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Kunst

06. Januar 2013

Ausstellung: Der Märchen-Schrecken

 Von Nikolaus Bernau
„Das Mädchen und Tod“ von Clara Siewert, um 1920.Foto: Lentos Kunstmuseum Linz

Die Liebermann-Villa deutet den Anteil von Künstlerinnen an der frühen Moderne. Die Ausstellung bietet ein Panorama all jener Stilrichtungen, die seit den 1850er-Jahren die strenge Akademiekunst angriffen, auflösten und schließlich zerstörten.

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Die Liebermann-Villa deutet den Anteil von Künstlerinnen an der frühen Moderne. Die Ausstellung bietet ein Panorama all jener Stilrichtungen, die seit den 1850er-Jahren die strenge Akademiekunst angriffen, auflösten und schließlich zerstörten.

Berlin –  

Wer in die Berliner Nationalgalerie oder in das Frankfurter Städel, die Hamburger Kunsthalle oder die Münchener Neue Pinakothek geht, könnte – nein, muss auf den Gedanken kommen, die Kunst des späten 19. Jahrhunderts und frühen 20. Jahrhunderts sei eine Zeit der Männer gewesen. Manet, Monet, Liebermann, Corinth, Munch, dann Picasso et cetera. Doch Frauen hatten damals trotz aller diskriminierenden Konventionen eine durchaus relevante, wenngleich immer wieder bedrohte Rolle. Das zeigt jetzt eine kleine, feine, aufregende Ausstellung in der Berliner Liebermann-Villa am Wannsee.

Vergessene Künstlerinnen

Gezeigt werden dort Porträts, Kinder- und Gruppenbilder, Landschaften und Stillleben von Käthe Kollwitz, Sabine Lepsius, Dora Hitz, Clara Siewert und Charlotte Behrend. Alle waren sie Mitglied der Berliner Sezession, zu ihren Zeiten auch durchaus gerühmt. Max Liebermann sorgte mit manchem Kraftwort dafür, dass ihre Werke gezeigt werden konnten. Doch die Nachwelt vergaß diese Künstlerinnen, ausgenommen Käthe Kollwitz, die durch die DDR und die Sozialreformer in der Bundesrepublik vereinnahmt wurde. Die Ausstellung bietet ein Panorama all jener Stilrichtungen, die seit den 1850er-Jahren die strenge Akademiekunst angriffen, auflösten und schließlich zerstörten.

Zart-elegische Mädchen mit Blumen im Haar von Dora Hitz, die fast an die englischen Präraffaeliten erinnern, die faszinierenden Porträts der Berliner Gesellschaft von Sabine Lepsius – die von ihrem Mann regelrecht gezwungen wurde, den Familienunterhalt mit solchen Werken zu sichern, während er für seine Gemälde den Ruhm des „wahren“ Künstlers beanspruchte. Clara Sieverts „Märchen“ mit dem kleinen Mädchen, das über einer Frau – seiner Mutter? – geradezu schreckerfüllt in die Welt sieht, zeigt, wie die oft idyllisch als Therapieinstrument interpretierten Märchen etwa der Gebrüder Grimm mit ihren Gewaltdarstellungen auch Angst auslösen können. Und die „Mutter am Bett des kranken Kindes“ von der gleichen Malerin zeigt, dunkel in GrauGrün verschwimmend, fast in der Art und Weise des norwegischen Symbolisten Edvard Munch, wie schrecklich die Sorge der Älteren um die Jüngere ist.

Ausstellung: Bis 4. März in der Liebermann-Villa Berlin, Colomierstr. 3, täglich außer Dienstag 11–17 Uhr.

Begleitbuch: Ulrike Wolff-Thomsen, Jorg Paczkewski (Hrsg.), Käthe Kollwitz und ihre Kolleginnen in der Berliner Sezession 1898-1913, Verlag Boyens, Wertheim 2012, 19,90 Euro

Charlotte Behrends kraftvoller Pinselstrich auf der Skizze zu einem brutalen Gemälde von einer Frau in den Wehen, neben der ein Kind sitzt, ist sicher auch Folge des Einflusses ihres Manns Lovis Corinth. Aber sie sah sich – und wurde auch von den Zeitgenossen als eigenständige Künstlerin angesehen. Was sich etwa im beständig benutzten Mädchennamen zeigte. Geradezu absurd wirkt es also, dass in der Liebermann-Villa immer wieder „Behrend-Corinth“ zu lesen ist. Und dann sind da die dramatischen Grafiken der Kollwitz – sicherlich die besten Werke in der Liebermann-Villa überhaupt. Arbeiten, die klar machen, warum sich selbst der Kaiser über diese „Rinnsteinkunst“ erregte: Dieses Talent konnte selbst in einer Männergesellschaft wie jener der Belle Époque, die Frauen allenfalls das nette kleine Landschaftsaquarell zutraute, kaum übersehen werden.

Frauen in der Berliner Sezession

106 weibliche Mitglieder hatte die Berliner Sezession dennoch – ein bis heute weitgehend ignorierter Teil der Geschichte der Moderne. Dass Frauen überhaupt einer solchen Künstlervereinigung beitreten durften, war dabei durchaus die sensationelle Ausnahme, die von den Zeitgenossen auch sehr wohl wahrgenommen wurde. Schließlich durften Frauen meistens nicht einmal an den späteren Ruhm und gute Einnahmen versprechenden staatlichen Kunstakademien, sondern bestenfalls an den der Nützlichkeit gewidmeten Kunstgewerbeschulen studieren. Auch deswegen flohen so viele, die etwas werden sollten, aus Deutschland oder den skandinavischen Ländern nach Paris, wo nicht nur die neusten Strömungen der Kunst zu betrachten waren, sondern auch wenigstens die privaten Kunstschulen für Frauen geöffnet waren. Die Macht der Männer im Kunstmarkt und in den Museen war damit allerdings nicht zu brechen; sie bestimmten, was wichtig war, und ganz offenkundig – man sieht es an diesen Werken hier – spielte die Qualität der Werke dabei nur bedingt eine Rolle.

Virtuose Gesellschaftskunst

Auch jetzt brauchte es das kleine Museum-Schlösschen im Hofgarten in Wertheim am Main und dessen energetischen Direktor Jörg Paczkowski sowie die Kieler Kunsthistorikerin Ulrike Wolff-Thomsen, um diese Ausstellung entstehen zu lassen. Ziemlich peinlich etwa für die Berliner Nationalgalerie – zumal das Pariser Centre Pompidou schon vor einigen Jahren vorgemacht hat, wie man die gesamte Kunstgeschichte der Moderne ohne Qualitätsabstriche auch mit Werken fast nur von Künstlerinnen zeigen kann. Leider wurde nicht die gesamte Wertheimer Ausstellung nach Berlin übernommen.

Die Werke von Julie Wolfthorn, die in Theresienstadt starb und schon deswegen in der Liebermann-Villa hätte gezeigt werden müssen, die Kunst von Ernestine Schultze-Naumburg, die als Ernestina Orlandini bekannt wurde, sowie die Werke von Maria Slavona und Hedwig Weiss fehlen. Platz wäre da gewesen, doch die Liebermann-Villa hat es nicht gewagt, auch das mit Gemälden des großen Max Liebermann belegte Atelier und den Vorraum freizugeben. Dabei erscheinen dessen Garten- oder Familienbilder neben der Farbgewalt der „Weinernte“ von Dora Hitz wie virtuose Gesellschaftskunst.

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