Nun hat er den Nobelpreis doch nicht bekommen. John Updike, geboren am 18. März 1932 starb am gestrigen Dienstag. Er war der klügste, versierteste Schilderer jener amerikanischen Mittelklasse, die wir, lange bevor wir sie in den USA besuchen konnten, bereits von den Reklameseiten in der Zeitschrift Life kannten. Junge blonde Mütter mit zwei ebenso blonden Kindern winkten Papa nach, der in einem schicken Chrysler in die Stadt ins Büro fährt.
Updike hatte die Protagonisten dieser Gesellschaft schon in den Jahren des ersten Nachkriegsbooms zu seinen Helden gemacht. Die fünfzig folgenden Jahre hat er sie aufmerksam, mit nie nachlassender Neugier verfolgt. Seine Bücher - allen voran die fünf Rabbit-Bände - schildern den Niedergang dieser Welt. Sie spiegeln auch witzig und formulierungsfreudig die bizarren Versuche der Einzelnen, diesem Niedergang zu begegnen. Der Bedeutungsverlust der weißen Mittelklasse für die Geschicke der Vereinigten Staaten von Amerika, jetzt offenbar geworden in der Wahl Barack Obamas zum Präsidenten der Vereinigten Staaten, war weniger das Thema von Updikes Büchern als vielmehr das Element, aus dem sie bestehen und in dem sie sich bewegen.
In den USA wurden John Updikes Romane lange als Satiren betrachtet. Das war eine Methode, sich ihrer zu entledigen. In Wahrheit versuchte sich Updike keine Sekunde in der Kunst der Übertreibung. Er war ein Liebhaber der Genauigkeit. Die so exakt Getroffenenen wollten sich in den Porträts nicht wiedererkennen und halfen sich, indem sie darüber lachten. Updike hatte sein Ziel erreicht. Er hatte die Welt beschrieben, wie sie ist, und er bekam dennoch den Applaus dieser Welt.
Er war seit 1960, als der erste Rabbit-Roman erschien, einer der großen amerikanischen Schriftsteller, einer der Autoren, auf deren neue Bücher die lesende Öffentlichkeit - bald nicht nur in den USA - wartete. Seit 1955 schrieb er für The New Yorker. Er veröffentlichte dort nicht nur Erzählungen, sondern auch Gedichte und Kritiken. In einem von keinem lebenden deutschen Autor erreichten Umfang. Es ist nicht zu begreifen, wie jemand so viel, so gut schreiben kann. Jetzt müssen wir "konnte" schreiben.
John Updike war, das wird hier oft übersehen, ein ganz altmodischer homme de lettres. Er las gerne und viel und viel Unterschiedliches, und er liebte es, darüber zu urteilen, das Augenmerk seiner Leser auf den neuen Roman von Grass oder von Murakami zu lenken. Er hat vor zweieinhalb Jahren Edward Saids letztes Buch über Altersstil besprochen. Ganz ruhig und einfach ausführlich resümierend und erörternd. Ohne dass der Leser auch nur an einer einzigenb Stelle den Eindruck haben könnte, in Wahrheit spreche hier ein 74-jähriger Autor von sich selbst. Er war zu klug, zu heiter, zu weltoffen, zu neugierig, um sich selbst für das Interessanteste auf der Welt zu halten. Dasmachte die Kraft seiner Bücher aus. Der erzählerischen wie auch in Deutschland viel zu wenig gelesenen kritischen Arbeiten Updikes.
Er starb an Lungenkrebs. Eine schmerzhafte Angelegenheit. Dass er aber nur wenige Tage nach dem Amtsantritt des ersten schwarzen Präsidenten der USA starb, betrachten wir Updike-Leser lieber als Indiz dafür, dass der Meister noch bis ins Ende hinein seinen Sinn für Timing nicht verloren hatte. Die weiße Mittelschicht der Vorstädte hat die Macht an einen Schwarzen aus dem Zentrum von Chicago übertragen. Das ist eine neue Geschichte. Mit neuen Helden, neuen Verwicklungen und neuen Blamagen. Da macht er nicht mehr mit. Das schaut er sich von oben an. Diese Geschichte und diese Geschichten sollen jetzt andere erzählen.
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