"Ordnung, Übersicht, Erkenntnis und Behauptung einer Struktur im Mannigfaltigen der andrängenden sinnlichen Phänomene – darum ging es Goethe, als er seine, nach eigenem Bekenntnis „anhaltend strenge“, mehr als vierzig Jahre währende Beschäftigung mit dem Entstehen, der Wirkung und der Bedeutung von Farben für die Wahrnehmung der Welt und die Prozesse des Denkens begann.
Er bezeugt das schon in der Einleitung zu seinem auf 1400 Manuskriptseiten ausgebreiteten „Entwurf einer Farbenlehre“: Wir seien genötigt, heißt es da, „zu sondern, zu unterscheiden und wieder zusammenzustellen; wodurch zuletzt eine Ordnung entsteht, die sich mit mehr oder weniger Zufriedenheit übersehen lässt.“
Solche Zufriedenheit hat Goethe am Ende in hohem und in Anbetracht seines Gesamtwerks als Dramatiker, Lyriker, Erzähler, Historiker, Geologe (nicht zu reden von seinen praktischen Funktionen als Theaterdirektor und Politiker in Weimar) uns Heutige verblüffenden Maß tatsächlich empfunden. Auf alles, was er als Poet geleistet habe, bilde er sich gar nichts ein, lässt er Eckermann 1825 wissen, in der schwierigen Wissenschaft der Farbenlehre aber sei er der einzige, „der was Rechtes weiß“ und habe er „ein Bewusstsein der Superiorität über viele“.
Nicht wenige haben in dieser Einschätzung des in der „Farbenlehre“ Erreichten den Ausdruck einer geradezu paranoiden Obsession erkennen wollen, die einsetzte während Goethes erstem Aufenthalt in Rom. Bekanntlich hatte er sich dort unter der Anleitung von Jakob Philipp Hackert auch als Maler versucht, wobei er sich jedoch nicht damit abfinden mochte, dass für die Malkunst offenbar kein verbindliches Regelwerk der Farbgebung vorgegeben war: für Goethes niemals ruhendes Verlangen nach Systematisierung (eben: Ordnung) ein quälend unerträgliches Defizit.
Was er über die Farben dann herausfand, ist von der Physik in der Folge mehr widerlegt als bestätigt worden. Wenn nun die Klassik-Stiftung in Weimar im Goethe-Nationalmuseum, direkt neben dem Wohnhaus am Frauenplan, aus Anlass der 200. Wiederkehr des Datums der Erstveröffentlichung der „Farbenlehre“ eine Vielzahl der Experimente vorführt, die Goethe anstellte, um den Gesetzen der Farben auf die Spur zu kommen, verfolgt man die Hingabe eines großen Geistes, der durch nichts sich abbringen lässt von seinem Stoff, ob der Insistenz der Anstrengungen mit Bewunderung, zugleich bisweilen aber auch amüsiert.
Die großzügig angelegte Ausstellung mit vielen Exkursen auch in die Vorgeschichte der Erforschung der Farben hat denn auch einen Zug ins Spielerische. Nicht alle Einsichten Goethes sind als letzte Wahrheiten zu verstehen. Es war sein Rat, „die Farbenlehre nicht zu lesen, sondern zu tun“. Die Ausstellung ermöglicht es dem Publikum jetzt, diesem Vorschlag zu folgen. Das geht für den Besucher nicht in jedem Fall ohne Irritationen ab.
Ein Grundgedanke der „Farbenlehre“ ist der von der Fähigkeit des menschlichen Auges, bestimmte Farbeindrücke selbst zu erzeugen. In scharfem Gegensatz zu Isaac Newton, der die Farben als Bestandteile des Lichts definierte, die durch dessen Brechungen sichtbar werden, wollte Goethe das Gesehene in seiner Farbigkeit „nicht trennen von dem, der sieht“. Immer ist ihm der Sehende Teil des Gesehenen.
Den Beweis soll der in Weimar angebotene Versuch liefern, den Blick für eine Weile auf eine blaue Wand zu fixieren, um anschließend, wenn das Auge sich auf eine graue Wand richtet, zu erleben, dass aus dem Grau ein Orange wird. Stellt man sich jedoch dem Versuch selbst, will sich das Ergebnis auch im Wiederholungsfall beim besten Willen nicht einstellen. Wie andere Besucher haben wir es auf allenfalls einen Hauch von Orange gebracht, womöglich allerdings mehr der eigenen Phantasie als der Farberzeugung der Augen geschuldet.
Besser schon lässt sich Goethe bei dem Experiment einer blau beleuchteten kleinen Stele folgen, die nun wirklich einen orangefarbenen Schatten wirft.
Hier also scheint die These sich zu bestätigen, wir antworteten auf Farben mit deren zweiter Hälfte. Ähnlich hat Plato sich ein ganz anderes Phänomen, das der Liebe, vorgestellt: als das Zusammenkommen getrennter, aber einander zugehöriger Elemente. Es ist ein schöner, auch unterhaltsamer Reiz der Ausstellung in Weimar, wie noch die prosaischsten, praktischen Versuchsanordnungen immer wieder die poetische Disposition Goethes bezeugen. Mithin der Dichter sich niemals ganz verliert an den Physiker.
Dazu gehören auch die Untersuchungen zur Bedeutung der Farben in der subjektiven wie der sozialen Lebenswirklichkeit. Stimmungslagen des Gemüts, gekennzeichnet durch Farbwerte: blau provoziere Gefühle der Distanz, gelb solche der Nähe. Das geht bis zu Fragen der Kleidung: Die Blondine neige zu Violett, die Brünette eher zu Blau und Gelb.
Generell aber, so beobachtete es Goethe, empfinde der gebildete Mensch eine Abneigung gegen Farben. Am aktuellen Straßenbild Weimars lässt sich das so nicht verifizieren. Es ist sogar bei Goethe vom Erhabenen zum Lächerlichen oft nur ein Schritt. Interessant aber die Behauptung von Farb-Ton-Analogien, die Goethe in der Praxis des Theaters stärker berücksichtigt wissen wollte. So führt die Ausstellung auf viele Felder der Wahrnehmung.
Indem Goethe geduldig prüft, nicht nur w a s, sondern w i e wir sehen, ist er modernen, aktuellen Fragestellungen zumal der Bildenden Kunst sehr nahe. Die Ausstellung zitiert denn zu Recht auch Beispiele der Farbgebung in der Malerei der frühen Abstraktionen William Turners bis hin zu den Farbtafeln des späten Rupprecht Geiger. Das wahrnehmende Subjekt als Teilhaber, ja: gleichsam als unentbehrlicher Co-Produzent des Wahrgenommenen – das ist eine Funktion des Betrachters, die heute aus der Kunst nicht wegzudenken ist. Die Weitsicht von Goethes Weltordnung triumphiert da auf das Beeindruckendste.
Goethe-Nationalmuseum, Weimar, bis 19. Juni 2011. Ein Katalog ist noch in Arbeit. www.klassik-stiftung.de