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Bruce Naumann in Berlin: Extreme Exerzitien

Klaustrophobische Kammern, grelles Licht: Bruce Nauman im Hamburger Bahnhof Berlin. Bei der Ausstellung wird deutlich, wie sehr der Amerikaner Persönliches in einen unpersönlichen Raum stellt. Von Ingeborg Ruthe

Aggression in Leuchtfarben: Double Poke in the Eye (II), 1985, Neonröhren auf Aluminiumpaneel.
Aggression in Leuchtfarben: "Double Poke in the Eye (II)", 1985, Neonröhren auf Aluminiumpaneel.
Foto: Stefan Altenburger/smb/VG Bild-Kunst, Bonn 2010

Die lichte Haupthalle des Museums Hamburger Bahnhof ist nicht geschaffen für ein Kabinett des Grauens. Betritt man in den Installationen des in der Kunstwelt gefeierten US-Amerikaners Bruce Nauman sonst fast immer ein Reich der gequälten Sinne, so empfängt uns nun vor strahlend weißen Wänden und unter der malerischen, verglasten Gründerzeitarchitektur ein scheinbar nüchterner Skulptu-renaufbau. Neonarbeiten mit dem Motiv von fünf marschierenden Männern, wie "American Violence", "Sex and Death / Double 69", "NoNo" oder "War" blinken gegen das freundliche Tageslicht an.

Langsam, aber gewiss dringt der Zusammenhang von Sex, Gewalt, Krieg und Tod ins Bewusstsein. Und dann ist man reif für das, was dieser Künstler - ein Mann aus der US-Generation zwischen Raumfahrt und Vietnamkrieg, zwischen Konsumrausch und Endzeitvision - ja eigentlich mit seinem Publikum machen will: Es soll Platzangst spüren, Lichtschmerz. Und die Gewalt der Leere. So illusionslos wie selbstsicher will Nauman also die Körper-Raum-Beziehung mit dem Gefühl des Ungewissen verbinden.

Seit Beginn der 80er Jahre geraten in Naumans Werk immer mehr politische Verweise in den Vordergrund. Damit steht er in seiner erfolgreichen Nachkriegsgeneration keineswegs allein, doch blieb er künstlerisch eher ein Einzelgänger, weil sein aggressives Werk sich nicht in die Ismen der Kunstgeschichte einordnen lässt.

In diesem Sinn wirken denn auch die von der Decke der Halle wie ein Kreuz herabhängenden, schweren rostigen Eisenträger, an denen ein ebenso rostiger Stuhl baumelt: Mit dem sarkastischen "Musical Chair" (1983) verband der Künstler eine Kritik an Folter und Gewalt in totalitären Regimen. Ein paar Schritte weiter sind zwei sperrige Besuchertribünen einander gegenüber aufgebaut wie für ein Theaterstück.

Das Publikum lässt sich dankbar auf den Bänken nieder, diesem Nauman´schen "Indoor Outdoor Seating Arrangement". Von hier aus hat man den Blick auf mannigfache "Corridor"-Installationen: Hohe, eng gestellte Holzwände mit Spiegeln. Auch solche, zwischen denen sich am Ende des nicht begehbaren Ganges Monitore befinden. Oder weiße Würfel mit konisch zulaufenden Passagen, die zu einem gleißenden Raum führen, zu dem aber niemand vordringen kann. Zu eng stehen die Wände. Mir radikaler Deutlichkeit zeigt Nauman, dass er mit Ängsten spielt. Die oft nur minimalistischen, sperrigen Werke geben Auskunft, wie bei ihm die Ekstase in die Katharsis führt, wie er den Wahnsinn der Normalität entlarvt.

