Als das Kölner Kunsthaus Lempertz 2006 ein „Rotes Bild mit Pferden“ auf den Titel seines Katalogs setzte und das vermeintlich wiederentdeckte, auf 1,2 Millionen Euro taxierte Werk von Heinrich Campendonk sensationelle 2,9 Millionen Euro erlöste, wurde ein neuer Rekordpreis für den rheinischen Expressionisten gefeiert. Kurz darauf gab die Käuferin, die Trasteco Limited auf Malta, zwei materialwissenschaftliche Expertisen beim Doerner Institut in München und bei dem britischen Fachmann Nicholas Eastaugh in Auftrag, um eine hieb- und stichfeste Expertise für die teure Erwerbung aus dem Jahr 1914 in den Händen zu halten. Deren Resultate fielen ernüchternd aus. Pigmente wie ein Titanweiß waren in das Gemälde eingegangen, die zu dessen Entstehungszeit noch gar nicht auf dem Markt waren, und sie steckten so tief in den Malgründen, dass sie auch nicht auf eine spätere Überarbeitung durch den 1957 gestorbenen Künstler zurückgehen konnten.
Inzwischen wird die Echtheit einer Reihe weiterer Arbeiten der klassischen Moderne massiv in Zweifel gezogen, die dem Markt seit den neunziger Jahren zugeführt worden sind. Die bislang auf den Tisch gekommenen Indizien lassen auf einen Fälschungsskandal schließen, bei dem zahlreiche Geschädigte um beträchtliche Millionenbeträge geprellt worden sind.
Bei den inzwischen als falsch geltenden Arbeiten handelt es sich um Werke prominenter Künstler, darunter Fernand Léger, Max Ernst, Andre Derain, Jean Metzinger, Max Pechstein und eben Heinrich Campendonk. Alle fraglichen Werke seien „erst nach 1992 auf dem Markt aufgetaucht“, erklärte der in Rom und Berlin lebende George-Grosz-Experte und Provenienzforscher Ralph Jentsch gegenüber dieser Zeitung. Es existierten keine Abbildungen aus dem Zeitraum vor 1992 von ihnen, und sie alle hätten sämtlich dieselbe so genannte „französische Rahmung“.
Die Staatsanwaltschaft Köln und die Kripo Berlin ermitteln, mehrere Tatverdächtige aus dem engsten Umfeld der Fälscher sind dieser Tage festgenommen worden.
Als Quelle sämtlicher dieser Werke firmierte eine rheinische „Sammlung Werner Jägers“, die auch Branchenkennern bis dato kaum bekannt gewesen war – allem Anschein nach handelt es sich um ein Phantom. Die Person Werner Jägers (1912 bis 1992) ist dokumentiert, Jägers Grab liegt auf dem Kölner Friedhof Melaten, nicht aber bezeugt ist eine Sammlung in seinem Besitz, aus dem zwei Erbinnen den Auktionsmarkt beliefert hatten.
Forscher Jentsch war auf den Rückseiten mehrerer Gemälde, die mit Jägers-Provenienz in den Handel eingeschleust worden waren, ein Aufkleber des Kunsthändlers und Sammlers Alfred Flechtheim aufgefallen, der ihm wegen der dilettantischen Darstellung Flechtheims fragwürdig erschien. Der Autor, der ein Buch über Flechtheim und den Maler George Grosz vorgelegt hat („Zwei deutsche Schicksale“, 2008), hält die Sticker für plumpe Fälschungen, was zwangsläufig den Verdacht nahelegt, auch den anderen Arbeiten aus der Sammlung sei zu misstrauen.
Links im Bild die Pechsteinfälschung und ihr heutiger Besitzer, Hermann Gerlinger.
Mehrfach und mit unterschiedlichem Erfolg hatten sich die Jägers-Erbinnen an Lempertz gewandt. Erstmals waren sie 1995 mit einer titellosen Landschaft des Impressionisten Hans Purrmann am Kölner Neumarkt vorstellig geworden, blitzten aber ab, als der Nachlass des Malers das undatierte Gemälde nicht als Original akzeptierte.
Mehr Erfolg in Köln bei dem hatten die Einlieferinnen vor ihrem Campendonk-Coup bereits 2001 und 2003 mit zwei Werken von Max Pechstein („Liegender weiblicher Akt mit Katze“ und „Seine mit Brücke und Frachtkähnen“) – auch diese Arbeiten werden heute als Fälschungen angesehen, da sie bekannten Zeichnungen Pechsteins auf eine für diesen Künstler völlig untypischen Weise nachempfunden sind.
Im Bild das Max-Pechsteinoriginal, das im Brücke-Museum in Berlin hängt.
Lempertz-Inhaber Henrik Hanstein räumt nun ein, einer „intelligenten“, gar „sensationell gut gemachten“ Strategie aufgesessen zu sein. Wiederholt hatten die Enkelinnen auch unbestritten echte Arbeiten in Lempertz-Auktionen gegeben, darunter Multiples von Joseph Beuys, und sie hatten ihrerseits bei Lempertz Werke ersteigert.
Die Käuferin der Campendonk-Pferde will Hanstein nach eigenen Worten „gütlich stellen“. Sie klagt seit zwei Jahren gegen das rheinische Auktionshaus, dessen Inhaber sich nun freilich auch den heftigen Vorwürfen anderer Käufer ausgesetzt sieht. Der Berner Galerist Wolfgang Henze (Galerie Henze & Ketterer), der im Jahr 2003 Pechsteins „Liegen000 Euro bei Lempertz erwarb, wirft Hanstein vor, die Quelle der Sammlung Jägers nicht genau genug geprüft zu haben: „Da sind Sorgfaltspflichten verletzt worden. Wir kannten das Bild 2003 ja nur als Einzelfall, aber nicht die anderen ähnlichen Fälle.“ Mit Pechsteins „Liegendem Akt“ werde er sich der Klage des Campendonk-Käufers anschließen.