Wer sich von der Ausstellung "Über Wut" eine seelisch aufwühlende Schau erwartet, wird enttäuscht sein. Hier wird nicht wild und expressionistisch der Pinsel geschwungen, niemand macht sich mit furiosen Gesten Luft. Zu sehen ist die kalte Asche der Wut. Man spürt verrauchten Aufregungen nach, die in eher kühlen Kunstwerken bedächtig Niederschlag gefunden haben.
Kein Wunder, die Ausstellung heißt eben "Über Wut" sagt die Kunstverantwortliche des Hauses der Kulturen der Welt, Valerie Smith, und sie betont dabei das Wort "über". Hier wird sich über die Wut gestellt, sie wird sublimiert und destilliert und zu gesitteter Kunst verarbeitet. Das ist nicht immer schlecht, im Gegenteil, es ist nerven- und ressourcenschonend, aber die Gründe für die viele Wut, die in dieser Ausstellung ihre Schlacke hinterlassen hat, sind so weit gestreut, dass sich am Ende das Schlimmste einstellt, was einem wirklich wütenden Menschen begegnen kann: die Ratlosigkeit.
Man betritt die Schau durch eine hübsche Nachbildung des Ischtar-Tores, das original im Berliner Pergamonmuseum steht und zum Leidwesen manch stolzen Irakers nur als nicht eben perfekter Nachbau in Bagdad zu sehen ist. Die Replikation im HKW fällt noch weniger naturgetreu aus; sie ist nämlich aus Pepsi- und Liptonteekartons gefertigt. Das ist eine schöne Bastelarbeit des amerikanischen Künstlers Michael Rakowitz - nicht ohne Witz, aber doch ohne Wut. Zorn über angeblichen Kunstraub, den Krieg oder gar über das frühe Ende der babylonischen Hochkultur müsste man hier mühsam herbeireden - darin allerdings sind Kuratoren Spitze.
Deutlicher schon ist die Installation von Jimmie Durham "Building a nation". Durham ist ein bekannter Künstler, der früher zur Indianerbewegung Amerikas gehörte und heute in Europa lebt. In angedeuteten Räumen aus lose verknüpften, tristen Baumaterialien und allerlei Zivilisationsschrott hat Durham Zitate aus der Expansionszeit des weißen Mannes montiert. Zum Beispiel eines von Theodore Roosevelt aus dem Jahr 1886: "Ich möchte nicht so weit gehen, mich der These anzuschließen, ,nur ein toter Indianer ist ein guter Indianer´, aber ich glaube, bei neun von zehn ist es wohl so, und ich wage nicht, genauer zu untersuchen, wie es sich bei dem zehnten verhält." Das, in der Tat, kann einen schon wütend machen.
Rätselhaft sind die riesigen, zarten Bleistiftzeichnungen der Pakistanerin Seher Shah, die heute in New York lebt. Architektonische Räume aus Laubengängen, Säulen und Elementen muslimischer Gärten bergen Symbole verschiedenster Religionen und Mythologien. Diese globale Zeichenmenge birst auseinander - eine Explosion, von der man nicht recht weiß, ob sie beglückend oder beängstigend wirkt.
Sehr nah dem Thema Wut kommt der iranische Filmemacher und Künstler Shoja Azari. In die elektronische Reproduktion eines sogenannten Kaffeehausbildes aus dem 16. Jahrhundert, das Szenen des Jüngsten Gerichts zeigt, montiert er Videoszenen, die das erregte islamische Leben der Gegenwart zeigen: kollektive Selbstgeißelungen, Racheschwüre, Hasspredigten.
Autoaggression wütet im Werk von Regina José Galindo aus Guatemala. Die 36-jährige Künstlerin hat sich für ihre Berliner Performance zahllose Löcher in die Zähne bohren und diese dann in Guatemala mit Gold füllen lassen. In Berlin wird sie sich in der Ausstellungshalle auf einen Behandlungsstuhl legen und vor aller Augen von einem Zahnarzt das Gold wieder entfernen lassen. Dort wird es dann in einer Vitrine aufgebahrt. Wer will, kann darin den Zorn über die Ausbeutung und Armut ihres Landes erblicken.
Zorn ist gegenwärtig eine politische Kraft der Peripherie, der ärmeren Länder und beleidigten Kulturen. Eine für uns Europäer triftige "Zornsammelstelle" (Peter Sloterdijk) bildet auch diese Ausstellung nicht. Für Europa bleibt statt Wut nur die Melancholie, in der Ausstellung vertreten durch Tadeusz Kantors Relikte seiner berühmten "Toten Klasse" oder durch Klara Lidén. In vier Videos zeigt die schwedische Künstlerin auffallend öde Orte verschiedener Städte. Bei längerem Hinsehen erkennt man die Künstlerin sich wie ein verschreckter Gecko in großer Höhe an Masten und Säulen klammern - eine Fluchtreaktion eher als offene Wut.
"Über Wut" ist keine Essayausstellung über Gewalt, Kultur und Kreativität, wie es der Titel wohlmöglich nahe legt. Von einer Kulturgeschichte der Wut erfährt man hier nichts. Die Ausstellung versammelt einige durchaus starke Einzelwerke, die vom behaupteten Kontext überfordert werden. Eine Crux des modernen Ausstellungsbetriebs wird auch hier wieder deutlich: Vom gewaltig orgelnden Konzept der Präsentation wird das einzelne Werk eher beschädigt, als ins rechte Licht gestellt.
Der Ernst der Lage, auf die einige Werke hinweisen, wird durch einige Albernheit sogar konterkariert. Von der Architektengruppe ifau (Institut für angewandte Urbanistik) haben die Ausstellungsmacher eine monströs unpraktische Sitzgelegenheit in die Ausstellung hinein bauen lassen, die sich "Diskursarena" oder "Architektur der Wut" nennt. Es ist ein im Rechteck um eine leere Mitte verlaufender endloser Tisch mit Bänken zu beiden Seiten. Die innere Bankreihe kann man mangels Durchlässen nur durch Krabbeln oder Über-den-Tisch-Stiefeln erreichen. Beides sieht durchaus interessant aus und ist auch nicht ohne Reiz, bezeichnend ist jedoch die bitter ernst gemeinte Erklärung: "Grundlage aller Projekte des Instituts für angewandte Urbanistik ist es, kontextimmanente Prozesse als Verhandlungsräume in den Entwurf einzuschreiben. Flexibilität und Spezifität sind Merkmale der so entwickelten Modelle. Der Entwurf gewinnt Form in Verhandlung oder ist Form für Verhandlung."
Steht dieses selbstverliebte Gerede wirklich über der Wut? Dann lieber ganz unsublimiert und kulturlos wütend mit der Faust auf den Tisch gehauen.
Haus der Kulturen der Welt, Berlin: bis 9. Mai. www.hkw.de