comic-Gesten, Horrorfilm und Jugendgebaren mischten sich. Vor allem aber nahm sich Zadek mit dieser Aufführung die ganze Freiheit, er reagierte direkt auf seine Intuitionen. Zadek ließ den Herzog in der Mitte des Stücks umbringen, was nirgendwo stand, weil er die Autorität des Herzogs unerträglich fand, weil er es unerträglich fand, wie er sein eigenes Land als Versuchslabor betrachtete. Zadek definierte auch die Ehre der Frau vollkommen um: Soll Isabella sich doch beschlafen lassen, wenn sie dadurch ein Leben retten kann!
Dass er Großes, Bleibendes schuf, wurde mit seinen Shakespeare-Inszenierungen in der Zeit seiner Bochumer Intendanz unübersehbar: Der Kaufmann von Venedig, Lear, Othello, Hamlet. Ulrich Wildgruber, anfangs mehr als umstritten, stand im Zentrum: Chaotisch, wild, ungezähmt, wüst, das Innere hervorschleudernd. Wildgruber war wie kein anderer Zadeks Werkzeug in diesen Jahren, ein Schauspieler, bei dem man Angst haben musste, dass er sich an dem Abend, den man sah, verzehrte und verbrannte. Man kann sich daran erinnern, auch ohne dabei gewesen zu sein.
Geheimnis des Lebens im Überleben
Mit diesen Aufführungen hat Peter Zadek etwas erfunden oder wiedergefunden, wer kann das wissen, was seitdem ein Gemeinplatz geworden ist: Größe und Abgrund, Schmutz und Glanz, Schmerz und Glück gehören zusammen. Bei Zadek war aber das nie ein Gemeinplatz, bei Zadek war das eins, es war der Kern, bevor sich die Eizelle zu teilen beginnt. Vielleicht lag für Zadek das Geheimnis des Lebens im Überleben. Die Gier und das Gefräßige des Überlebens finden - auf die Bühne übersetzt - im Morast statt nicht Palast, im Glanz. Aber der Mensch erscheint in diesem Bühnenschlamm größer als in jeder anderen Situation, vielleicht ist das der Punkt, wo Zadeks Biografie und sein Werk zusammenhängen. Ausgestellt hat er es nie.
1961 inszenierte er den "Kaufmann von Venedig" das erste Mal in Deutschland, eine Provokation. Der Jude Shylock war für Zadek ein Verbrecher, und er zeigte es. Niemand wollte das sehen. 1972 in Bochum, Hans Mahnke spielte den Shylock, wurde er ein hässlicher, böser, alter Mann, sein Gegenspieler Antonio dagegen versuchte, diesen Shylock so positiv zu sehen, wie es nur ging. Eine neue Verunsicherung. 1988 brachte Zadek seine vierte Variante des Stücks (in den Vierzigern hatte er es in England inszeniert) im Burgtheater heraus, jetzt spielte Gert Voss den Shylock, unjüdisch, einer, der sein Leben, sein Überleben selbst in die Hand nahm, wenn es sein muss mit Gewalt, ein Kämpfer, Voss war dann ein verschlossener Broker. Und wieder traf Zadek den deutschen Nerv, wieder legte er bloß, wie die Deutschen den Juden gerne sahen: als Opfer. Ähnliche Entwicklungen ließen sich mit Othello und Hamlet zeichnen, mit den Höhepunkten von Ulrich Wildgrubers schwarz verschmiertem Othello und dem Hamlet von Angela Winkler.
Auch mit Ibsen und Tschechow gelang Zadek großes Gegenwartstheater. Beim Baumeister Solness, 1983 in München, erreichte er das nicht durch eine Interpretation, sondern durch eine überzeugende Besetzung, eine seiner ganz großen Stärken, Barbara Sukowa und Hans Michael Rehberg spielten die Hauptrollen, durch unmittelbar berührendes Theater. In den Tschechow- und Ibsenarbeiten war die unerfüllte Liebe eigentlich reifer Menschen der emotionale Mittelpunkt der Aufführungen. Angela Winkler und Sepp Bierbichler spielten das im Wiener Kirschgarten von 1996 so zurückhaltend, wahr und deutlich, wie es nur in einer Zadek-Inszenierung vorstellbar ist.
Zadekuntypisch: eine Ballade in Moll
Eine zadekuntypische Ballade in Moll wurde daraus in Ibsens Rosmersholm von 2000, der letzten überragenden Aufführung Zadeks. Man sieht zwei Menschen zu, Angela Winkler und Gert Voss, Rebekka und Rosmer, die miteinander und durcheinander ihr Leben zu einer Katastrophe gemacht haben, die sich noch einmal aufbäumen wollen, die sich aber mit ihren endlosen Gesprächen endgültig zerstören, voller Schuld, Gram, Erinnerung. Sie wissen, dass das Leben nicht zurückzuholen ist, und gehen ganz leise in den Tod. Zartes Theater, horchendes Theater, ganz nach innen gekehrtes Theater.
Diese Eindrücke waren so stark, dass in Zadeks Aufführungen etwas passierte, was eines der Wunder ist, die es im Theater gibt. Manche Schauspieler, Ulrich Wildgruber, Eva Matthes, Angela Winkler, Sepp Bierbichler, Gert Voss, blieben für den Zuschauer die Figuren, die sie bei Zadek gespielt hatten. Wenn man sie wieder sah, sah man Othello, Desdemona, Hamlet, Lopachin und die Ranjewskaja, man sah Antonio, Rebekka und Rosmer immer wieder. Etwas von Susanne Lothars Lulu wird, auch für uns, immer in ihr bleiben. Es könnte ein Fluch sein, es ist aber ein Glück. Peter Zadek wollte diese seine Theaterfamilie, die schönste, die es gab, immer zusammenführen. Es war eine Familie ohne absolut feste Zugehörigkeit, aber es war eine Familie. Für sie unternahm er immer wieder neue und immer wieder unglückliche Versuche mit verschiedenen Intendanzen.
Am Ende von Peter Zadeks Weg sollte es dann wahr werden: "Was ihr wollt" sollte die erste Erfüllung eines lebenslangen Traums sein, die erste echte Familienproduktion, Eva Matthes, Angela Winkler und Susanne Lothar zusammen auf einer Bühne, seine drei großen Theaterfrauen, die zu dritt noch nie beieinander waren. Das Leben hat es ihm verwehrt. Es wäre zu schön gewesen.
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