Kunst

26. September 2012

Ausstellung im Städel : Hexen, Gespenster und das eine oder andere Monster

 Von Peter Michalzik
"Die weiße Frau" von Gabriel von Max. 

„Schwarze Romantik. Von Goya bis Max Ernst“: Das Frankfurter Städel zeigt eine hervorragende Epochen-Ausstellung

Drucken per Mail

Träume, Burgruinen, klappernde Mühlen, Mondlicht, die Mächte der Finsternis, das Landleben, Volkslieder, Shakespeare, Religion, ferne Länder oder Drogen, alles kann romantisch sein. Romantik, das ist eines jener seltenen Worte, bei dem jeder etwas fühlt, aber niemand genau anzugeben weiß, was darunter zu verstehen ist. Romantik kommt aus dem Mittelalter, der Mystik und dem Märchen, sie war eine Kunstepoche nach 1800 und sie dauert bis heute.

Thema Romantik

„Impuls Romantik“: Dieses Thema hat der Kulturfonds Frankfurt-Rhein-Main in Stadt und Region bis zum Jahre 2014 ausgerufen. Er unterstützt großzügig auch die Ausstellung „Schwarze Romantik“ im Frankfurter Städel-Museum.

„Schwarze Romantik“ wird am 26. September eröffnet und dauert bis zum 20.Januar 2013.

Die Unterströmung der Romantik befasste sich ausnehmend mit den eben dunkleren Seiten des menschlichen Daseins: mit der Angst vor Frauen und Sex, Sehnsucht, Melancholie, Depression, Drogen, Wahnsinn, Hysterie, dem Satanischen und Dämonischen und in allen grauenerregenden Varianten mit dem Tod.

Andere Projekte zum Thema Romantik: Die Alte Oper vergibt Aufträge an junge Komponisten, Liedtexte der Romantik zu vertonen. Das Goethe-Haus zeigt Ende 2013 eine Ausstellung über Arabesken.

Insofern ist es eine gute und kluge Entscheidung des Frankfurter Städel, den Begriff nicht definieren oder gar eingrenzen zu wollen, sondern eine Ausstellung zu dem Epochendauerbrenner auf eine Seite zu beschränken und ansonsten die Romantik so weit auszudehnen, wie man es braucht: „Schwarze Romantik. Von Goya bis Max Ernst“ heißt die Ausstellung. Sie ist nicht spektakulär, aber sehr sehenswert.

Das Städel und Kurator Felix Krämer sind ganz einfach der dunklen Seite nachgegangen, die die Romantik unübersehbar hat. Das Finstere, Abgründige, Beängstigende, das düster Visionäre ist sogar eines der wichtigsten Kennzeichen der Romantik. Umso erstaunlicher ist es, dass es in Deutschland bisher keine Ausstellung zu dem Thema gab. Offensichtlich denkt man hierzulande bei dem Wort Romantik immer noch an die klappernde Mühle.

Aber der deutsche Blickwinkel ist eben auch sehr eingeschränkt. In Deutschland gilt etwa der abgründigste Visionär der Kunstgeschichte, Francisco de Goya, nicht als Romantiker, in Spanien sehr wohl. Das ist auch der Grund, warum der Prado sich für diese Themenausstellung begeistert und dem Städel einige sensationelle Goya-Gemälde ausgeliehen hat, wegen derer allein sich der Besuch der Ausstellung lohnt. „Das Feuer in der Nacht“ von 1793 und „Flug der Hexen“ von 1798 sind schon in der Verschlingung gequälter Körper zwei unglaubliche Visionen.

Man weiß, was für ein überragender Visionär der Qual, sowohl des Körpers als auch der Vernunft, Goya war. Trotzdem schlägt einen die Klarheit der grauenhaften Visionen immer wieder vor den Kopf. Goya stellte die „Desastres de la Guerra“ in einer bis heute unerreichten Drastik dar. Gleichzeitig gelang ihm das aber nur, weil er auf Phantasmen zurückgreifen konnte, die in ihm selbst schlummerten. Das machen die „Caprichos“ deutlich, die Goya vor dem Krieg in Spanien radiert hat.

Möglicherweise ist die Wurzel der Romantik auch gar nicht der „Schlaf der Vernunft, der Ungeheuer gebiert“, wie seit der berühmten Radierung Goyas mit diesem Titel zu einer allgemein anerkannten Wahrheit wurde. Möglicherweise ist es viel eher der der Religion entkleidete Tod. Ohne den Mantel des Glaubens steht der Mensch dem Tod so nackt, so ausgesetzt gegenüber wie auf Goyas Kannibalenbildern oder eben seinem „Feuer“ und den „Hexen“.

Die Präsenz des Todes

 Filmszene aus Friedrich Wilhelm Murnaus Nosferatu
Filmszene aus Friedrich Wilhelm Murnaus "Nosferatu"

Die Romantik als Reflex auf die Aufklärung, das war die Selbstwahrnehmung um 1800. „Wenn die Vernunft alle ihre Kräfte aufbietet, so fühlt sie endlich, wie sie fürchterlich auf einer schmalen Spitze schwankt und im Begriffe ist, ins Gebiet des Wahnsinns zu stürzen“, schrieb Ludwig Tieck etwa 1795. Von heute aus gesehen fällt auf den Bildern im Städel die Präsenz des Todes und das Erschrecken, das mit ihm unterwegs ist, allerdings viel mehr auf als der Schlaf der Vernunft. Es ist ein Schrecken, den man von neuzeitlichen oder gar mittelalterlichen Bildern nicht kennt.

