Durch drei riesige Installationen muss gehen, wer zu Ai Weiwei ins Münchner Haus der Kunst will. 9000 Kinderrucksäcke hängen vor der Säulenfassade am Eingang, sie bedecken fast das gesamte Gebäude. Die 9000 bunten Rucksäcke ergeben, wenn man weiter zurücktritt und durch die lichter werdenden Bäume vor dem Haus der Kunst hindurchschaut, einen chinesischen Schriftzug. "Sieben Jahre lang lebte sie glücklich in dieser Welt", steht da. Eine Mutter hat es zu Ai Weiwei gesagt. Der sanfte, kleine Rucksacksatz ist ungemein berührend. Die siebenjährige Tochter ist eines der 5335 toten Kinder, die bei dem Erdbeben von Sichuan ums Leben kamen.
Ai Weiwei hat die Zahl gegen den Widerstand der chinesischen Regierung mit einem Helferteam letztes Jahr recherchiert, nachdem ihm die vielen Schulrucksäcke zwischen den Erdbebentrümmern aufgefallen waren. Es waren der baufälligen Schulen wegen besonders viele Kinder umgekommen. "Remembering" heißt die Installation.
Haus der Kunst, München, bis 17. Januar. Der broschierte, englischsprachige Katalog kostet in der Ausstellung zwei Euro. www.hausderkunst.de
In der großen Eingangshalle, in die man kommt, wenn man unter den Rucksäcken hindurch gegangen ist, liegt der eingestürzte Turm, den Ai bei der letzten Documenta aus Türen der Ming- und Quing-Dynastie auf die Kasseler Karlsaue hatte bauen lassen. Der 12 Meter hohe Turm drehte sich beim Einstürzen um seine eigene Achse, als ob ein Strudel an ihm gesogen hätte. Das so zerstörte Werk gefiel Ai Weiwei dann viel besser, und er konservierte das zusammengestürzte Holzungetüm. Auch "Template" ist ein Werk der Erinnerung: Die Installation bezieht einen Teil ihrer Kraft daraus, dass die jahrhundertealten Holztüren zur Zeit massenweise dem chinesischen Bauboom zum Opfer fallen.
Geht man weiter nach rechts, kommt man in den zentralen Ausstellungssaal. An allen vier Wänden hängen hier Schwarz-Weiß-Fotos der 1001 Chinesen, die Ai Weiwei zur Documenta eingeladen hat. Glückliche Menschen, fotografiert, nachdem sie ihr Visum bekommen hatten. Glückliche Menschen, die drauf und dran sind, Ai Weiweis Vision vom großen Austausch Wirklichkeit werden zu lassen. Auf dem Boden des Ausstellungssaals befindet sich die Installation "Soft Ground", elf mal 36 Meter groß. Ai hat von chinesischen Teppichknüpferinnen extrem kunstvoll die 969 Bodenplatten im Haus der Kunst, die unter dem Teppich sind, mit all ihren Strukturen, Rissen und Verfärbungen nachweben lassen.
Der Triumph des Handwerks über die Ideologie: Durchlässig und weich wird das schroffe Nazigebäude durch seinen neuen Teppich, richtig berührend, und die feine Ironie zwischen Kunst und Fake, Stein und Stoff schwebt wie ein feiner Duft im Raum. Auf diesem Teppich steht ein Wald von riesigen, entrindeten Wurzeln. Jahrhundertealte, knorrige, in sich verdrehte, jetzt entwurzelte Wachstumsquellen. Der Wurzelwald sieht aus wie die gefrorene Verbindung des großen Austauschs zwischen der Erde und dem Lebendigen.
Ai Weiweis Arbeiten sind versöhnlich, selbst wo sie anklagen. Selbst wo er verstört, steckt in ihnen Trost. Diese Arbeiten sind so offen für alles, was geschieht. Eine Art kontemplativer Gleichmut gegenüber dem Lauf der Dinge paart sich mit einem klaren Benennen: die toten Schulkinder, die zerstörte Stadt. "Ohne Regung, unvoreingenommen, sehr objektiv und zugleich absurd, verrückt und unsinnig" beschreibt er seine Videoarbeiten, in denen er akribisch und ausdauernd die gigantischen chinesischen Traversalen gefilmt hat, die die alten Städte unter sich begraben.
Aber liegt es wirklich an diesen Arbeiten, dass Ai Weiwei der neue Weltstar der Bildenden Kunst geworden ist? Neben dem Basketballer Yao Ming (und ausgenommen Mao) dürfte er mittlerweile der bekannteste Chinese weltweit sein. Mit Sicherheit ist er der bekannteste Regimekritiker Chinas. Sein Ruf begann mit dem Bau des Pekinger Olympiastadions, an dem er erst beteiligt war und von dem er sich dann distanzierte. Mit der Documenta-Aktion ist aus dem Ruf dann richtiger Ruhm geworden. Seit Polizisten in der Zeit, als er die Erdbebenopfer von Sichuan recherchierte, nachts in sein Hotelzimmer eindrangen, ihn verprügelten und schwer verwundeten, ist er endgültig legendär. Jeder weiß davon, Ai Weiwei trägt tatkräftig dazu bei: Er smst, bloggt und twittert bis zur Selbstaufgabe. Der Mann hat sich zu einer vollkommen öffentlichen Figur gemacht. Auch vom Krankenbett stellte er die Bilder ins Netz. Gleichzeitig ist das der beste Schutz gegen Verfolgung, wie Ai wohl nicht zu Unrecht sagt.
Ai Weiwei liebt aber nicht nur die schöne neue Kommunikationswelt, er liebt auch alte Tradition und Handwerk. Er scheint genauso tief im alten China wie im aufgeregten New York der achtziger Jahre verwurzelt zu sein, wo er damals lebte und lernte. Er verbindet sozusagen Konfuzius und Andy Warhol, eine in der Tat unwiderstehliche Mischung. Ai Weiwei versöhnt die Widersprüche: Er ist Poet und Aktivist, seine Kunst ist enzyklopädisch und sensualistisch.
Und er selbst wirkt mit seiner runden, freundlichen Heiterkeit wie ein knuffiger Weltweiser. Es ist wahr: Man kann Ai Weiwei nicht nicht mögen. Er gibt einem Hoffnung. Wer durch die Ausstellung in München geht, hat ein schmerzliches, aber auch frohes, ein insgesamt wirklich gutes Gefühl.