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Kunst

11. Januar 2013

Ausstellung Neo Rauch: Wand an Wand

 Von Ingeborg Ruthe
Neo Rauch: Die Abwägung, 2012. Foto: Uwe Walter, Berlin © By courtesy of Galerie EIGEN + ART Leipzig/Berlin und David Zwirner, New York/London / VG Bild-Kunst, Bonn 2012

„Der Sinn geht vor, die Bedeutung ist nachrangig“: In Chemnitz stellt hierzulande zum ersten Mal das Malerpaar Neo Rauch und Rosa Loy zusammen aus. Ihre Bilder hängen völlig gleichberechtigt und jeder für sich, aber Wand an Wand.

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„Der Sinn geht vor, die Bedeutung ist nachrangig“: In Chemnitz stellt hierzulande zum ersten Mal das Malerpaar Neo Rauch und Rosa Loy zusammen aus. Ihre Bilder hängen völlig gleichberechtigt und jeder für sich, aber Wand an Wand.

Berlin/Chemnitz –  

Gescheit gewählt ist der Ort für das Experiment. Die Kunstsammlungen Chemnitz sind nicht die Kunsthandels-Börse. Das angesehene Museum im Osten ist erhaben über Debatten um Mehrwert, Hype und Top-Ten-Listen. Hier sorgt man für solide Kunstvermittlung, und natürlich auch für Kunstgenuss. Außerdem ist diese Doppelschau zweier Leipziger in der Nachbarschaft fast ein Heimspiel. Ostdeutschlands berühmtester Gegenwartsmaler samt Partnerin – da ist man auch in Chemnitz ziemlich stolz drauf.

Und so stellt der in aller Welt zum Malerstar erhobene Leipziger Neo Rauch erstmals hierzulande zusammen mit seiner Frau, der Malerin und diplomierten Gärtnerin Rosa Loy aus. Ihre Bilder hängen völlig gleichberechtigt, schon gar nicht Rauchs Protektion bedürftig – jeder für sich, aber Wand an Wand. Fast so, wie daheim im Atelier in der alten Leipzig-Plagwitzer Baumwollspinnerei, wo heute fast alle arbeiten, die sich jemals der „Neuen Leipziger Schule“ zugehörig fühlten.

Rosa Loy und Neo Rauch sind, auf den ersten Blick, sogar Zwillinge im Geiste: Da wären der thematische Zugriff auf die Figur – bei ihm mehr der männlichen, bei ihr der weiblichen –, und der sensible Bezug zur Landschaft, dazu das Verrätselte der Szenen. Auffällig auch der Rückgriff in die eigene Biografie, aufs Historische, auf Kunstgeschichte und Philosophie.

Bei ihr aber, das zeigt sich beim längeren Vertiefen, wirkt alles, auch das Mystische, Märchenhafte realitätsnäher – zugleich leichter, heller. Die guten alten Kasein-Farben knallen frischer, ja, poppiger. Noch aus der vertracktesten Figuren-Umwelt-Konstellation dringen Zuversicht, Lebenslust. Oft zeigt sie die betont individuellen Frauenbildnisse in Gartensituationen, das Weib als Schöpferin, die Frau als emanzipierte Streiterin, Mutter, Freundin. Und sie malte Frauen als „Zwillinge“ oder „Doppelgängerinnen“, in denen die Malerin wohl ein „Sich selbst gegenübertreten“ verhandelt. Zwei x-förmig ineinander verschlungene Freundinnen etwa nennt sie „Die andere Seite“, zwei Wissenschaftlerinnen im Overall bekamen den Titel „Gravitation“.

Rosa Loys Bilder sind die einer selbstbewussten, doch offensichtlich von der Männerdominanz in allen Lebensbereichen, auch in der Kunst, irritierten und genervten Malerin. Und so sind ihre Protagonistinnen attraktiv und alles andere als friedfertig. Dennoch tut ihre Bildwelt nicht so melancholisch weh wie seine tiefsinnig-schwermütigen Motive. Rauch, 52, und Loy, 54, leben und arbeiten schon seit der Studienzeit an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst zusammen; sie haben einen erwachsenen Sohn – der kein Maler werden wollte. Die Kunsthochschule hat sie, das sagen beide, wohl für immer geprägt: Er war Meisterschüler von Arno Rink, sie von Rolf Münzner. Beide blieben sie unbeirrt bei der Figur, beim Menschenbild.

