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Zum Tode von Werner Schroeter: Ein Liebesbrief

Sie waren Liebhaber, Kollegen, Konkurrenten und Freunde: Rosa von Praunheim nimmt Abschied vom Film- und Theaterregisseur Werner Schroeter. Er starb nach langer Krankheit am 12. April kurz nach seinem 65. Geburtstag.

Der Film- und Theaterregisseur Werner Schroeter ist im Alter von 65 Jahren gestorben.
Der Film- und Theaterregisseur Werner Schroeter ist im Alter von 65 Jahren gestorben.
Foto: dpa

Lieber Werner,

Du warst einer der großen Außenseiter des deutschen Films und der Theaterbühne, ein perverser Poet, ein Zauberer des Lichts und der Schönheit, der sich erfrischend aus der Masse der Kinorealisten heraushob. Selbst Fassbinder lobte dich, der Dir aber später Dein Genet-Projekt "Querelle" wegnahm.

Zu den Personen

Werner Schroeter, geboren am 7. April 1945, gestorben am 12. April 2010, war ein deutscher Film- und Theaterregisseur. Ein einschneidendes Erlebnis war für ihn im Alter von dreizehn Jahren die Radioübertragung einer Opernarie von Maria Callas, die ihn zum ersten Mal mit der Oper in Berührung brachte. Die Callas wurde für ihn zum Idol seines Lebens.

Seit 1972 inszenierte Schroeter regelmäßig an Theater- und Opernhäusern in Deutschland und Europa. Schroeter gilt z.B. neben Rainer Werner Fassbinder, Wim Wenders, Alexander Kluge, Werner Herzog und Volker Schlöndorff als einer der wichtigen Filmregisseure der deutschen Nachkriegszeit. Sein erster Erfolg war der Experimentalfilm "Eika Katappa", mit "Der Tod der Maria Malibran" war er auf der Documenta 1972 vertreten. Einen Goldenen Bären bekam er für den eher realistischen Film "Palermo oder Wolfsburg."

Rosa von Praunheim ist ein deutscher Filmregisseur und gilt als wichtiger Vertreter des postmodernen deutschen Films. Er war vor allem mit seinem Dokumentarfilm von 1970 "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt" öffentlicher Wegbereiter und Mitbegründer der politischen Schwulen- und Lesbenbewegung in der Bundesrepublik.

1991 verursachte er einen Skandal, als er prominente Homosexuelle - unter anderem Alfred Biolek und Hape Kerkling - outete. Praunheim bezeichnete die Tat im Nachhinein als Akt der Verzweiflung auf dem Höhepunkt der Aids-Epidemie, die eine ganze Generation schwuler Aktivisten dahinraffte. (fr)

Werner Schroeter, Preisträger des Goldenen Bären für seinen Film Palermo oder Wolfsburg, und die DDR-Schauspielerin Renate Krössner, die für die Darstellung in dem Film Solo Sunny den Silbernen Bären erhielt, bei der Preisverleihung der Internationalen Filmfestspiele Berlin am 29.02.1980.
Werner Schroeter, Preisträger des Goldenen Bären für seinen Film "Palermo oder Wolfsburg", und die DDR-Schauspielerin Renate Krössner, die für die Darstellung in dem Film "Solo Sunny" den Silbernen Bären erhielt, bei der Preisverleihung der Internationalen Filmfestspiele Berlin am 29.02.1980.
Foto: dpa

Über 40 Preise hast Du bekommen, 2008 wurdest Du für Dein Lebenswerk beim Festival in Venedig geehrt. Da warst Du schon sehr krank. Du hast noch im Februar bei der diesjährigen Berlinale den Ehrenteddy entgegengenommen und vor einigen Wochen zusammen mit der Kamerafrau Elfi Mikesch den Murnau Preis. Elfi Mikesch ist gerade dabei einen großen Dokumentarfilm über dein Leben fertig zu stellen. Das alles hast Du mehr als verdient.

Lieber Werner, kannst Du Dich noch erinnern wie wir uns vor 42 Jahren beim Filmfestival in Knokke 1967/68 zum ersten Mal trafen, beide hilflos und schön, ganz am Anfang unserer Karriere. Wir kamen beide in Begleitung von Frauen, die wir später auch heirateten, nicht aus Liebe, sondern aus Geldgründen.

