Seit seiner Gründung durch den inzwischen verstorbenen Heinrich Klotz 1989 hat sich das Karlsruher Institut für Kunst und Medientechnologie (ZKM) auf zahlreiche Versuche der analytischen Darstellung von Erscheinungsformen gegenwärtiger künstlerischer Praxis weltweit eingelassen. Das jüngste, von Peter Weibel, dem Direktor des ZKM, und Andrea Buddensieg verantwortete Projekt ist aber das zweifellos aufwändigste, umfangreichste und ehrgeizigste.
Tatsächlich ein enormes Unterfangen: „The Global Contemporary“ will nicht weniger als die Beschreibung der Kunstwelten, die sich international ab dem Ende des Kalten Krieges mit der Entwicklung einer veränderten Weltordnung zu Beginn der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts herausgebildet haben. Fünf Jahre lang wurde die Ausstellung vorbereitet, beteiligt ist mindestens eine Hundertschaft von Künstlern, die meisten von ihnen bei uns noch gänzlich unbekannt. Mitgewirkt haben Kunstinstitute aus allen fünf Kontinenten, die assistierenden Kuratoren kommen aus vieler Herren Länder.
Der Besucher sieht sich einem Angebot von auf drei Etagen ausgebreiteten Werken, Daten und angerissenen Entwicklungslinien ausgesetzt, für dessen auch nur halbwegs akkurate Wahrnehmung und Verarbeitung ein Tag nicht ausreicht. Trotz einer sinnfälligen Gliederung der gewaltigen Stoffmasse in mehrere Themenfelder ist es, als werde man förmlich hineingerissen in eine Sturzflut von Informationen – an den tradierten, aus den Erfahrungen mit der europäisch/amerikanischen Moderne sich herleitenden Begriffsrastern ist da kaum noch ein Halt. Erfasst werden politische ebenso wie ästhetische Veränderungen, Peter Weibel nennt sie „Umschreibungen“: Gemeint sind damit neue Metaphern für die Befindlichkeit von Gesellschaften in China, Indien, im Orient, in Afrika, auch im Westen, aber vor allem grundsätzliche Verschiebungen der Absichten und Bedeutungsgehalte von Bildern, Skulpturen, Fotoarbeiten, Videos und Installationen, die dem westlichen Kunstbegriff häufig nicht mehr subsumierbar sind. Entsprechend hätten sich auch die Institute der Erarbeitung und Präsentation dieser Inhalte neu zu definieren.
Abwehr der Dominanz westlicher Positionen
Am auffälligsten an den Veränderungen ist die Dynamik der Prozesse, die auf der neuen Welt-Kunst-Szene zu einer wechselseitigen Durchdringung der Kultur-und Kunsttechniken geführt haben. Dabei begünstigt durch die Informationsströme des Internets, die Ein- und Ausgrenzungen nationaler, ethnischer oder religiöser Art zumindest relativieren. So hat etwa Navin Rawanchaikul, Jahrgang 1971, ein Thailänder mit pakistanischen Vorfahren und Wohnsitz in Japan, der Ausstellung ein in Acryl auf Leinwand gemaltes Bild im Format von fast drei Meter Höhe und dreizehn Meter Breite beigesteuert. Er nennt es „Super China!“: ein knallbuntes, ungezügeltes Durcheinander von Momenten chinesischen Lebens, in dem Figuren in den Kostümen des alten China sich in einer Straßenszene unter heutigem Personal tummeln.
Alles ist zugleich und überall möglich, China hier nur ein Beispiel für die allgemeinen Durchmischungen als Konsequenz der Globalisierung. Der Brasilianer Roberto Cabot treibt das noch weiter, wenn er in seinen Digitalprints etwa den Pariser Eiffelturm als Zeugnis für den industriellen Aufbruch Europas am Ende des 19. Jahrhunderts in die Elendszone der Favelas von Rio de Janeiro versetzt. Wie die Türkin Halil Altindere in einem C-Print ihre Mutter in ein türkisches Wohnzimmer platziert, wo sie – Ineinander heterogener Welten – gerade einen Katalog der amerikanischen Pop Art studiert, dessen Cover eine Marilyn von Andy Warhol zeigt.
So mögen denn die von der in Berlin lebenden Iranerin Leila Pazooki mit Buchstaben aus Neonröhren (als stammten sie von Jenny Holzer) formulierten Verbindungen der Namen von Protagonisten der Westkunst mit Nationalitäten ganz anderer Regionen der Welt durchaus eine ironische Berechtigung haben: Picasso mag auch ein Inder sein, Jeff Koons ein Perser oder Gerhard Richter ein Chinese. Anders herum fragen die Leuchtschriften aber auch: Wer könnte der chinesische Gerhard Richter werden? Derart willkürliche Assoziationen, die sich nicht nur bei der Iranerin finden, implizieren immer auch eine kritische Abwehr der Dominanz westlicher Positionen.
In den Abgesang auf deren Führungsrolle stimmt die Ausstellung in Karlsruhe auch damit ein, dass sie an Hand von graphischen Darstellungen und Tabellen ausführlich dokumentiert, wie sich die Formen der Kunst-Vermittlung seit den neunziger Jahren immer nachdrücklicher kommerzialisiert haben.
Anlass für kritische Gegenfragen
Als ein Schlüsseldatum kann das Erscheinen des französischen Herstellers und Vertreibers von Luxus-Gütern, François Pinault, auf der Kunstszene markiert werden. Er erkannte als einer der ersten, dass die finanziell potente Klientel teurer Mode-Accessoires auch ein Vorzugs-Publikum für die Kunst ist – und ließ damit den Kunsterwerb, ebenso wie die Gründungen neuer Museen zwischen Shanghai und den Golf-Staaten, besonders aber auch die großen Kunstmessen und ständig sich vermehrenden Biennalen zu Anlässen der Selbstbestätigung von Eliten werden. Zweifellos hat das andere soziale Wirkungsmöglichkeiten der Kunst eingeschränkt.
Wenn nun, wie das im ZKM geschieht, das Interesse umgelenkt wird auf die ästhetische Praxis in anderen Gegenden der Welt, fernab der Westkunst, ist das auch zu verstehen als ein Akt der politischen Korrektur. Die Globalisierung wird so zu einem positiven Vorgang, mit dem sich – das ist in Karlsruhe überraschend deutlich spürbar – von Seiten der Veranstalter einiger Optimismus verbindet. Gleichwohl ist die Ausstellung auch Anlass für kritische Gegenfragen. Was da an Neuem und bei uns weitgehend Unbekanntem zusammengeführt wird, ist Ergebnis der Auswahl von Kuratoren, deren Kriterien nicht wirklich kontrollierbar sind. Es gibt da eine neue, kleine Gruppe von Vermittlern, auch sie mit einer Art von Herrschaftswissen, das andere Wahrnehmungen und Urteile als die ihren ausschließt. Allerdings gilt das für jede Auswahl, auch in unseren Breiten, nur sind die Entscheidungen hier denn doch transparenter.
Wichtiger ist noch eine andere Frage: Wenn die von der westlichen Kunstgeschichte entwickelten Maßstäbe der Beurteilung ihre Gültigkeit verlieren sollen – welche hätten wir sonst? Werden wir, wenn schon weitab, nicht immer suchen nach einem Picasso in Indien oder nach Gerhard Richter in China?
ZKM / Museum für Neue Kunst, Karlsruhe: bis 5. Februar. www.zkm.de