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Kunst

07. Juni 2009

Biennale in Venedig: Von Schlangen und anderen Wundern

 Von SANDRA DANICKE
Die Installation 'Death of a Collector' der dänischen Künstler Elmgreen und Dragset. 

Auf der Biennale in Venedig findet sich das Neckische neben dem Banalen - und die hintersinnigstens Ideen kommen ohne viel Aufhebens. Von Sandra Danicke

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Über die Eigendynamik von Warteschlangen ist womöglich längst alles gesagt worden. Bei der Biennale in Venedig allerdings treten die Mechanismen so frappierend zutage, dass man nicht umhin kann, sich erneut zu wundern, wie die Leidensbereitschaft anderer Begehrlichkeiten zu wecken imstande ist, die man zuvor vielleicht gar nicht hatte. Als wüssten die anderen besser als man selbst, was sie im, sagen wir einmal Französischen Pavillon erwartet. Oder bei den Rumänen. Es ist ja weder so, dass dort in diesem Jahr besonders berühmte Künstler ausstellten, noch hätte man von sensationellen Ein- oder Umbauten gehört.

Verständlicher ist da schon die mehrere Blocks umfassende Warteschlange vor der angekündigten Performance von Yoko Ono (bloß: Wer soll da noch irgendwas sehen?) im kreischbunten, von Tobias Rehberger im Auftrag von Biennale-Direktor Daniel Birnbaum gestalteten Café (was vermutlich eher am kulinarischen Angebot lag, als am Werk Rehbergers, dem später einer der Goldenen Löwen verliehen werden sollte) oder jene vor der Niederlassung der Amerikaner. Zumal jetzt, wo auch Bruce Nauman der Goldene Löwe zuerkannt wurde, was möglicherweise berechtigt, aber nicht besonders einfallsreich erscheint. Nauman zeigt vornehmlich alte Arbeiten, da kann man natürlich nicht viel falsch machen.

Einiges falsch machen kann man indes im Deutschen Pavillon, wo in diesem Jahr kein Deutscher, sondern der Engländer Liam Gillick ausstellt. Da schaut man dann gleich genauer hin, doch das Ergebnis, so viel hat sich schnell herum gesprochen, ist keine Schlange wert. Liam Gillick hat eine äußerst große, sämtliche Flügel verbindende Einbauküche aus Tannenholz hinein gebaut, gedacht, als "eine Art Diagramm aus Modernitätsbestreben und Funktionalität". Als solches übernimmt sie angeblich die Aufgabe, "gegen die Ideologie der Pavillon-Architektur zu arbeiten". Ein Vorhaben, das durch die Banalität der Durchführung gründlich scheitert und durch eine "sprechende" Katze auf einem der Schränke vollends lächerlich erscheint.

Wenn bei dieser 53. Kunstbiennale jemand erfolgreich gegen die Ideologie der Pavillon-Architektur opponiert hat, dann ist das der slowakische Künstler Roman Ondák, der einfach ein Stück der den Repräsentationsbau direkt umgebenden Landschaft genommen und verdoppelt hat. Die gleichen Büsche und Bäume, die vor dem Pavillon der Tschechen und Slowaken wachsen, wachsen nun auch drinnen, die Hintertür ist geöffnet, ein Weg kreuzt wie zufällig das Gebäude, weshalb man einfach hindurchschlendern kann, als sei dort eben keine Architektur. Charmanter kann man die nationale Symbolik nicht negieren. Gleichzeitig lenkt Roman Ondák dabei die Aufmerksamkeit auf das Ephemere, das nun - im Ausstellungsbau - plötzlich Beachtung fordert.

Ein ganz ähnliches Phänomen macht sich die Koreanerin Koo Jeong A. zunutze, die von Daniel Birnbaum, der für die Länder übergreifende Großausstellung zuständig ist, eingeladen wurde, eine Arbeit in einem hinter dem Arsenale gelegenen, bisher offenbar vergessenen Garten zu realisieren. Man steht also plötzlich vor einem der zahlreichen Büsche, in dem ein ein Kunstwerk anzeigendes Schild auf einen Baum, einen Bienenschwarm und wertvolle Steine hinweist. Und selbst, wenn man von alldem nichts findet, hat man zumindest sämtliche Sinne für die Details der Natur sensibilisiert, und das ist womöglich weit mehr, als man von Kunst bisweilen geboten kriegt.

Doch zurück zu den Giardini, in denen sich ein entscheidender Teil der Länderpavillons befindet und die jeweilige Länge der Menschenschlangen eine gewisse Bedeutsamkeit suggeriert. Bei den nordischen Pavillons, kuratiert vom dänisch-norwegischen Künstlerduo Michael Elmgreen und Ingar Dragset, beläuft sich die Wartezeit aufgrund eines vorangegangenen Regenschauers auf erträgliche zwanzig Minuten. Dafür hat man gleich zwei Pavillons auf einmal im Sack, die beide zu dekadent-eleganten Wohnhäusern umgebaut wurden, von denen mindestens eines vorgeblich zum Verkauf steht. Der Prospekt eines Immobilienmaklers preist die privilegierte und vollkommen sichere Lage sowie die eindrucksvolle Größe der einzelnen Zimmer an; im Wohnzimmer stapeln sich schon die Umzugskisten. Angeblich handelt es sich um die Wohnsitze reicher Kunstsammler, Werke von Wolfgang Tillmans, Jonathan Monk oder Sturtevant hängen und stehen herum.

Manches - wie eine Herrenunterhosenkollektion hinter Glas oder die überaus expliziten Zeichnungen Tom of Finlands - lässt deutliche Rückschlüsse auf die sexuelle Orientierung der Bewohner zu, die derweil in einer tiefer gelegten Wohnlandschaft fernsehen. Ein neckischer Spaß, eine originelle Idee, die mit den Mechanismen von Neugier und Voyeurismus spielt, doch ein wenig an mangelndem Tiefgang leidet. Was durch eine im Pool schwimmende "Leiche" bloß noch unterstrichen wird.

Unter zu viel bedeutungsschwangerem Pathos wiederum leidet der Mexikanische Pavillon, der streng genommen kein Pavillon ist, sondern in einem Palazzo in der Innenstadt situiert ist. Hier kann man beobachten, wie Menschen die schönen Terrazzoböden wischen, wieder und wieder, obwohl man doch meinen müsste, sie seien längst sauber. Da sie dies allerdings im Auftrag von Teresa Margolles tun, jener Künstlerin, deren Kunst gerne mal aus verdampfendem Leichenwaschwasser oder einbetonierten Totgeburten besteht, lässt sich schon ahnen, dass der Aktion gar Schreckliches zugrunde liegt. Im Erdgeschoss hängen denn auch schmutzige, blutverschmierte Laken, mit denen Margolles das Blut von ermordeten Mexikanern aufgewischt hat. Nun wird es mittels Wasserdampf herausgelöst und zu Putzwasser umfunktioniert. Mit Spurenelementen von Opferblut werden nun also Fußböden gewischt, da darf man betroffen sein - oder angewidert von der Effekthascherei.

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