Es gibt eine Anekdote über den schwedischen Dramatiker August Strindberg, der auch als Maler tätig war und das so erfolgreich, dass eine Kunsthalle ihn einmal mit dem Hinweis präsentiert haben soll, dass Strindberg „auch Stücke schrieb“. Vorerst wird wohl kein Museum den Bildermacher Bob Dylan als Nebenbei-Songwriter vorstellen. Doch die 40 Acrylgemälde Dylans, die das Kopenhagener „Statens Museum for Kunst“ jetzt zeigt, fügen eine neue Dimension zum Werk des 69-Jährigen hinzu. „Man lernt Dylan besser kennen, wenn man seine Bilder sieht“, glaubt Ausstellungskurator Kasper Monrad.
„The Brazil Series“ hat Dylan die Reihe genannt, die er eigens für Kopenhagen schuf, dramatische Alltagsszenen und präzise Schilderungen aus Rios Vororten, starke Menschen, von Macht besessene Menschen, gequälte Menschen. Starke Farben, expressionistisch im Ausdruck, mit intensivem Pinselstrich, und die Kunstkritiker sehen klare Referenzen zu Matisse und van Gogh, aber auch den Amerikanern des frühen 20.Jahrhunderts, zu George Bellows und Thomas Hart Benton.
Enttäuscht vermerken manche, dass Dylans Motivwahl „nicht sonderlich original“ sei und dass seine „Malereien die Bilderkunst nicht revolutionieren“, so Peter Brix Søndergaard, Lektor für Kunstgeschichte an der Universität Aarhus. „Er ist von alten Meistern inspiriert“, sagt er, als ob das ein Vorwurf sein könnte für einen Künstler, der nie seine Wurzeln geleugnet hat und stets freimütig aus überliefertem Material zitierte. Ob das Museum die Bilder auch gezeigt hätte, wenn sie nicht von Dylan wären, sei eine „absurde Frage“, meint Direktor Karsten Ohrt. „Sie sind von Dylan. Man kann das eine vom anderen nicht trennen.“
Er habe immer schon gemalt, sagte Dylan schon in den siebziger Jahren, als er die Cover für seine Alben „Self Portrait“ und „Planet Waves“ zeichnete. Er habe seinen Stil seither entscheidend weiter entwickelt, sagt Monrad. Es gebe viele Multikünstler, „doch nicht alle Grenzüberschreitungen sind interessant. Dylans schon.“ Als der Rockpoet seine Aquarelle in Chemnitz ausstellte, nahm das staatliche dänische Kunstmuseum Kontakt zu ihm auf, mit der Frage, ob er die Reihe ergänzen und in Kopenhagen zeigen wolle. Dylans Gegenvorschlag: Lassen wir die Aquarelle. Mit diesem Kapitel war er fertig, typisch Dylan. Stattdessen bot er an, eine ganz neue Serie in Acryl zu malen. Als Monrad ihn erstmals in Los Angeles traf, war der Däne aufgeregt wie ein Teenager vor seinem Idol, doch Dylan kam sofort zur Sache: „Was, meinst du, soll ich ändern an den Bildern?“
Warum Brasilien? „Ich war oft dort und mag die Stimmung“, war Dylans lapidare Antwort. Ob er selbst erlebt hat, was er malt? „Ich weiß es nicht“, sagt Monrad. Von Dylan gibt es keine Erklärungen, und wenn der Ausstellungsleiter sich um Interpretationen bemühte, hörte er vom Künstler keinen Kommentar. Warum Kopenhagen? Auch da ist Monrad auf Vermutungen angewiesen. „Dylan ist demütig, er scheute wohl das Echo, wenn er in New York oder London ausgestellt hätte.“
Für Raum und Katalog gab Dylan klare Anweisungen: keine Musik, keine Song-Zitate. Damit niemand seine Bilder aufhängt und „When I paint my masterpiece“ daneben schreibt. Er wolle vermeiden, dass das, was er malt, „wie eine schlecht gewählte Illustration zu seinen Liedern wirkt“, sagt Monrad. Dylan unterscheidet: „Wenn ich das, was ich male, in einem Lied ausdrücken könnte, hätte ich ein Lied geschrieben.“
Mit Bildern gearbeitet hat Dylan immer. Er erzählt Geschichten mit Worten wie mit Farben. Doch während er in seinen Songs komplexe Handlungen schildert und von einem Bild zum anderen springt, zeigt er auf der Leinwand das Leben in Augenblicksbildern. „In seinen Songs ist er mittendrin, in den Bildern ist er Beobachter von außen“, sagt der dänische Regisseur und Dylan-Experte Christian Braad Thomsen. Ein phänomenaler Beobachter, findet Monrad. Erste Eindrücke kritzelt Dylan auf Schreibblöcke, Servietten, Papiertüten, was er so zur Hand hat. Dann skizziert er die Themen mit dem Bleistift – auch acht solche Zeichnungen sind in Kopenhagen ausgestellt –, dann setzt er die Ideen in seinem Atelier in Los Angeles in Gemälde um.
Das Ergebnis ist umstritten, wie immer, wenn Dylan neue Wege beschreitet. Von „äußerst beeindruckend“ bis „künstlerischer Wert gleich null“ schwanken die Rezensionen der lokalen Presse.
Ob die „Brazil Series“ auf Tournee gehen werden, weiß Monrad nicht, ebenso wenig, ob Dylan seine Ausstellung in Kopenhagen besichtigen wird. „Ich habe es ihm angeboten.“ Vielleicht mische sich der Meister eines Tages anonym unter die Betrachter. „Als ich ihn im Cafe traf, hatte er die Mütze tief ins Gesicht gezogen, und niemand hat ihn erkannt.“
Kopenhagen, Statens Museum for Kunst, bis 30. Januar 2011. www.smk.dk/en