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Kunst

22. Oktober 2012

Deutsches Historisches Museum: Nachkriegsgeschichte in der Kunst

 Von Ingeborg Ruthe
Die Ausstellung "Verführung Freiheit. Kunst in Europa seit 1945"Foto: dpa

Verführung Freiheit – eine Europaratsausstellung im Deutschen Historischen Museum.

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Die Charta der Menschenrechte, Leitfaden und Konzept sozusagen, ist am Eingang zu dieser 30. Europarats-Ausstellung im Deutschen Historischen Museum Berlin zu lesen. Die Institution feiert diese Woche gebührend ihren Geburtstag. Da passt die Schau ideal dazu. Seit 1951 gehört die Bundesrepublik zum Europarat, damals waren es 13, heute sind es 47 Staaten.

Im Pei-Bau sind in zwölf Kapiteln Bilder, Skulpturen, Installationen, Fotos und Videos von 113 Künstlern aus 28 europäischen Ländern unter dem Titel „Verführung Freiheit“ versammelt. Es gehe, betonen Kuratorin Monika Flacke und ihr Berater Horst Bredekamp, der namhafteste Kunsthistoriker der Humboldt-Universität, um eine ideengeschichtliche Ausstellung durch Kunst: Kunst also als Maßstab für individuelle Freiheit.

Ausgebreitet ist, was das diffizile Thema auch mit eindrücklichen Beispielen belegt: Der Umgang mit der Freiheit nach 1945, nach Ende von Nazi-Diktatur, Krieg, Völkermord, Holocaust. Was dann kam, der Kalte Krieg, spielt keine Rolle. Die „europäischen Werte“ sind beschworen: die Idee der Aufklärung, der Vernunft. Und damit nicht etwa der Verdacht aufkommt, Kunst illustriere das alles bloß, holte man ausschließlich Spitzenwerke vor allem der west-europäischen Nachkriegskunst ins Untergeschoss des Pei-Baus. Es sind, von Giacometti über Christo, Gerhard Richter und Mario Merz bis zu Damien Hirst, alles Arbeiten, die sich eher betont subjektiv auf Geschichte, Utopien, Krieg, Frieden und Grundfragen des Lebens in der Gesellschaft beziehen. Das Blockdenken im Kalten Krieg ist also ganz bewusst aus dieser Schau herausgehalten, ergo dominiert das Verbindende der Kunst: Trauer und Freude, Schönheit und Tod, Existenzielles, Freiheitswille, Glückssuche, Visionäres. Und auch die Freiheit des Experiments.

Es war ein gescheiter Zug der Ausstellungsmacherin Monika Flacke, einer derart staatstragenden Schau ausgerechnet ein Hauptwerk des Surrealisten René Magritte an den Eingang zu postieren – unter dem Übertitel „Gerichtshof der Vernunft“. Das Bild stellt abstrakte Begriffe wie Verantwortung von Politik und Staat, universale Menschenrechte, Vernunft, Freiheit, Gleichheit und Demokratie auf eine subjektive Ebene. Magrittes „Erinnerung“ von 1948, auf dem ein vor blauem Meer an Schläfe und Auge blutender antiker Frauenkopf von Verletzung und Verrat erzählt und eine geteilte Kugel auf ein gutes oder aber schlimmes Schlüssel-Geheimnis verweist, ist eine Allegorie für Europa im 20. Jahrhundert.

Magrittes versehrtes Ideal sagt nicht, dass nach Auschwitz keine Bilder mehr gemalt werden können, sondern das Bild fragt vielmehr: Was kommt nach dem Zivilisationsbruch der Nazis? Und, wie in einem Dreiecksgespräch, antworten darauf Fernand Légers farbenfrohe „Bauarbeiter“ von 1950 mit unbekümmert proletarischem Optimismus. Aber dann reagiert Jannis Kounellis Opferstock aus Eisen samt Kerze mit Trauer, Melancholie, Zweifel. Die rostige Altarwand trägt die Namen Marats und Robespierres. Christliche Werte, geopfert für die Revolution. Der Zweck heiligt die Mittel.
Einen weiteren Kommentar liefert das Bild des Schotten Ian Hamilton Finlay „Je vous salue Marat“ von 1989. Ende der Utopie, der Sozialismus ist tot. Anschließend reiht oder fügt sich unter Kapitel-Überschriften wie „Die Revolution sind wir“, „Reise ins Wunderland“, „Schrecken und Finsternis, „Realismus der politischen Freiheit“, über „Lebenswelten“ bis hin zu „Selbsterfahrung-Grenzerfahrung“ ein berühmtes Werk großer Künstler des 20. Jahrhunderts ans nächste. So gut wie keiner aus der westeuropäischen, sich dezidiert politisch äußernden Kunst-Hemisphäre nach 1945 fehlt: weder Beuys, Christo, Niki de Saint-Phalle, Tinguely, Dubuffet, Boltanski noch Mario Merz mit seinem Flucht-Iglu. Kein Henry Moore, Armand, Giacometti, auch nicht Vedova, Vostell, Cucci, Klapheck, Gerhard Richter, Andreas Gursky mit seinen monumentalen Fotos zum kapitalistischen Konsumüberfluss.

Zum Niederknien zwingt einen das „Fragment einer Kreuzigung“ von Francis Bacon, 1956. Und da sind die Osteuropäer: Ilya Kabakov mit seiner Postkarten-Idylle vom verlogenen Sowjet-Sozialismus, dann die brutalen Soz-Art-Fotoserien des Ukrainers Boris Mikhailov, die krasse Schulbank-Skulptur aus der „Toten Klasse“ des Polen Tadeusz Kantor und das illusionslose Selbstporträt „Kein Eingang“ des Russen Erik Bulatov.

Starke Werke allesamt, die uns die Nachkriegsgeschichte Europas ohne ideologische Gräben, nur durch Kunst, neu erzählen. Umso mehr vermisst man dabei mehr wichtige Bilder aus der DDR-Zeit, in denen es um Freiheitssehnsucht, europäische Werte und – freilich zerbrochene – Utopien ging.

Deutsches Historisches Museum, Pei-Bau, bis 10.2.2013, täglich 10–18 Uhr.

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