Als "Mutter aller Dekadenzepochen" kündigt es der Waschzettel an auf römisch-roter Folie. Er stammt aus dem Reclam Verlag, und da es sich bei ihm, dem Verlag, zweifelsohne um einen der führenden Erziehungsberechtigten im geistig-moralischen Milieu handelt, wenden wir uns dem Buch, Paul Veynes "Die Kunst der Spätantike", entschieden zu.
Anstößig war das Bild, das sich die Kunstgeschichte immer wieder von der Spätantike gemacht hat. Ohne klassische Strenge, stattdessen grobschlächtig, alles andere als elegant, regelrecht populistisch seien die Künstler zu Werke gegangen. Eine Kunst-Epoche "ohne eigenes Profil", so kolportiert Veyne die Urteile, und bereits das geschieht mit Ironie. Meint er doch nicht nur die Physiognomie einer Epoche, sondern deren Auffassung vom Porträt eine Übergangszeit, in der es "offizieller Stil" wurde, von Finessen abzusehen. Für das Gesicht der Spätantike, ob im Flachrelief oder in der Skulptur, galt, dass es energisch und brutal herauspräpariert wurde.
Paul Veyne: Die Kunst der Spätantike. Geschichte eines Stilwandels. Aus dem Franz. v. U. Blank-Sangmeister, Stuttgart 2009, Reclam, 215 S., 21,90 E.
Zweifellos war die Kunst der Kaiserzeit (und Zeitenwende) von virtuoser Perfektion gewesen, gleichzeitig aber in Regelstarre gefangen. Veyne macht keinen Hehl daraus, dass sie als Renaissance des hellenistischen Klassizismus eine Kopienkunst war, vollkommen, aber auch, "gelinde gesagt, ziemlich langweilig". Was also wäre dann, wenn man sich auf den Vorwurf der Dekadenz einließe, dessen Gegenteil?
Lebhaftigkeit, ein ausgesprochener Anti-Akademismus, auch Verzicht auf Pathos und Sentimentalität. Vielerlei, was Veyne stilgeschichtlich, angefangen vom späten 3. Jahrhundert ausmacht, führt zu kultursoziologischen Einsichten, etwa der, dass dem spätantiken Zeitgeist eine Endzeitstimmung abging: "Nein, diese Epoche war keine Ära der Angst", wohl aber die Epoche eines vielfältigen Nebeneinanders, zu dem unbestritten ein vulgärer Stil zählte, überhaupt das Desinteresse an der mimetischen Darstellung des menschlichen Körpers. Schließlich bildete sich ein Naturalismus heraus, uninteressiert an der Schönheit des Körpers. Mimesis, so die These, geriet in Misskredit, partiell jedenfalls, doch "es wäre falsch, von einem Niedergang der Technik oder einem Verlust des Know-hows zu sprechen."
Veynes Spätantike ist eine Epoche, in der die Stile durchlässig sind, vor allem diejenigen zwischen der offiziellen Staatskunst und den Reliefs, Skulpturen und Mosaiken, die sich der Privatmann anfertigen ließ. Zwischen Populismus einerseits und Manierismus andererseits spannte die Kunst ein enormes Spektrum auf. Dekadenz? Nein, Transformation. Und doch ist es der (bereits 2009 entstandene) Waschzettel, der in diesen Tagen mit einem Reizwort ködert, das von Guido Westerwelle und nun auch vom Augsburger Bischof Walter Mixa revitalisiert wurde. Dekadenz, so echolotet es aus den eisernen Rationen des Ressentiments. Mixas Injurie, dass die sexuelle Revolution mitverantwortlich sei für den sexuellen Missbrauch in der Kirche, beruft sich unausgesprochen aber ebenso krass-naturalistisch auf ein Denkmodell, das den Niedergang Roms zum "Standardexempel" (Alexander Demandt) der Dekadenz stempelte.
Bei dem Spätantikespezialisten Demandt kann man sich kundig machen, welchen Anteil das Christentum am Untergang Roms hatte, welchen seine Bischöfe und Mönche.
Veyne wiederum, und das ist dann nicht nur eine stilgeschichtliche Fußnote, macht anschaulich, dass mit der spätantiken Kunst der Christen etwas Merkwürdiges geschah, zweifellos ein Populismus. Die Folge war eine Entindividualisierung, gerade bei der so wichtigen Sarkophagkunst. Was für plumpe Physiognomien! Dekadenz? Zur ganzen Wahrheit gehört, dass die spätantike Kunst sich mit kleinen Menschen mit dicken Köpfen bald schon nicht abfinden mochte.