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Kunst

13. November 2012

Ausstellung Fotoagentur Ostkreuz: Wo das eine aufhört und das andere anfängt

 Von Ingeborg Ruthe
Was vom Arabischen Frühling in Libyen übrig war: Gaddafis Schuhe der italienischen Marke Respect in Folie als Museumsexponat, fotografiert von Maurice Weiss 2011 für seine Serie „Arabischer Herbst“.  Foto: Maurice Weiss/OSTKREUZ/Katalog Hatje Cantz

„Über Grenzen“ – eine packende Ausstellung der Berliner Fotoagentur Ostkreuz im Haus der Kulturen der Welt. Eine Schau, die zugleich erschütternde und zugleich obskure Momente zu bieten vermag.

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„Über Grenzen“ – eine packende Ausstellung der Berliner Fotoagentur Ostkreuz im Haus der Kulturen der Welt. Eine Schau, die zugleich erschütternde und zugleich obskure Momente zu bieten vermag.

Berlin –  

Immer wieder ist dies das Frappierende an der Fotoagentur Ostkreuz: Ostberlins erstaunlichstes Nachwende-Erfolgsmodell gleitet nicht abgehoben auf den Gipfeln des Trendigen und damit Kommerziellen. Die inzwischen 18 Fotografen der 1990 von sieben Fotografen gegründeten Gruppe ziehen eher mit Neugier wie Erfahrung durch die ruppigen, öden, schmutzigen, tödlichen Niederungen des Alltags auf den Kontinenten. Gerade davon berichtet ihre große gemeinsame Schau „Über Grenzen“ im Haus der Kulturen der Welt.

Der Mensch versucht seit Jahrtausenden, Grenzen zu überschreiten, jene, die Natur oder gesellschaftliche Gesetze ihnen ziehen. Aber die einzigen Trennlinien, die die Zivilisation nicht abzuschaffen imstande ist, haben Staaten, Völker, Rassen, Klassen, Religionen und Besitzstände selbst gegeneinander aufgestellt – in Mauern, Zäunen, Drahtverhauen, Schussanlagen, in aggressiven Gesten, Worten, in Verachtung und Ausgrenzung auch bis in den privaten Bereich.

Diesem brisanten Thema, wo das eine aufhört und das andere anfängt, gingen 18 Fotografen nach, in Europa, Amerika, Asien, Afrika, dem Nahen Osten. Ute und Werner Mahler, 63, Gründungsmitglieder von Ostkreuz, zeigen eine Reihe Schwarz-Weiß-Bilder der einstigen innerdeutschen Grenze. Jörg Brüggemann, geboren 1979, fotografierte den scharf bewachten Grenzwall zwischen Nord-und Südkorea und nebenbei das alltägliche Spiel von Kindern nahe diesem martialischen Ort.

Obskure und erschütternde Momente

Die Düsternis von Krisenschauplätzen, als Tatsache wie als Metapher, zieht sich durch die Bilder Heinrich Völkels, Jahrgang 1974. Er fotografierte zerbombte Häuser in Grosny und im Gazastreifen, schließlich machte er Aufnahmen von UN-Soldaten in der Pufferzone zwischen dem griechischen und türkischen Teil Zyperns. Und Anne Schönharting, geboren 1973, fotografierte paradoxe Straßensperren und Mauern in Belfast, kalt-heißes Kriegsgebiet zwischen Protestanten und Katholiken.

Die wohl obskurste Aufnahme der Schau gelang Maurice Weiss, Jahrgang 1964. Er dokumentiert, was blieb vom Arabischen Frühling: Die Paradeschuhe des Diktators Gaddafi, delikaterweise eine italienische Marke namens Respect, als Museumsobjekt. Frank Schinski, geboren 1975, machte nüchterne Aufnahmen von den Büroräumen des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag, nennt die Bilder „Das Weltgericht“.

Und Tobias Kruse, 33, brachte erschütternde Aufnamen mit vom Alten Busbahnhof in Tel Aviv, Ort der Verlorenen, Ausgestoßenen: der palästinensischen, israelischen Huren, Stricher, Junkies. Und Dawin Meckel, 35, porträtierte kanadische Ureinwohner, die Lubicon Cree, die seit Generationen mit dem Staat erfolglos um ihre Landrecht kämpfen.

Ostkreuz-Fotografie, das erweist sich in dieser packenden Schau, in allen 18 engagierten Positionen, das ist Fotografie von der Würde des Menschen, es ist Einstellungssache, persönliche Haltung. Ostkreuz-Fotografie kommt von der Reportage her. Sie sagt uns, dass die Probleme tief unter der Bild-Oberfläche liegen. Für Ostkreuz kann nur fotografieren, wer die Menschen mag.

Haus der Kulturen der Welt, John-Foster-Dulles-Allee 10 (Tiergarten). Bis 30. Dezember, Mi–Mo 11–19 Uhr.

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