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Kunst

13. November 2012

Ausstellung: Ars Putinesca

 Von Arno Widmann
„Last Riot“: Es ist ein totalitärer Traum, in dem Jugendliche mit Baseballschlägern und Schwertern einander bekriegen. Foto: AES+F, Last Riot, 2007

Eine grandiose Videotrilogie von AES+F aus Moskau. Erstmals ganz zu sehen in Deutschland im Martin-Gropius-Bau. Und mit ihr die Coolness eines ganzen Weltreichs.

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Eine grandiose Videotrilogie von AES+F aus Moskau. Erstmals ganz zu sehen in Deutschland im Martin-Gropius-Bau. Und mit ihr die Coolness eines ganzen Weltreichs.

Berlin –  

Als ich am Sonntag mir die Ausstellung ansah, waren nur zwei Dutzend Menschen mit mir dabei. Und viel weniger sahen sich alle drei Programme an. Dabei ist es eine der wichtigsten Ausstellungen, die es in Berlin zur Zeit zu sehen gibt. Jeder sollte in den Gropius-Bau gehen. Jeder sollte sich ein wenig Zeit nehmen, um sich die gigantischen Videoinstallationen von AES+F anzuschauen. AES+F heißt eine Moskauer Künstlergruppe: Tatiana Arzamasova, Lev Evzovich, Evgeny Svyatsky + Vladimir Fridkes, alle zwischen 1955 und 1958 geboren. Der Fotograf Fridkes schloss sich den Künstlern 1995 an.

Auf der Website der Gruppe www.aes-group.org/ kann man einen Einblick in das Gesamtwerk gewinnen, also auch sehen, wie weit der Weg von den zarten Zeichnungen der Achtzigerjahre, die denen des frühen Warhol glichen, zu dem war, was sie heute machen.

„Allegoria Sacra“: Es sieht aus wie ein Ritual. Alles ist Zitat.
„Allegoria Sacra“: Es sieht aus wie ein Ritual. Alles ist Zitat.
Foto: AES+F, Allegoria Sacra, 2011

Heute machen sie Überwältigungskunst. Drei Räume der ersten Etage des Gropius-Baus für drei riesige Shows: „Last Riot“ (2007), „The Feast of Trimalchio“ (2009), „Allegoria Sacra“ (2010-2011). Es ist der Triumph der Werbeästhetik. Der Sieg von Glätte und Schönheit. Die Botschaft? Es wäre falsch zu sagen, es gebe keine, aber es wäre auch falsch zu sagen, sie laute so und so. Jedenfalls ist sie vom Glanz der Präsentation nicht zu trennen. Nichts liegt dieser Kunst ferner als Kritik. Sie schwelgt in der Schönheit geborgter Bilder. Hier wird nicht analysiert. Hier werden Emotionen an-, nicht ausgesprochen. Hier drückt sich niemand aus. Keine Gefühle werden sichtbar. Sie werden gezeigt, demonstriert, vorgeführt wie in Anführungszeichen. Nein, keine Ironie, sondern kostbarste Rahmen.

Visionen von Schönheit und Macht

2007 erschien in Frankreich ein politischer Essay „L’insurrection qui vient“. Als Autor war ein „Comité invisible“ angegeben. Das Buch sieht den Zusammenbruch der westlichen Demokratien voraus und sieht als Alternative selbstverwaltete Kommunen heranreifen. „Last riot“ von AES+F gehörte im selben Jahr zu den Sensationen auf der Biennale in Venedig. Es hat freilich nichts von der linksradikalen Ausrichtung des Essays. Es ist ein totalitärer Traum, in dem Jugendliche mit Maschinengewehren, Schwertern und Raketen einander bekriegen. Sie tun das wie in einem Ritual. Sie tanzen ihren Tod. Eingebettet in eine Landschaft aus Pappmaché. Aber nichts ist gebaut. Alles ist animiert. Bis auf die Leiber der jungen Menschen, deren durchscheinende Haut den Blick auf den Blutkreislauf freilegt. Großaufnahmen und Totalen nebeneinander.

