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"Aufbruch in die Gotik": Staunen im Jammertal

Finsteres Mittelalter? Was für ein moderner Aberglaube! Nein, Unruhe und Unbeständigkeit sind kein Vorrecht der Moderne. Wie Magdeburg per Ausstellung zum grandiosen "Aufbruch in die Gotik" aufruft.

Der Magdeburger Reiter, eine Skulptur aus der Zeit der Staufer und Wahrzeichen der Elbestadt Magdeburg.
Der Magdeburger Reiter, eine Skulptur aus der Zeit der Staufer und Wahrzeichen der Elbestadt Magdeburg.
Foto: KHM Magdeburg

Vieles kam auf die Stadt zu, bedrängt wurde sie von neuen Ideen und Ideenträgern, unter denen auch Walther bis nach Magdeburg kam, wozu ihm die Verse die Mittel verliehen und die Glaubensstärke Flügel, und schon huldigte er dem staufischen Thronkandidaten: "Es zog an einem Weihnachtstag, an dem unser Herr (....) geboren wurde", lesen wir bei dem berühmtesten deutschen Lyriker des Mittelalters, "der König Philipp prachtvoll durch Magdeburg."

Walther von der Vogelweide verstand sich auf den hochmittelalterlichen Agitprop, also besang der Minnesänger 1199 das Weihnachtsfest in der Stadt, um im Kampf um die Kaiserkrone Partei gegen den welfischen Gegenkandidaten, den späteren Otto IV., und für Philipp von Schwaben zu nehmen: "Er trug das Zepter und die Reichskrone", beschied der Sänger kategorisch, denn Reichspolitik war dem Dichtenden eine Herzensangelegenheit.

Zur Sache

Die Ausstellung "Aufbruch in die Gotik. Der Magdeburger Dom und die späte Stauferzeit" läuft vom 31. August bis zum 6. Dezember im Kulturhistorischen Museum Magdeburg.

Der Katalog, famos und in zwei

Bänden, ist im Verlag Philipp von

Zabern erschienen, 500 Seiten beziehungsweise 624 Seiten, 69,90 Euro.

Doch weder Philipp noch Otto sollten das Heilige Reich deutscher Nation entscheidend prägen, wie eine Ausstellung jetzt erneut erzählt, die, indem sie vom alten Magdeburg ein Panorama zeigt, eben dies mit einer Welt im Umbruch tut.

Nein, Unruhe und Unbeständigkeit sind kein Vorrecht der Moderne. Anfang des 13. Jahrhunderts "geriet der Geist in Aufruhr", wie Johannes Fried vor gar nicht langer Zeit in seiner großen Darstellung "Das Mittelalter" schrieb (Verlag C.H. Beck), und in Magdeburg, so zu sehen, so zu bewundern und so zu fürchten, können wir (Nachfahren?) jetzt, zwischen kostbarstem Kirchengerät und maßgeblichen Rechtshandschriften, zwischen leuchtender Retabel oder bildgeschmückter Weltchronik, eine Faszination am Aufbruch erkennen, der ein Beieinander von Glaubensgewissheit und Ungewissem war, ein Zugleich aus Doktrinen und Neugierde.

Zur Entdeckung von Magdeburg gehört, dass es wohl der Palmsonntag 1207 war, an dem eine neue Zeit anbrach - wie auch immer die Menschen dieses Ereignis tatsächlich als ein Datum im Heilsplan Gottes empfanden. Denn in der Tat bescherte der Feiertag der Stadt einen neuen, von Rom eintreffenden Erzbischof, doch bereits fünf Tage später sah der zum Kardinal geweihte Albrecht II. den ottonischen Dom in Flammen stehen. Was ruinös verblieb, ließ Albrecht buchstäblich radikal beseitigen. Zum geistigen Aufruhr gehörte damals bereits die produktive Zerstörung.

Um das Haus Gottes neu erfinden zu können, ging für die Bewohner kein Weg daran vorbei, in eine gewaltige Baugrube zu blicken, erst Jahrzehnte später zeichnete sich auf den Fundamenten, die vom Vorgängerbau um sieben Grad abwichen, ein Kirchentypus der neuen Art ab, nach Vorbildern von weither. Frankreich, so sagte man Jahrzehnte lang, und in der Tat verblüfft den Ausstellungsbesucher der Aufriss der Westfassade des Straßburger Münsters (um 1260/70), es ist die früheste Planskizze eines mittelalterlichen Monumentalvorhabens, das dem Besucher zeigt, woran sich seit der Grundsteinlegung im Jahre 1209 die Bauhütte orientierte und woran sich die Handwerker und Meister während erwiesenermaßen elf Bauphasen hielten.

Der Dom bedeutete für die Stadt ein überragendes Wirtschaftsförderungsprogramm, in der der Bürger und das Handwerk sich ihrer selbst bewusst wurden - jedenfalls wird der Magdeburger Reiter, der mit zwei Begleitfiguren um 1250 auf dem Marktplatz aufgestellt wurde, als Ausdruck der Auflehnung der Gemeinde gegen ihren Oberhirten interpretiert. Auf ihrer Dombaustelle erlebte die Kommune einen alles bewegenden Import, er betraf Ideen und technisches Knowhow, und so stehen wir auch heute noch vor einem Hybrid. Partiell haben sich vermeintlich französische Vorbilder als pure Behauptung erwiesen, ganz abgesehen von offensichtlich spätromanischen Elementen. Auf ihnen beruht etwa die Wucht des Ostchors, auch wenn der Chorumgang und Kapellenkranz als Gründungsakte der Gotik in Deutschland gelten. Nebeneinander und Ineinander, dazu zählt, dass gar antik-römische Säulen verbaut wurden.

Andererseits, und so traurig es ist: Am Magdeburger Dom sind es gerade die romanischen Zierteile, die uns vor Augen führen, was es heißt ein Auslaufmodell zu sein. Meister "Bonesac" dagegen, der sich im südlichen Vierungspfeiler um 1230 verewigt hat, vermachte der Nachwelt anstelle der monumentalen Untersetztheit der Romanik, und da mochte der Baumeister noch so tief in ihr wurzeln, das hochfahrende Ungestüm der Gotik.

Der neue Dom steht im Zentrum der Ausstellung "Aufbruch in die Gotik", die im Kulturhistorischen Museum Magdeburgs aus Anlass des 800. Geburtstags der Kathedrale von Matthias Puhle, Claus-Peter Haase, Tobias von Elsner und den Kuratoren Gabriele Köster und Heike Pöppelmann eingerichtet wurde. In acht Abteilungen wird der Blick auf den Zeitraum von 1198 bis etwa 1250 gerichtet, historisch gesehen auf die Epoche Friedrich II., der von 1220 bis 1250 regierte, vor allem von Italien aus, als Nachfolger Ottos IV., der 1209 aus dem Hauen und Stechen zwischen Welfen und Staufern als Kaiser hervorgegangen war.

Zum Fernblick auf diese Zeit gehört das Versenken in Feindseligkeiten und Fehden, denen Philipp von Schwaben durch die eigenen Leute zum Opfer fiel, so dass Albrecht II., Magdeburgs Kardinal, als Parteigänger der Staufer in die Defensive geriet. Albrecht und mit ihm Magdeburg mussten hinter den Mauern der Stadt zusehen, wie der Welfe das Umland verheerte.

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Autor:  Christian Thomas
Datum:  28 | 8 | 2009
Seiten:  1 2
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