Schon Ende der 60er Jahre begann er, Korridore und Räume zu bauen, die Erfahrungen des Eingeschlossenseins und des Ausgesetztseins hervorrufen. In Berlin beginnt mit diesen Arbeiten eine retrospektivartige Schau. Unlängst hatte Sammler Friedrich Christian Flick der Nationalgalerie in Berlin die Architektur-Skulptur "Room with My Soul Left Out, Room That Does Not Care" geschenkt. Sie nun bildet den Hintergrund für die Schau "Dream Passage". Der Titel stammt vom Künstler selbst, nicht von den Kuratoren Eugen Blume und Gabriele Knapstein.

Das Flick-Geschenk ist eine der extremsten Innenraumskulpturen Naumans. Drei Korridore durchdringen sich, man kann hineingehen in diesen Albtraum, ein schwarzes Kruzifix, das von allen vier Seiten zu einem dunklen Gitterrost und unweigerlich zu der Frage führt: Was kommt nach dem Tod? Der New Yorker Galerist Leo Castelli zeigte diese Arbeit zuerst. Das war 1984, seither war sie nicht mehr zu sehen.

Es seufzt, schreit und stöhnt

Angeblich sind dem 1941 Geborenen Bedeutungen in seiner Kunst eher gleichgültig. Im Hamburger Bahnhof nun wird offensichtlich, wie sehr Nauman Persönliches in einen unpersönlichen Raum stellt. Es entstehen fast kathedrale Räume. Aber die Kunst soll bei ihm nichts Anbetungswürdiges sein, sie soll nicht von etwas erlösen, sie soll nur helfen, Energie zu verleihen - oder sich selbst besser wahrzunehmen.

Betritt man Naumans Reich der virtuellen Realitäten, seine sich in den benachbarten Rieckhallen aneinander fädelnden Video-Installationen mit sich endlos drehenden Köpfen und endlos redenden Mündern, dann seufzt, schreit und stöhnt es. Es klingt nach Lust und Wahn, nach bösem Vergnügen und Zuchtanstalt.

Nauman verführt dazu, sich dem Grauen auszusetzen, aber er macht das Publikum auch zum Komplizen der Lust an Gewalt. Offensichtlich will er diese Gewalt freisetzen und gleich wieder binden, um sie auszustellen. Die Formen dafür findet er im Ritual von Körperrhythmik, minutiös übertragen bis zur Penetranz, in Textsprache und einer seltsam monotonen Musikalität. Da ertönt ein durchdringender Singsang, es folgen skandierende Hilferufe oder ein wie automatisiertes "Okay"-Blaffen. Kommunikation zwischen alledem aber ist unmöglich.

In solchen ruppigen, fragmenthaften Videos setzte Bruce Nauman meist den eigenen Körper als Medium ein, etwa in einem Film, wo er in einer Vierer-Projektion zu einem hermaphroditischen Jüngling wird, der sich in Zeitlupe narzisstisch mit einem "Art-Make-up" versieht. Aus dem androgynen Apoll freilich ist längst ein betagter Akteur geworden. Und so macht er mit der Kamera den Schmerztest auf der eigenen gealterten Haut.

Nauman ist kein Künstler, der das Perfekte sucht. Er schätzt das Unvorhersehbare. Direktes, Befremdliches in der Kunst versteht er als Versuchsanordnung. Oder auch als Angriff, als Irritation. Ihn treiben Fragen, Frust, Irritation. Und das Gefühl, sich selber nicht zu entkommen. Ihn interessieren Dinge, die aus einer Sprachlosigkeit heraus entstehen, auch aus Verzweiflung. Ein Künstler, der die scheinbare Ausweglosigkeit der Gesellschaft in so extreme Exerzitien steigert, ist Pathetiker, aber er bleibt kühl und sagt uns unverblümt, dass wir mit ihm die Sünde des Mitwissens teilen.

Hamburger Bahnhof, Berlin, bis 10. Oktober. Ein Lesebuch im DuMont Buchverlag, 440 Seiten, 19,95 Euro.

Autor:  Ingeborg Ruthe
Datum:  28 | 5 | 2010
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