Wir hatten schon am zweiten Tag Sex, aber kurz nach dem Orgasmus öffnete sich die Hoteltür und mein Superstar Carla stürmte herein, sprang auf unsere erschöpften Körper und sang den "Jäger aus Kurpfalz". Später schmiss sie Dir aus Eifersucht eine Tasse an den Kopf.

Du hast mich dann in Deine Heimatstadt Heidelberg eingeladen. Wir drehten gemeinsam den Super 8 Film "Grotesk, Burlesk und Pitoresk" der leider nur in Teilen in einer Pappschachtel im Münchner Filmmuseum liegt. Du hast mir von Deiner Kindheit erzählt, von Deiner bürgerlichen Familie in Heidelberg. Dein Vater hatte eine kleine Fabrik, Deine Mutter verwöhnte Dich, Deine Mitschüler verprügelten Dich, Deine Großmutter bekehrte Dich zum Glauben und die Operndiva Callas zeigte Dir die unsterbliche Liebe zur Musik.

Du folgtest mir nach Berlin, ließt die Münchner Filmhochschule, auf der Du erst drei Wochen warst, sausen und hattest Spaß an meiner verrückten Welt der Außenseiter und perversen Superstars. Wir assistierten uns bei unseren Filmen gegenseitig. Du hattest den Vorteil, dass Dir deine Eltern eine kleine 16-mm-Kamera finanziert hatten und Du damit opernhafte Filme wie "Neurasia" und die Doppelprojektion "Argila" billig drehen konntest. Damals warst Du noch beeinflusst von den schwulen Kitschfilmen des New Yorker Undergroundregisseurs Gregory Markopolous, der die großen Gesten liebte.

Du nanntest sie Magdalena Montezuma

Und kannst Du Dich noch an Deine frühen Darsteller erinnern, an den schönen Sigurd und an die schönste Frau der Welt, Gisela Trowe, die kurz vor Dir zu Ostern verstarb und an Deine Göttin Erika, die Du Magdalena Montezuma nanntest und die zum Star vieler Deiner weiteren Filme wurde? Magdalena hat Dich unsterblich geliebt, auch wenn sie manchmal das Schaukeln der Matratze miterleben musste. wenn Du neben ihr Sex mit Männern hattest. Mit Deiner Musik, die aus Deinen Augen drang, hast Du viele bezaubert, und mit Deinem Wissen und Deinem beißenden Humor.

Dann reisten wir nach Italien, wo Du Dein Meisterwerk schufst, den zweieinhalbstündigen Film "Eika katappa". Unverschämt hast Du darin die großen Opernarien verarscht, die Du gleichzeitig verehrtest, das war, was Susan Sonntag "Camp" nannte. Beim Filmfestival in Mannheim, 1969, holten wir uns beide Arm in Arm Filmpreise ab. Das war der Beginn unserer Karriere. Das kleine Fernsehspiel des ZDF wurde auf uns aufmerksam. Ich drehte die "Bettwurst", Du den "Bomberpilot" und "Salome".

Und erinnerst Du Dich noch an Hollywood, wo wir 1972 in die chinesische Villa eines Liebhabers schlichen, dessen Mutter uns heimlich beim Ficken zusah und an Christine Kaufmann, die mir ihre Brüste auf dem Dach zeigte und mit der Du große Hollywoodpremieren besuchtest und wie Du mich anstiftest zu einem Mord an meiner unglücklichen Liebe Gary, nachts im Roosevelt Hotel im siebten Stock und mich dann weinend getröstet hast.

Du hast mir damals die Hauptrolle in Deinem Film "Willow Springs" angeboten, den Du in einem Dorf in der Wüste drehtest. Nach zwei Drehtagen verlor ich die Geduld und floh nach Hollywood und schickte Dir einen ehemaligen Liebhaber als Ersatz, der Dir dann aber später die teure Filmkopie klaute.

"Wir sind die Geschwister Rohrbach"

Kannst Du Dich erinnern, wie wir im WDR ins Zimmer des damaligen Fernsehspielchefs traten und Du aus Jux riefst "Heil Hitler, wie sind die Geschwister Rohrbach". Ich glaube, danach hast Du nie mehr einen Auftrag vom WDR bekommen, was aber Deinen Weltruhm nicht verhindern konnte.