Wer allergisch auf Werbeästhetik reagiert, der erträgt diese Bilder kaum zwei Minuten, wer darüber hinwegkommt, dem fällt es schwer, sich zu lösen. Es ist eine Orgie des Kitsch. Imperiale Kunst. Zitieren die nackten Oberkörper der jungen Männer Putins Auftritte? Oder zitiert Putin AES+F? Ein Blick in die Chronologie scheint die Sache zu klären. Putins Ausritt mit nacktem Oberkörper fand im Sommer 2009 statt. Der Versuch Putins, die zwei Körper des Königs in einen einzigen schönen zu verschmelzen, ist aber nichts anderes als das, was AES+F machen. Es ist die Vision der Einheit von Schönheit und Macht, zu der auch der Traum von ihrem Untergang gehört. Die Dekadenz wird immer schon mitgedacht oder doch wenigstens mitgefühlt. Man hat auch Putins Ausritt damals nicht verstanden, wenn man den Hinweis auf die Vergänglichkeit daran nicht wahrnahm.

Die drei riesigen Installationen von AES+F im Gropius-Bau stehen für das Russland von Wladimir Putin wie die prachtvollen Gemälde und Dekorationen Hans Makarts für das Wien der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Man betrachte den Aufgang ins kunsthistorische Museum in Wien, das Stiegenhaus, und man spürt sich einem ganz ähnlichen Angriff ausgesetzt. Natürlich ist der heute massiver und subtiler zugleich. Er kann uns näher auf den Pelz rücken, und er kann uns weiter weg schleudern. Wir können von ganz fern auf eine Szene sehen und im selben Moment eine einzelne Pore auf der Wange einer jungen Frau wahrnehmen.

Die Coolness eines Weltreiches

Noch etwas ist anders: das Erotische. In allen drei Filmen spielen Körper, nackte Körper eine wesentliche Rolle. Manchmal liegen Männer auf Frauen. Aber niemals wird es heiß oder gar feucht dabei. Hier wird nicht geschwitzt. Alles bleibt steril. Alles, also auch die Sexualität, wird uns nur vorgeführt. Nichts wird hier empfunden, weder die Liebe noch der Appetit. Alles ist Zitat. Schwülstig ja, aber nicht wie bei Makart, sondern cool.

Es ist die Coolness eines Weltreiches. Menschen aller Hautfarben kommen vor. Vergessen wurden einzig die Lateinamerikaner. Dabei hätten ein paar Maya-Profile sich sehr schön ausgemacht in dieser Benetton-Multikulti-Welt, die freilich so multi nicht ist. Denn die eine Ästhetik unterwirft sich unterschiedslos alle. Hier schlägt das Empire noch nicht zurück. Auch der letzte Aufstand ist nichts anderes als eine Zwischenphase, eine Zeit der streitenden Reiche, denen wieder die Einheit von Macht und Schönheit folgen wird.

So wie in der „Allegoria Sacra“ der Urwald alles bedeckt und dann wieder alles von vorne beginnt. Oder wie aus einem Bett, in dem ein alter Mann stirbt, ein Säugling steigt. Alles ganz dick aufgetragen. Geheimnislos. Es könnte noch stundenlang so weitergehen oder hätte auch schon zehn Minuten früher aufhören können. Es sind Ausschnitte aus einer anderen Realität, die ebenso banal ist wie die unsere, nur ausgeputzter, abgewischter, clean halt.

Die Trilogie heißt „The Liminal Space“. Es ist der Ort, der eigentlich kein Ort ist. Denn liminality ist in der Anthropologie jener Moment zwischen Ritualen, in denen der Status undefiniert ist. Oder auch der Augenblick, in dem jemand aus dem Alltagsleben hinübertritt in das Ritual. Also ein Augenblick äußerster Verunsicherung. Dass diesem Moment hier Raum verschafft wird, dass er also gedehnt wird, zeigt, dass es AES+F bei aller Überwältigung doch auch um Reflexion geht. Dass der Martin-Gropius-Bau uns Gelegenheit gibt, dieses Meisterwerk der Ars Putinesca zu sehen, dafür preisen wir ihn.

Martin-Gropius-Bau: „AES+F. Die Trilogie. Videokunst aus Russland“, Niederkirchnerstr. 7. Bis 3. 12, Mi–Mo 10–19 Uhr.

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