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Kunst

15. November 2012

Angermuseum Erfurt: Es ist ein Kreuz

 Von Dirk Pilz
Das Erfurter Angermuseum. Foto: imago

Die Erfurter Ausstellung „Tischgespräch mit Luther“ präsentiert christliche Bilder in der atheistischen DDR-Welt

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Ein Jahr nach Ende des Zweiten Weltkrieges schuf Otto Dix ein Gemälde, das einen alten, verwundeten Mann zeigt. Er liegt in einer Trümmerlandschaft, die dominierenden Farben sind schmutzgrau, staubrot, faulgrün. Nur die Augen des Mannes sind von seltsam nach innen strahlender Bläue. Er schaut nach oben, in einen Himmel, den der Betrachter nicht sieht, aber ahnt: Es wird ein schmutziger, faulender sein. Von einem Gott weiß dieses Bild dabei nichts. Aber die hohe Präsenz des leidenden Mannes und sein Blick legen den Gedanken nahe, dass auch an einem Gott, sollte es ihn denn geben, keine Geschichte folgenlos vorübergeht.

„Hiob“ ein „Urthema der Menschheit“

„Hiob“ heißt dieses Bild, nach dem alttestamentarischen Hiob, der trotz größten, unverschuldeten Leidens (seine zehn Kinder, sein gesamter Besitz – er verliert alles) zwar nicht von seinem Gott abfällt, aber an seinem Gottesbild zweifelt. Mit Hiob wurde deshalb immer die Frage virulent, wie ein guter Schöpfer derlei Übel seinen Geschöpfen antun kann. Warum nur? Vor allem aber: wie weiter? Das ist auch Dix’ Frage gewesen, der, selbst kein Christ, mit „Hiob“ ein „Urthema der Menschheit“ aufgriff, nämlich jene existenzielle Not, die das Erdulden unverschuldeten Leidens bedeutet. Er hat mit diesem gleichnishaften Bild auf die Weltkriegserfahrungen reagiert – und zeigt einen Menschen, der von den Kriegsleiden überrollt und überrumpelt wird. Die Parallele zu Hiob erhebt diesen Unschuldigen ins Allgemeine, Stellvertreterhafte. Dargestellt wird hier also weder der (vermeintlich unschuldige) deutsche Täter noch ein bestimmtes Opfer, sondern der Mensch als Macher und Betroffener der Geschichte. Otto Dix hat dieses Motiv aufgenommen, um in ihm seine Gegenwart zu spiegeln: ein christlich-jüdisches Urthema in seiner aktuellen Ausfällung.

Dass solche Urthemen auch die Künstler – Maler, Bildhauer, Schriftsteller und Komponisten gleichermaßen – in der DDR beschäftigte, kann nur jene verwundern, die die seinerzeit vorgegebene Parteipropaganda mit der Wirklichkeit verwechseln. Es hat in der DDR, natürlich, religiöse Menschen und eine Kunst gegeben, die aus der jahrtausendealten Tradition religiöser Motive schöpft. Erstaunlich ist allenfalls, wie vielfältig und eigenständig die Aufnahme dieser Motive bei den bildenden Künstlern und Malern der DDR ausfiel. Vor allem davon erzählt die Ausstellung „Tischgespräch mit Luther. Christliche Bilder in einer atheistischen Welt“ im Erfurter Angermuseum. Otto Dix’ „Hiob“ ist hier nur ein Beispiel unter gut 100 Werken von 54 Künstlern und vier Künstlerinnen.

Ergänzung zu "Ikarus" in Weimar

Eröffnet wird diese Ausstellung, die als ergänzende zu „Abschied von Ikarus. Bildwelten in der DDR – neu gesehen“ in Weimar (BLZ vom 19.10.) gedacht ist, mit dem titelgebenden, 1984 entstandenen Triptychon des Hallenser Malers Uwe Pfeifer. Im Mittelteil ist Martin Luther im Disput mit einem Guerillero zu sehen, umgeben von sechs Figuren. Luther schweigt, der Guerillero spricht – der Reformator wird von der Gegenwart vernommen, Verhandlungsgegenstand dürfte die Frage nach der Freiheit sein, nur dass es hier nicht (mehr nur) um die „Freiheit eines Christenmenschen“ geht, wie in Luthers berühmter reformatorischer Schrift, sondern um Freiheit gegenüber Glaube, Staat und Geschichte überhaupt. Dass die Seitenflügel Dürers „Adam und Eva“ von 1507 zitieren, einen heutigen Mann mit Brille und Kopfhörern und eine Frau mit Zigarette und Schminke zeigen, verdeutlicht die malerische Absicht: Geschichte und Gegenwart, Her- und Zukunft stehen sich sowohl gegenseitig kommentierend als auch kritisierend gegenüber. Gerade Luther ge- oder auch missbrauchte jede Generation zur Selbstdeutung. Gerade die mit Rezeptionsgeschichte vollgesogenen biblischen Geschichten wie jene von Adam und Eva wurden und werden gern als Folie der Selbstbeschreibung genommen, wie distanziert und kritisch auch immer.

Wenn also Fritz Cremer einen gekreuzigten Jesus ohne Kreuz, Wolfgang Mattheuer einen grüßenden Hohlwangenmann und Heidrun Hegewald eine Frau am Kreuz porträtieren, wenn Bernhard Heisig seinen Turmbau zu Babel ins Jahr 1977 verlegt und Werner Tübke mit seiner „Verspottung eines Ablasshändlers“ die Renaissance-Malerei aufnimmt: All das belegt nicht nur, wie eigen- und freisinnig in der DDR-Malerei mit biblischen Stoffen umgegangen wurde, weil sie einen großen Motivfundus bieten, sondern genauso die darin enthaltene Unfreiheit: Keiner steht außerhalb der Geschichte, niemand jenseits der Tradition. Auch der kritische Bezug ist eine Erzählung über ihre Bindungskräfte.

Tischgespräch mit Luther bis 20. Januar, Angermuseum Erfurt, Katalog: 25 Euro.

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