Ein kleiner kunstgeschichtlicher Triumph ist in der Ausstellung auch versteckt. „Die Chinchillas“ heißt eines der Caprichos, es zeigt eine neureiche, damals als geistig beschränkt geltende Familie. Ein Gesicht mit durch Vorhängeschloss gesichertem Schädel (auf dass aus ihm kein Verstand herausdringe) wurde das Vorbild für Boris Karloffs Monster-Maske in „Frankenstein“, einer der vielen Ausläufer der schwarzen Romantik im Film des 20. Jahrhunderts.

 Muskulöser Drache von William Blake.
Muskulöser Drache von William Blake.

Ein Ausschnitt dieses Films wird gegenüber der Radierung von Goya gezeigt, auf der Rückwand der Projektionsfläche hängt dagegen Johann Heinrich Füsslis „Nachtmahr“ von 1790, ein Bild, das dem Freien Deutschen Hochstift gehört. Die hintenüber gesunkene Frau auf diesem Bild ist ebenfalls Vorbild für eine Szene in dem Frankenstein-Film geworden. So verknüpfen sich die Motive miteinander.

Man hätte die Ausstellung ohne weiteres auch – nach dem Figurenpersonal, das hier abgebildet wird – Hexen, Teufel, Gespenster, Monstren, Hamlets, Fäuste und Kannibalen nennen können. Die deutsche romantische Tradition, so macht die Ausstellung deutlich, bevorzugt seit Caspar David Friedrich das Landschaftsgenre, in der dunkle Seiten in eher sublimer Form vorkommen, wovon es in der Ausstellung auch von Carl Gustav Carus ein unbekanntes und überraschendes Bild (Nebelwolken, 1828) gibt.

Die französische Tradition, die den zweiten Hauptstrang der Ausstellung bildet, repräsentiert dagegen die figürliche Tradition und erreicht dabei plakative Wirkungen, die dem deutschen Kunstverstand etwas schlicht erscheinen, die aber auch bis heute in Tattoos, Horrorfilmen, Comics und Motorhauben intensiv, manchmal sogar 1:1, weiterleben. Jean Devilles „Idol der Perversität“ – das eine spitze, sphinxartige Königin der Nacht zeigt, mit Augen als Schlitzen und auffallend eng beieinander liegenden Brüsten, eine Kohlezeichnung immerhin von 1891 – könnte heute als Druck immer noch genau so in den einschlägigen Schaufenstern hängen.

Dagegen gehört die plakative Kindsmörderin von Antoine Joseph Wiertz zu einer vergessenen Tradition. „Hunger, Wahnsinn und Verbrechen“ heißt das Bild von 1853 (fast wie wenn es um eine frühe Version von „Sex, Lies and Videotape“ ginge) und es zeigt eine grob gemalte, wahnsinnige, busenfreie Magd, die (ihre?) Kinder kocht. Wiertz, einst berühmt, hat ein Bild gemalt, das wie ein gemaltes Pendant zu Georg Büchners „Woyzeck“ wirkt.

Hitchcock zum Schluß

Eine überraschende Facette ist die Vorliebe der Romantiker für Shakespeare, insbesondere „Hamlet“ und noch mehr „Macbeth“. Wahrscheinlich könnte man eine gar nicht so kleine Ausstellung nur mit Hexenbildern nach „Macbeth“ bestreiten. Dicht nach Shakespeare aber kommt, noch überraschender, der Antiromantiker Goethe, mit seinem „Faust“.

 Totenkopf-Ballerina von Salvador Dalí.
Totenkopf-Ballerina von Salvador Dalí.

Die Ausstellung endet mit Hitchcock, den Surrealisten und insbesondere Max Ernst. Sie alle haben zwar ebenfalls mit Traum, Nacht und dunklen Schrecken gearbeitet, vielleicht aber stehen sie doch für eine andere, lebensfrohere, sozusagen an Matisse und Cézanne geschulte Grundauffassung der Nacht. Irgendwo endet eben sogar die Romantik.

Man hätte die Ausstellung aber auch problemlos in die Gegenwart weiter treiben können. Vor allem in der Populärkultur lebt der romantische Impuls bis heute ungebrochen weiter. Wer Carlos Schwabes „Welle“ von 1907 gesehen hat, weiß, wo Harry Potters Dementoren herkommen. Vielleicht hätten solche Verbindungen der Ausstellung noch ein wenig mehr Popularität verschaffen können. Man kann aber diese Linien auch problemlos selbst ziehen, und vielleicht macht das ja noch mehr Spaß. Anfangen kann man da bereits bei Jean-Jacques Feuchères „Satan“ von 1833, der heute ohne Zweifel noch in zahlreichen Abbildungen lebendig ist.

Rothaarige Vampirin von Edvard Munch.
Rothaarige Vampirin von Edvard Munch.

Man findet in der Ausstellung wunderbare Kleinigkeiten wie Victor Hugos träumerische Zeichnungen und weitere großartige Arbeiten, etwa von Magritte, Paul Klee, Max Ernst oder Odilon Redon. Man vermisst etwas William Blake, der nur mit zwei Werken vertreten ist. Neben Goya war der Brite Blake der größte Visionär der dunklen Seite der Macht.

Aber was soll’s, etwas fehlen muss immer. Für eine Themenausstellung ist die „Schwarze Romantik“ hervorragend bestückt. Und dass die Ausstellung danach ins Pariser Musée d’Orsay wandert, spricht auch nicht gerade gegen ihre Qualität.

Städel-Museum, Frankfurt. Bis 20. Januar 2013. Der Katalog kostet in der Ausstellung 34,90 Euro.

Zur Homepage

Jetzt kommentieren

Dossier

Rezensionen des FR-Feuilletons zum Bücherherbst 2014.

TV

Gestern ferngesehen? Wir auch! Diskutieren Sie mit!

Anzeige