„Der Sinn geht vor, die Bedeutung ist nachrangig“

Seinen Ausstellungsteil überschreibt Neo Rauch mit „Abwägung“, das ist zugleich der Titel seines jüngsten Öl-Bildes: Ein Auftragswerk fürs Chemnitzer Rathaus, wo schon seit 100 Jahren ein Wandbild von Max Klinger, dem großen Leipziger Symbolisten, hängt. Welch spannende Fügung.

Auf Rauchs romantischem, braunlilaschwefliggrün wetterleuchtenden Bildgrund für „Abwägung“ stehen fünf eigentümlich vereinzelte, auratische Gestalten. Alles wimmelt nur so vor Anspielungen, die der Maler jedoch nicht zu Ende ausspricht, sondern als Rätsel belässt: die Alltagskleidung in altmeisterlich bedeutungsschweren Farben, die Gestik, die kunstgeschichtlichen Zitate.

Im Bildvordergrund steht auf einem weißbetuchten Tisch eine alte Waage mit Gewichten, dahinter eine üppige junge Frau, Allegorie der Justitia, die in der Rechten ein Hochhausmodell und in der Linken ein Bäumchen balanciert. Links tastet sich ein wie schlafwandelndes Mädchen mit ausgestreckten Händen, darin ein Vogel, Richtung Waage. Die Dreiergruppe rechts, zwei Männer, eine Frau, scheinen aus früheren Rauch-Bildern herübergewandert zu sein. Eine respektvoll ratsuchende oder fordernde Bürgerabordnung und irgendwie auch eine seltsame Paraphrase auf die biblischen drei Weisen aus dem Morgenland: verstörenderweise schleppt der eine einen verkohlten Balken. Die weibliche Gestalt mit gelber Posttasche hält eine Taube hoch und der Bärtige im grünen Mantel reckt eine knospende Topfpflanze ins Geschehen. Die drei bitten hoffnungsvoll bei Justitia, der Hüterin der Gerechtigkeit, für die Natur, für salomonische Einsicht. Für Abwägung zwischen den Ansprüchen der modernen Zivilisation und dem Recht der Natur.

Das Zwiegespaltene untergräbt abermals jede eindeutige Erzählhandlung. „Der Sinn geht vor, die Bedeutung ist nachrangig,“ sagt Neo Rauch. Und so gibt sein Ausstellungsteil auch Auskunft über Malphasen, die mit „allegorischen Arrangements“, wie er es selbst sagt, beschrieben sind: überwältigend surreal, changierend zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion. Zu sehen sind Bruchstücke der Alltagskultur, auch jene Männergestalten, die, in fantastisch-technoiden Szenarien wie ferngesteuert am Modell einer neuen Welt basteln, zugleich aber am Fortschritt zweifeln.

Und da sind die Szenen zwischen Realität und Traum, die soghaft beunruhigende Landschaft, Architektur, Mensch und Alltagsdinge in einem unheilvollen Zusammenhang zeigen, obwohl Dinge und Gestalten gar nicht miteinander zu tun haben scheinen. Absurdes, Paradoxes wird vorgeführt, eine sinnlose Handlung als Sinnbild für die Vergeblichkeit allen Trachtens. Im Bild „Hohe Zeit“ stellen sich zwei Geiger, der eine davon ein Narr, an einem steilen Hang zum Spiel auf, doch die Fiedelbögen bleiben gesenkt, so, als sollte das besagen, dass es tief hinuntergeht, das Abrutschen droht aus einer scheinbar heilen Welt.

Das Ambivalente ist, neben dem virtuosen Malvermögen, wohl im Werk der beiden das Wesentlichste. „Wir sind ja Kinder unserer Zeit“, sagt Rosa Loy. Neo Rauch pflichtet ihr bei.

Kunstsammlungen Chemnitz, Theaterplatz 1., bis 10.02.2013, Di–So 11–18 Uhr.

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