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Kunst

09. März 2016

"Ich" in der Schirn: Andere Wege der Selbstdarstellung

 Von Sandra Danicke
Die Ausstellung "Ich" läuft in der Frankfurter Schirn bis zum 29.Mai.  Foto: Norbert Miguletz

Die Ausstellung "Ich" in der Frankfurter Schirn zeigt, dass ein Abbild des eigenen Gesichts nicht automatisch zu einem authentischen Selbstbildnis führt.

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Angenommen, man wüsste nicht, worum es hier geht, man hätte also keine Ahnung, dass das Thema der aktuellen Ausstellung in der Schirn Kunsthalle Frankfurt das künstlerische Selbstporträt ist. Man fände es – sofern man die Wandtexte ignorierte – nur schwer heraus. Zu sehen sind unter anderem: Essiggurken, Phiolen mit Körnchen, ein Filzanzug, ein Haufen Kisten, Kartons und Zinkeimer und ein Raum, in dem zwei Projektoren rosafarbenes und blaues Licht an die Wände werfen. Gesichter gibt es hier fast nirgends. Wenn doch, sind sie wild überkritzelt, oder die Nase ist abgeschlagen, weshalb die Ausstellung auch nicht „Ich“ heißt, sondern das Ich durchgestrichen ist.

Im Zeitalter von Selfies und Photoshop scheint es nur folgerichtig, wenn Künstler andere Wege der Selbstdarstellung wählen, als das eigene Antlitz im Spiegel oder mit der Fotokamera zu porträtieren – zumal das jahrhundertelang ausgiebig praktiziert wurde. Dass Künstler allerdings bereits seit fünfzig Jahren den Eindruck haben, dass ein simples Abbild des eigenen Gesichts nicht automatisch zu einem aussagekräftigen oder gar authentischen Selbstbildnis führt, zeigt die Schau mit markanten Beispielen.

Womit also lässt sich das Selbst im späten 20. und frühen 21. Jahrhundert auf geistreiche Weise repräsentieren? Zum Beispiel mit hellgrün bemalten Zetteln. Der mexikanische Künstler Abraham Cruzvillegas ließ 148 unterschiedliche Papiere neben- und übereinander auf der Wand fixieren. Es soll sich dabei um Dokumente aus seinem Alltag handeln, also um Fahrkarten, Rechnungen, Briefumschläge oder Zeitungsausschnitte. Genau weiß man das nicht, denn Cruzvillegas hat sie mit Acrylfarbe übermalt, so dass die Zettel zu Platzhaltern für die eigene Vorstellungskraft werden. Der Titel der Arbeit lautet übrigens „Blind self-portrait walking backwards until I hit my double humming to my ear ,destroy, destroy‘!“

Man kann nun lange darüber nachdenken, warum der Künstler rückwärtslaufend auf seinen Doppelgänger stößt und dieser ihm „zerstöre, zerstöre!“ ins Ohr summt. Vermutlich deutet der Titel aber schlicht darauf hin, dass der Künstler sich nicht allzu ernst nimmt. Auch sein Landsmann Gabriel Kuri scheint von sich selbst ein eigenwilliges Bild zu haben. Sein „Self-portrait (with hollow leg) as an early peak chart“ besteht aus goldener Isolierfolie, einer zerbeulten Getränkedose und einer Meeresschnecke. Auch da lässt sich allerlei hineindeuten.

Fast sämtliche der ausgestellten Künstler lassen die übliche Vorstellung vom Selbstporträt genüsslich ins Leere laufen. Der New Yorker Josh Smith malte eine Reihe von Ölgemälden, deren Motive aus den Buchstaben seines eigenen Namens bestehen. Thorsten Brinkmann zeigt einen Unterkörper in Jeans und Turnschuhen, der aus einem Karton hervorragt. Jack Pierson fotografierte eine Reihe attraktiver Männer oben ohne. Er selbst ist allerdings keiner von ihnen. Mark Wallinger schuf einen schwarzen Sockel, der so groß ist wie er selbst. Dass der Sockel aussieht wie ein I mit Serifen und I auf Englisch ich heißt, darauf muss man erst einmal kommen.

Ohne Fantasie kommt man auch beim „Self-Portrait IX“ von Ryan Gander nicht weiter, der behauptet, er male jeden Tag ein Selbstporträt, das er anschließend zerstöre. „Wenn Sie das Porträt sehen würden, müsste ich Sie umbringen, denn dann wüssten Sie, was für ein schlechter Maler ich bin“, sagt der britische Künstler. Zu sehen sind zum Glück nur gläserne Paletten mit den Resten jener Farben, die Gander angeblich verwendet hat.

Noch abstrakter erscheint das „Selbstporträt“ der in Polen geborenen Künstlerin Alicija Kwade: Es zeigt, fein säuberlich aufgereiht, 22 kleine Glasgefäße, in denen sich Elemente des menschlichen Körpers befinden: Sauerstoff, Kohlenstoff, Calcium, Silicium, Aluminium und so weiter. Da kommt man durchaus in Grübeln: Ließe sich der eigene Körper auf ähnliche Weise reduzieren?

Bereits 1963 entstand das „Brain Portrait“ des amerikanischen Künstlers Robert Morris. Es handelt sich um ein Enzephalogramm, eine Untersuchungsmethode, die die elektrischen Aktivitäten des Gehirns misst: acht graue Zickzack-Linien auf weißem Papier. Über den Künstler, der später beteuerte, er habe sich während der Aufzeichnung ganz auf sich selbst konzentriert, verraten sie vor allem, dass er Humor hat – und an der Aussagefähigkeit künstlerischer Selbstporträts offenbar erhebliche Zweifel hat. Ganz ähnlich übrigens wie Timm Ulrichs, dessen „Selbstporträt (Körper-Kunst-Objekt)“ von 1971 aus einer rechteckigen imprägnierten Zeltplane mit der Aufschrift „Timm Ulrichs’ Körper-Oberfläche – 18360 cm“ besteht.

Der einzige Künstler, der wirklich viel von sich preiszugeben scheint, ist zugleich der jüngste. „Out of Office“ heißt das digitale Kunstprojekt von Florian Meisenberg (Jahrgang 1980), der sämtliche Aktivitäten seines Smartphones live in den Ausstellungsraum und auf die Schirn-Homepage übertragen lässt. Jeder kann nun sehen, wenn der Künstler googelt, online einkauft oder eine Nachricht schreibt. Das Konzept erscheint radikal, erschreckend ist jedoch vor allem die tatsächliche Nähe zur Realität.

Schirn Kunsthalle Frankfurt: bis 29. Mai. www.schirn.de

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