Die fünfziger Jahre in Deutschland: Gern werden sie auf das glorreiche Wirtschaftswunder reduziert. Rauchende Schlote und lachende Menschen vor einem ordentlichen Stück Schinken im neu erbauten Eigenheim: Der Bauch erholt sich auch und ist schon sehr viel runder. Die rund 140 Aufnahmen des Fotografen Max Scheler in den Hamburger Deichtorhallen zeigen eine andere Wirklichkeit: eine bleierne Nachkriegszeit, die auf beiden Seiten der entstehenden deutsch-deutschen Grenze oft von Mangel geprägt war.
Die große Stärke von Schelers Fotos ist es, diese Wirklichkeit darzustellen - klarer, als es in bewegten Bildern vermittelt werden kann. Denn erst der konzentrierte Blick in kärgliche Berliner Behelfsunterkünfte oder auf die ärmlichen Verhältnisse im Saargebiet vermittelt die langen Schatten des Kriegs, ohne Nebengeräusche, ohne überflüssige Erklärungen. Zum Teil übernehmen die Kontraste auf den Schwarz-Weiß-Fotos eine Einordnung: Die Schatten bei Willy Brandts Besuch in Erfurt 1970 suggerieren die Ungewissheit auf beiden Seiten. Brandt steht im Zwielicht. Im Bergwerk von Gelsenkirchen ist es das gleißende Licht, das den grauen Alltag erst verdeutlicht.
Sein Geld verdient Scheler vor allem mit Aufnahmen von Prominenten. Doch abgesehen von den Porträts stehen die Menschen oftmals nicht im Mittelpunkt. Sie dienen Scheler eher als Instrument, um dem Betrachter die Folgen politischer Entscheidungen für den Alltag zu zeigen und Emotionen zu wecken. So verstärkt sich das Schaudern über die innerdeutsche Grenze. Teilweise komponiert Scheler seine Motive sorgfältig. Er rückt die Personen in Position oder schafft mit scheinbar zufälligen Passanten eine trügerische Harmonie. Doch er erwischt auch den Augenblick, in dem Ludwig Erhard sich die schweißnasse Stirn abwischt. Nicht immer wird klar, was gestellt ist und was nicht.
Auch die sechziger Jahre sind durch Schelers Objektiv eine wenig dynamische Zeit, in der Modernisierung und Massenkonsum nur langsam vordringen. Der Fernseher ist in jenen Jahren noch ein Luxusgegenstand. Deshalb prägen Schelers abgedruckte Eindrücke den Blick der Deutschen auf die weite, unbekannte Welt. Jeder kennt diese Bilder, doch längst nicht jeder weiß, dass Scheler sie gemacht hat. 1975 beendet er sein fotografisches Schaffen und wird Bildchef bei Geo. Bis zu seinem Tod 2003 organisiert er Ausstellungen und veröffentlicht Bücher aus dem Nachlass seines Mentors, des Fotografen Herbert List.
1941 lernen sich die beiden kennen, Scheler wird Lists Schüler. Nur zehn Jahre später steigt Scheler bei der renommierten Bildagentur Magnum ein, verkauft an Magazine wie Life und Paris Match. 1951 zieht der gebürtige Kölner nach Paris, zwei Jahre später nach Rom. Ab 1959 arbeitet er exklusiv für den Stern und prägt das Magazin zusammen mit seinem Kollegen Robert Lebeck. Während Lebeck nachgesagt wird, dass er sich für seine starken Fotos nicht übermäßig krumm legt, gilt Scheler als gewissenhafter, akribischer Fotoarbeiter.
Die Ausstellung zeigt auch Fotos vom Mao-Kult in China und aus den USA, wo Scheler die wichtigsten Menschen jener Zeit fotografiert: die Kennedys, Martin Luther King und Richard Nixon. Scheler kleidet sich elegant, ist polyglott und weltgewandt. Das öffnet ihm Türen, die anderen verschlossen bleiben. Doch auf seinen Reisen hat er auch ein Auge für Missstände und lichtet die Slums im US-amerikanischen Alabama ab. Provinziell, konservativ und entschleunigt wirkt Max Schelers Nachkriegsdeutschland. Wer diese Zeit nicht erlebt hat, wird durch Schelers Fotos mehr von ihr verstehen. Als Reaktion darauf ist ein Schaudern nicht unwahrscheinlich.
Deichtorhallen Hamburg: bis 15. November. Begleitbuch im Schirmer Mosel Verlag, 39,80 Euro. www.deichtorhallen.de