Sachsens Armee ist seit dem 18. Jahrhundert in ganz Europa meist eine militärische Lachnummer gewesen. So sehr man auch den Glanz und den Kunstsinn des sächsischen Kurfürsten- und des sächsisch-polnischen Königshofes bewunderte, seine Soldaten hatten wenig Ansehen. Zu oft wurden sie von ihren Herrschern auf der Verliererseite eingesetzt. Und als sie einmal auf der Seite der Sieger standen - 1683 bei der legendären Entsetzung Wiens -, kamen sie offenbar zu spät, um erfolgreich an der fast ebenso legendären Plünderung des osmanischen Heerlagers teilnehmen zu können.
So finden sich in der "Türckischen Cammer", die am heutigen Samstag im Dresdner Schloss eröffnet wird, kaum wirkliche Beutestücke aus den vielen und auch von Sachsen mit bestrittenen "Türkenkriegen" des 16. bis 18. Jahrhunderts - im Gegensatz etwa zu den historischen "Türken"-Sammlungen Krakaus, Wiens oder Karlsruhes.
Türckische Cammer im Dresdner Schloss:ab Sonntag, Führer (Deutscher Kunstverlag) 24,90 Euro. Umfassender Katalog: Holger Schuckelt, Die Türckische Cammer, Sandstein-Verlag, Dresden 2010, 39,90 Euro.
Und doch ist die Dresdner Sammlung einzigartig, auch wenn sie wie ihre Pendants vor allem osmanische, arabische, persische und sogar moghulindische Waffen und Rüstungen zeigt. Da sind präzis gearbeitete Soldatenbogen zu sehen - man rühmt sich in Sachsen, hier sei der älteste mit originaler Bespannung erhalten -, die berüchtigten Pfeilsortimente und eleganten Krummschwerter, ein gewaltiger Janitscharen-Kessel, der zugleich Symbol wie Ernährungsbehälter dieser Elitetruppen war, und Prachtausstattungen für Pferde.
Sie alle zeugen von der Angst vor der lange für unüberwindlich gehaltenen Kraft der osmanischen Truppen und Sultane. Seit dem 14. Jahrhundert hatten diese erst das westliche Kleinasien, dann Thrakien, Anatolien, den südlichen Balkan und das heutige Griechenland, 1453 Konstantinopel, schließlich Ungarn und den Irak, Nordafrika und weite Teile der arabischen Halbinsel erobert, zogen bis nach Russland, Polen und nach Persien, standen schließlich vor Wien.
Zugleich ist diese Sammlung aber auch ein Dokument der Faszination, die die üppige osmanische Hofkultur auf den sächsischen Hof ausübte. Im Hauptraum stehen zwei reich geschmückte, aufwändig restaurierte Zelte, die im frühen 18. Jahrhundert eigens für sächsische Hoffeste gekauft worden waren. Denn vor allem August der Starke sah etwa in Sultan Süleyman dem Prächtigen ein Vorbild, wie man kulturell ambitioniert, in der Lebensweise prachtvoll und zugleich staatspolitisch erfolgreich agieren konnte. Zudem regierte der osmanische Herrscher weitgehend absolutistisch, während sich August mit selbstbewussten Stadtbürgern und polnischen Magnaten ärgern musste.
Also wurden Objekte aus dem osmanischen Herrschaftsbereich, die schon seit dem 15. Jahrhundert vereinzelt als Staatsgeschenke nach Dresden gelangt waren, seit dem späten 17. Jahrhundert systematisch als Repräsentationsstücke erworben, bis ins frühe 19. Jahrhundert. Und immer wieder ließ sich der Hof Objekte im osmanischen Stil in den eigenen Werkstätten herstellen. Vor allem aber gibt es, wie der Kurator der Rüstkammer, Holger Schuckelt, begeistert erzählt, zu fast jedem dieser Objekte eine Geschichte, die von den diplomatischen Verwicklungen der Zeit, von staatlichen und privaten Repräsentationsbedürfnissen und Liebesdingen berichtet.
Sein Katalog der Sammlung, der neben dem schmalen Sammlungsführer erschienen ist, ist zugleich eine glänzend geschriebene Einführung in die Beziehungen zwischen dem, was man im Allgemeinen Orient nennt, und dem Okzident.
So wie in der Ausstellung lernt man auch hier schnell: Eine Geschichte Europas und der europäischen Zivilisation zu schreiben, ohne auf den Einfluss des Osmanischen Reiches einzugehen, ist nicht möglich. Bis in die Medizin, die Schriftkunst, Textilkunde, Architektur und selbstverständlich die Militärtechnik hinein war es lange Zeit Maßstab und Ansporn für Europas Fürstenhäuser.
Für ein wirkliches Museum islamischer Kunst, vergleichbar etwa dem in Berlin, fehlt allerdings nicht nur der chronologische Überblick, sondern vor allem die gesamte zivile Welt des osmanischen Reiches. Einige Kaftane und Fächer können dies Manko nicht ausgleichen. Man schwelgt ziemlich testosteronlastig in Schwertern, Beilen, Dolchen, Bögen und Gewehren.
Das liegt einerseits daran, dass die Rüstkammer per se der männlichen Sphäre des sächsischen Hofes zugeordnet war. Andererseits wurde die Rüstkammer noch bis hin zu den Festumzügen anlässlich der Berliner Olympischen Spiele 1936 als Requisitenkammer für die Selbstdarstellung genutzt. Wo selbst Prachtrüstungen Augusts erheblich verbeult wurden, hatten zartere Gegenstände kaum eine Überlebenschance.
Nun hätte man diese Verluste teilweise ausgleichen können durch Bestände etwa des Dresdner Kunstgewerbemuseums, der Porzellansammlungen oder des Völkerkundemuseums. Doch entschieden sich Schuckelt und Dirk Syndram, der Leiter des Dresdner Schlosses, dagegen. Denn Museen islamischer Kulturen gibt es inzwischen etliche, aber ein Museum, das wie die Dresdner Türkenkammer original aus den islamischen Kulturen stammende Objekte zeigt und zugleich deren Wahrnehmung in westlichen Höfen spiegelt - das ist selten.
Es fällst also nicht nur die ästhetische Raffinesse der Inszenierung durch den Architekten Peter Kulka auf, sondern auch das bis hin zum Namen "Türckische Cammer" reichende historische Selbstbewusstsein. Bis in Details wie die Präsentation der Waffen in symmetrischen Arrangements nach dem Vorbild der Rüstkammern des 18. Jahrhunderts geht dies.
Dresden übertreibt seine Bedeutung oft, was zuletzt bei den Waldschlösschendebatten unangenehm auffiel. Und auch jetzt wagt man als Auswärtiger mit Blick nach Istanbul, Berlin, Paris, London, New York oder St. Petersburg, die Behauptung in Frage zu stellen, dass Dresdens Türkenkammer die "bedeutendste" Sammlung osmanischer Kunst sei. Dass sie aber derzeit die ästhetisch erregendste und kulturhistorisch am tiefgründigsten erklärte Sammlungsaufstellung ist, das dürfte unzweifelhaft sein.