1980 bekamst Du den Goldenen Bären der Berliner Filmfestspiele für Deinen ersten realistischen Film "Palermo oder Wolfsburg". Ich erblasste damals vor Neid und schrieb einen bösartigen Artikel in der Filmkritik über Dich. Trotzdem, Du hast meine Kritik nie mit Aggression erwidert, und das machte auch Deine Beliebtheit bei Schauspielern und Teamkollegen aus. Du ignoriertest Aggressionen, versuchtest alle zu überzeugen, an ein höheres Ziel zu glauben, an die Kunst, an die Schönheit, die absolute Liebe und eine Welt Jenseits von schmutziger Realität.

In Frankreich und Italien wurdest Du ein Kultstar. Du warst ein rastloser Wanderer, der mit seidenem schwarzen Anzug und großem Hut und einer kleinen Tüte um die Welt reiste, in teuren Lokalen speiste und gerne edlen Cognac in langen Nächten trankst. Du fandest immer Menschen, besonders devote Frauen, die alles für Dich taten. Du hast Deine Weiblichkeit nie versteckt, verliebtest Dich manchmal in drogensüchtige junge Männer, die viel zu früh an Aids verstarben.

Langsam erkannte auch ich die Bedeutung Deiner Arbeiten. Ich liebte Deinen Dokumentarfilm "Generalprobe" und den Spielfilm "Der Rosenkönig", den Du 1984 in Portugal drehtest. Die Kamera machte Elfi Mikesch, mit der Du auch 1992 den Spielfilm "Malina" drehtest, und 1996 "Abfallprodukte der Liebe". Am 15. Juli 1984 verstarb Deine Hauptdarstellerin Magdalena Montezuma, ein großer Verlust für uns alle.

Neben den vielen Filmen hast Du unzählige Theaterinszenierungen gemacht, zuletzt an der Volksbühne in Berlin. Dann erfuhr ich wie krank Du bist.

Trotz Deiner schweren Krankheit drehtest Du 2008 in Portugal den grossen Spielfilm "Diese Nacht" und arbeitetest bis zuletzt an Theatern in Leipzig und Berlin. Zu Weihnachten wurde mit grossem Erfolg eine Ausstellung mit Fotos von Dir eröffnet und Gott sei Dank erscheint dein Werk bald in Gänze auf DVD.

Zur Zeit läuft noch bis zum Juni im schwulen Museum in Berlin eine Ausstellung zu Deinem Lebenswerk, gemeinsam mit deiner kongenialen Kamerafrau Efi Mikesch.

Erinnerung an eine weniger konservative Zeit

Dein Tod hat mich sehr erschüttert, aber er war auch eine Erlösung von unsäglichen Schmerzen; die Du ertragen musstest. Als Du Dich von mir vor einer Woche telefonisch verabschiedetest, erzähltest Du mir vor Deiner Angst, ins Morphium-Koma zu fallen. Trotz aller Konkurrenz, die ich oft empfunden habe, bleibt in mir die Erinnerung an unsere gemeinsame Jugend, an unsere verrückten Filme, die wir wild und frech mit wenig Geld und viel Spaß realisierten.

Es ist die Erinnerung an eine Zeit, die nicht so konservativ ist wie heute, in der das Publikum unsere Provokationen liebte und uns nicht zwang grosse elegante Produktionen zu drehen oder Krimis für 20:15 Uhr. Damals hatte das Fernsehen noch viele Möglichkeiten, jenseits der Quote unsere Filme zu zeigen.

Wir lebten und arbeiteten zu einer Zeit, wo alles möglich schien, wo Experimente und politische Inhalte noch geschätzt wurden. Ich bin aber sicher, es wird bald wieder eine Generation geben, die Dein Werk, lieber Werner, wiederentdecken wird und sich absetzt von dem kommerziellen Scheiss, der bei uns im Moment das Sagen hat. Und man wird zurückblicken auf Dein poetisches Werk, mit dem du uns verzaubert hast.

Ich liebe Dich Dein Freund Rosa von Praunheim

Autor:  Rosa von Praunheim
Datum:  13 | 4 | 2010
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