Kunst

08. August 2012

Ausstellung: Frühstück nach der Apokalypse

 Von Patrick Schirmer Sastre
Verfall und Neuaufwertung in Spanien.  Foto: Kunsthalle Hamburg/Jörn Vanhöfen

Die Hamburger Kunsthalle zeigt die bemerkenswerte und bisweilen beklemmende Ausstellung „Lost Places“. Für den Besucher ist es ist ein Rundgang von beklemmender Seelenlosigkeit.

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Es sei die Poesie des Verfalls, die ihm bei seinen Bildern wichtig sei, sagt der südafrikanische Fotograf Guy Tillim. „Ich sehe die Gebäude als Denkmäler der Moderne, die sich ja nicht mit der Vergangenheit, sondern immer nur mit der Zukunft beschäftigen wollten. Und mit der Natur.“

Mit seiner Serie „ Avenue Patrice Lumumba“ ist Tillim in der so berührenden wie beklemmenden Ausstellung Lost Places in der Hamburger Kunsthalle vertreten. 19 Künstler und Fotografen stellen dort bis Ende September ihre Arbeiten aus. Verlorene Orte, das sind für die Ausstellungsmacher nicht nur Areale, die nicht mehr gebraucht werden. Vielmehr soll das Thema, angesichts der Globalisierung und des Einzugs digitaler Welten in den Alltag das damit einhergehende Verloren-Gehen darstellen. Der materielle Raum verschwindet und wird ersetzt, vervielfältigt, vernetzt.

Und so stellen die Fotografien von Tillim einen Ausbruch aus dem Grundton der Ausstellung dar. Sie zeigen ein ehemaliges Nobelhotel in Beira (Mosambik), das nun von tausenden Menschen bewohnt wird. Sie haben die Zimmer und Suiten bezogen, die Kinder spielen im Pool. Dies ist kein verlorener Ort, vielmehr scheint er halbwegs erfolgreich umfunktioniert worden zu sein.

Aber Lost Places zeigt nicht nur ansprechende Bilder von zerstörten Landschaften und vergessenen oder umfunktionierten Orten. Immer wird der Bezug zur persönlichen Identifikation der Menschen zu diesen Orten gesucht. Besonders bemerkenswert sind hierbei die Bilder der außerordentlich talentierten Berliner Fotografin Sarah Schönfeld. In den Achtziger Jahren wuchs sie in Lichtenberg auf. Fünfzehn Jahre nach der Wende besuchte sie die Orte, an denen sich ihre Kindheit abspielte. Ihr Schwimmbad, ihr Kindergarten, ihre Schule, der Palast der Republik.

Herausgekommen sind zwei Serien. In „Mama du Sau“ sieht man die Ruine ihres Kindergartens. Kaputte Wände, mit Graffitis übersät. Auf die großformatigen Bilder hat die Fotografin Kinderbilder von sich an diesem Ort geklebt. Sie sind schwarz-weiß, zeigen glückliche Kindheitsmomente. Sie machen das persönliche Drama deutlich, das die Fotografin erlebt haben muss. Das Gebäude sollte abgerissen werden, um dem Parkplatz eines Supermarktes zu weichen.

„Mama du Sau“ ist ein Graffito auf einer Wand des Kindergartens. Es klingt wie eine Anklage, wie die Reaktion auf ein enttäuschtes Versprechen. Das, was damals so wichtig war im Leben, stellt sich nun letztlich als völlig nichtig heraus.

Beunruhigend ereignislos

Und so taucht man bei Lost Places in einen Rundgang der Seelenlosigkeit ein, in ein beklemmendes Fehlen von Ereignissen in den Motiven. Man zieht vorbei an Thomas Ruffs grünlich schimmernden Bildern, Szenen von nächtlichen Düsseldorfer Vororte, die an den Beschuss von Bagdad erinnern. Man steht vor Andreas Gurskys monumentalen Bildern von mexikanischen Müllhalden und brasilianischen Bahnhöfen, bei denen die schiere Größe die eigentliche Leere deutlich macht. Und vor Jeff Walls „Insomnia“, das einen schlaflosen Mann auf dem Küchenboden zeigt und jene Beklemmung hervorruft, die verlorene Orte im eigenen Kopf erzeugen.Tobias Zielony, der Chronist der gelangweilten Jugend, ist mit zwei Serien vertreten. Sie zeigen eine Kleinstadt in Kalifornien und ein Gebäudekomplex im von der Mafia verseuchten Neapel. Dort, im Vele di Scampia, gibt es für die Jungs wenigstens Motorroller und die Neonlichter der Stadt im Hintergrund, während es in der amerikanischen Kleinstadt Trona nichts herrscht außer Arbeitslosigkeit und Langeweile. Keine Wut, kein Aufbegehren, keine Exzesse. Man kann eigentlich nur zur Erkenntnis kommen, das nichts eine Bedeutung hat, das nichts wichtig ist. „Lost Places“ zeigt die Vergänglichkeit, die Banalität der menschlichen Konstruktionen. Doch auch daraus resultiert keine Hoffnungslosigkeit und nur in den seltensten Fällen so etwas wie Melancholie oder Nostalgie. Es ist die Gnadenlosigkeit des Lebens, die hier dargestellt wird. Und letztlich zeigt sich dadurch der Grundgedanke der Ausstellung. Es könnte überall sein. Die Bedeutungslosigkeit entsteht in ihrer geografischen Parallelität. Das manifestiert sich besonders in den Bildern, deren Motive für die Schrecken des menschlichen Lebens stehen. Etwa in Jan Vanhöfens Carabanchel, das ein verfallenes Gefängnis in Spanien aus der Franco-Diktatur zeigt. Es liegt eine fast zärtliche Ruhe auf dem Bild, das Leid der Gefangenen ist vorbei, ihre Schreie sind verklungen. Hier muss keiner mehr Angst haben.

Nichts erinnert an das Grauen

Noch eindringlicher macht diesen Umstand nur Joel Sternfeld deutlich: Der US-amerikanische Fotograf untersucht in seiner Serie „On this Site“ Orte von Verbrechen – soziale, staatliche, gesellschaftliche, aber sichtbar ist nur die grausame Normalität dieser Plätze. Sie sind alltäglich, bestenfalls idyllisch. Kein Ort ist vor sich selbst sicher. Wo heute Mais gepflanzt wird oder Kinder spielen, ist morgen ein Internierungslager oder der Tatort eines Mordes. Und am Tag darauf, wenn die Leichen beseitigt, die Blutspuren gereinigt, die Baracken abgerissen sind, ist alles vorbei. Die Busse fahren wieder nach Plan.

Hier stehen keine Mahnmale, nichts erinnert an das Grauen. Am Morgen nach der Apokalypse wird zwischen sieben und elf das Frühstück serviert.

Hamburger Kunsthalle. Bis 23. 9., Di–So 10–18, Do 10-21 Uhr.

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