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"Die Malkunst" von Vermeer: Hitlers bester Kunstkauf

"Die Malkunst" des Johannes Vermeer: Eine Ausstellung allein für ein Bild in Wien. Fast alle Gegenstände, die auf dem Werk zu sehen sind, werden gezeigt oder rekonstruiert. Von Peter Michalzik

Die Malkunst, Johannes Vermeer van Delft um 1665/1666 (Ausschnitt).
Die Malkunst, Johannes Vermeer van Delft um 1665/1666 (Ausschnitt).
Foto: Kunsthistorisches Museum Wien, Gemäldegalerie

Zum Glück für die Welt war Hitlers Kunstgeschmack ziemlich schlecht. Nicht auszudenken, wenn ihm die wirklich schönen Dinge gefallen hätten. Sie wären bis heute kontaminiert, auf eine kaum zu bekämpfende Weise verdorben. Nun gibt es aber etwas sehr Schönes, das Hitler doch bewundert hat: "Die Malkunst" von Johannes Vermeer, eines der exquisitesten Bilder, die je gemalt wurden. Hitler verehrte das Bild so sehr, dass er, der sich Kunst vorzugsweise durch Raub aneignete, es 1940 kaufte und sich 1,65 Millionen Reichsmark kosten ließ. Das wäre heute, da das Werk zwischen 150 und 400 Millionen Euro geschätzt wird und das weitaus teuerste Bild aller Zeiten wäre, ein Klacks. Damals war es sehr viel Geld. "Die Malkunst" sollte ein Hauptwerk im für Linz geplanten Führermuseum werden.

Empfänger des Geldes war Jaromir Graf Czernin von Chudenitz, der sich von seinem Familienbesitz trennen wollte - nicht nur aus finanziellen Gründen. 1804 hatte ein Vorfahr Czernins "Die Malkunst", damals dem niederländischen Maler Peter de Hooch zugeschrieben, bei einer Nachlassversteigerung erworben. Den erhofften Frieden mit den Nazis brachte Czernin der Verkauf 1940 nicht, er wurde enteignet, inhaftiert, und seine Frau wurde als Jüdin verfolgt. Nun fordert die Familie das Bild zurück, offiziell wird das Ersuchen als "Anregung" bezeichnet. Die knifflige Entscheidung soll noch dieses Jahr getroffen werden. Vielleicht steht der Kunstwelt also eine aufsehenerregende Versteigerung ins Haus. Vor 50 Jahren war der Erwerb der "Malkunst" durch Hitler schon einmal als rechtmäßig beurteilt worden, das Bild gelangte in den Besitz Österreichs und wurde eines der wichtigsten Bilder im Kunsthistorischen Museum Wien.

Die Ausstellung

Kunsthistorisches Museum, Wien, bis 25 April. Katalog 29,90 Euro.

Seit einigen Wochen wird es in einer ebenfalls aufsehenerregenden Ausstellung gezeigt. Sie dreht sich allein um "Die Malkunst" und ist erstaunlich ergiebig. Herkunft, Technik, Perspektivik, Bedeutung, Geschichte, Nachleben, Zustand: Wirklich alles wird beleuchtet. Hauptproblem sind die Pigmente, die sich von dem Bild ablösen. Eine umfassende Restaurierung in den Jahren von 1995 bis 1998 konnte diesen schon Jahrzehnte andauernden Prozess aufhalten. Nun wurde das Gemälde erneut untersucht.

Fast alle Gegenstände, die auf dem Werk zu sehen sind, werden gezeigt oder rekonstruiert: das Wams des Malers, das Kleid des Modells, der Leuchter, die Trompete, die Büste auf dem Tisch, die Verdüre, die den linken Teil des Bildes einnimmt, vor allem die Landkarte mit den 17 Provinzen der Niederlande. Sie ist zentral für den politischen Gehalt des Bildes. Dabei hat die Versammlung der Realien, die in das Bild Eingang gefunden haben, einen erstaunlichen Effekt: Man sieht, wie sehr es Vermeer bei diesem Bild gelang, die Natur einzufangen. Fast wirken die Dinge auf dem Bild wirklicher.

"Die Malkunst" von Johannes Vermeer

Bildergalerie ( 15 Bilder )

Noch spannender sind deswegen die unterschiedlichen Malweisen, die das Gemälde vereint und die hier durch verschiedene Aufnahmen, besonders Streiflichtaufnahmen, nachvollziehbar werden. Vermeer hat für jedes Material wie den Stoff der Verdüre oder das Metall des Leuchters eine eigene Malweise entwickelt. Vor allem sind es unterschiedliche Farbkonsistenzen von wässrig bis pastos, die der Farbe Materialwert geben, aber auch eingearbeitete Pigmente und verschiedene Malschichten lassen Stoff und Metall ganz unterschiedlich erscheinen. Hat man dieses erstaunliche Bild auseinander genommen, ist man bereit für eine neue Erfahrung: Obwohl es in so viele Teile zerfällt, macht es einen vollkommen geschlossenen Gesamteindruck wie aus einem Guss.

Auch die überlegene Perspektivik Vermeers macht diese Ausstellung deutlich. Der Nachbau einer Camera obscura bringt zwar nichts außer der Erkenntnis, dass Vermeer eine verwendet haben könnte. Insgesamt erkennt der Betrachter aber, wie es möglich ist, dass ein Delfter Maler in den Jahren 1666 und 1668, als man sich andernorts mit barockem Überschwang ans Bildermalen machte, ein so kontemplatives Bild schaffen konnte, das in puncto Raumeindruck einem Hologramm in nichts nachsteht.

Es ist, als habe Vermeer nicht nur die Malerei in diesem allegorischen Gemälde gemalt, sondern auch gezeigt, dass die Wirklichkeit erst durch die Malerei zu sich kommt. Nur wer das Bild sehen kann, sieht auch das, was es abbildet. Selbstverständlich regt eine solche Arbeit den Nachahmungsreflex malender Kollegen an. Allen voran hat Salvador Dalí eine Vermeerparaphrase gemalt, Maria Glassnig hat einen unverfrorenen, feministischen Film beigesteuert, in Peter Greenaways Filmkunstwelt fehlt "Die Malkunst" ebenfalls nicht. Ansonsten zeigen die meisten Bilder, dass die Malkunst seit dem 17. Jahrhundert keine Fortschritte gemacht hat.

Vermeer muss um die Qualität seines Werks gewusst haben. Er verkaufte das Bild nie, auch seine Witwe hing, trotz bedrückender Armut, an dem Bild. Doch dann begann "Die Malkunst" ihre lange Reise, auf der mitunter sogar vergessen wurde, wer sie gemalt hatte. Sie führte 1944 ins Salzbergwerk von Altaussee und brachte in den fünfziger Jahren eine ausgedehnte Ausstellungsweltreise. Nun ist wieder offen, ob es eine Station nach Wien geben wird.

Autor:  Peter Michalzik
Datum:  10 | 3 | 2010
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