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Kunst

12. Januar 2013

Ausstellung „Mythos Atelier“: Der Künstler im Gehäus

 Von Judith von Sternburg
Bürgerliche Bequemlichkeit bei Max Liebermann: „Atelier des Malers“, 1902. Foto: Kunstmuseum St. Gallen

Geheimnis ohne Ende: Die ausführliche Ausstellung „Mythos Atelier“ in der Staatsgalerie Stuttgart.

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Klause, bürgerlicher Salon, Lotterbude mit Lotterbett: Noch verheißungsvoller als der Blick auf den Schreibtisch des Dichters und des Komponisten ist offensichtlich der Blick ins Atelier des Malers. Weil es da doch allemal etwas zu sehen geben muss. Die beeindruckende Ausstellung „Mythos Atelier“ in der Staatsgalerie Stuttgart macht aber zweierlei besonders deutlich: Dass auch das Atelier nur verrät, was der Künstler verraten will. Dass es zugleich aber ein ungemein intimes Gehäuse darstellt und privater noch wirkt als etwa ein Selbstporträt: Sehen wir doch das, was der Maler sieht, sehen will, sehen muss. Beispielsweise wenn es ihm so dürftig geht wie Carl Spitzwegs „Armem Poeten“ (1839), auf den die Kuratorin Ina Conzen zu Recht nicht verzichtet hat. Ohnehin spannt sie den Begriff des Ateliers weit genug.

Caspar David Friedrich, 1811 vom Kollegen Georg Friedrich Kersting bei der Arbeit gemalt, hockt in einer „Mönchsklause“, wie ein Zeitgenosse bemerkte. Der Stab, mit dem er seine Malhand stützt, gehört auf dem ersten Bild der Schau zudem zu den nachher nicht mehr häufigen Einblicken in die handwerkliche Seite der Arbeit – viele Ausstellungsräume und Ateliers später rahmt noch einmal Mess- und anderes Werkzeug Giorgio de Chiricos „Metaphysisches Interieur mit großer Fabrik“ (1916).

Künstler, die ihr Atelier einrichten oder/und malen, wollen aber selten erklären, wie sie das machen. Sie wollen eher erklären, wer sie sind: Männer, die es auf das gesellschaftliche Parkett geschafft haben oder gar nicht schaffen wollen. Männer, die die Einsamkeit und Einfachheit suchen, wie Friedrich. Oder die gerne auch unbekleidete Frauen um sich haben, wie Ernst Ludwig Kirchner, der sein Atelier bisweilen als eine Art behagliches Bordell zeigt (der Blick auf Frauen ist auf Atelierbildern tendenziell deprimierend unkompliziert, so könnte man sagen). Oder die gerne Gesprächspartner um sich haben, wie Frédéric Bazille, der 1870 Emile Zola und andere Künstlerkollegen in seinem Atelier reden und musizieren lässt. Oder aber Männer, die gerne ihr eigenes Bild um sich haben, wie Piet Mondrian, der in einem Piet-Mondrian-Bild arbeitet, wie die betretbare Rekonstruktion seines Ateliers in der Rue du Départ 26 in Paris nicht nur sehen, sondern auch erleben lässt. Oder aber Männer, die sich weigern, sich etwas anmerken zu lassen, was sie sich wiederum sofort anmerken lassen. Wie Wilhelm Schnarrenberger, dessen „Selbstbildnis im Atelier“ (1928) auch einen Wissenschaftler, Arzt, Jedermann im weißen Kittel zeigen könnte.

Es ist die Unterschiedlichkeit der Werke und Herangehensweisen, die die Ausstellung spannend macht. René Magrittes „So lebt der Mensch“ (1933) – wo Leinwand und Landschaft vorm Fenster ineins gehen – wird gerade im Zusammenhang mit anderen Atelier-Darstellungen zusehends mysteriöser. Dass auf Johann Peter Hasenclevers „Atelierszene“ (1836) die Gliederpuppe beiseite bleibt und die anwesenden Künstler sich lieber dem kleinwüchsigen Kollegen als Modell widmen, richtet sich hingegen offenkundig gegen akademische Orthodoxie. Neben vielen Frauen sind überhaupt viele Gliederpuppen zu sehen, am krassesten (Frau wie Gliederpuppe) auf Otto Dix’ „Stillleben im Atelier“ (1924). Viele Künstler scheinen einfach das zu malen, was besonders naheliegt, bei Picasso oder Braque liefert das Atelier vor allem einen unerschöpflichen Fundus von Gegenständen. Bei Alberto Giacometti wird der Atelierraum selbst zum viel fotografierten Kunstwerk.

Die mögliche Aura des schöpferischen Ortes spielt in der 200 Jahre umfassenden Auswahl eine wachsende Rolle. Die Skepsis dimmt das Thema merkwürdigerweise nicht herunter. Ironie spielt eine Rolle, aber beim Künstler weit mehr als vermutlich beim Betrachter. Bruce Naumans Videoinstallation „Mapping the Studio“ (2001) zeigt auf rundum angebrachten Leinwänden die nächtlichen Seiten seines Ateliers, mit Mäusen und anderem Getier. Dass das nichts sagen soll und nichts sagt, hindert einen nicht daran, erwartungsvoll hinzustarren. Da ist die Maus wieder. Auch dass Daniel Spoerri 1998 sein Pariser Hotelzimmeratelier (1959-1965) nachstellte, weckt Neugier statt zu desillusionieren. Selbst Thomas Demands „Barn“ (1997), in der wirklich nichts zu sehen ist, trägt zur Mystifizierung von Jackson Pollocks berühmtem Scheunen-Atelier bei. Gerade weil nichts zu sehen ist. Die Vermutung, dass die Geheimnisse der Künstler bloß nicht begreiflich zu machen sind, übersteigt stets die Nüchternheit des Gezeigten. Der Betrachter will es so, der Künstler lässt es gerne so laufen.

Staatsgalerie Stuttgart: bis 10. Februar. Katalog (Hirmer Verlag) im Museum für 34,90 Euro. www.staatsgalerie.de

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