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Zum Tode Sibylle Bergemanns: Die dritte Ebene

Der Bergemann-Stil ist unverwechselbar. Nie fehlt es darin an Respekt vor Menschen und deren Lebensumständen. Die Fotoredaktionen waren erpicht auf diese Art von effektlos-schönen Bildern.

        

Sibylle Bergemann fotografiert sich selbst.
Sibylle Bergemann fotografiert sich selbst.
Foto: dpa

Alle warteten auf sie. Ohne Sibylle Bergemann wäre dieser 20. Geburtstag der von ihr mitgegründeten Agentur Ostkreuz im Frühsommer kein Fest gewesen. Sie kam und blieb nicht lang, der Krebs, dem sie sich seit Jahren zäh widersetzte, forderte mehr und mehr Tribut. Gezeigt wurden ihre Fotografien aus den Siebzigern, Achtzigern. Reine Poesie, diese Mädchen im Mauerberlin vor 1989, grau, diffus. Und da sind die Fotos aus dem Zyklus „Verblassende Erinnerung“: Melancholisch schön – eine rostige Eisenbahnbrücke, gestrandete Schwanenboote am herbstlichen Ufer, der ruinierte Palast der Republik.

Nur wer diese Nichtorte kennt, wird sich an sie erinnern. Wer aber die Zeit, die sie zitieren, nicht erlebt hat, wird sie mühelos anderswo verorten. Es sind diskrete Mitteilungen vom Wandel der letzten 20 Jahre in Berlin, in Deutschland, in Europa. Niemand konnte wie Bergemann eine zweite, eine dritte Ebene in die schwarz-weißen Bilder hineinweben, so, als wäre die Kamera ein Webstuhl, dessen Schiffchen eilends, aber akribisch Seidenfäden hin- und herwirft und dann akkurat zu einem Stoff verarbeitet.

Der Bergemann-Stil ist unverwechselbar. Nie fehlt es darin an Respekt vor Menschen und deren Lebensumständen – ob das im nachkriegsgrauen Berlin war oder, nach 1989, in den Straßen von New York, Rio, Hanoi, Dakar. Ihre Aufnahmen waren ab 1990 in Magazinen wie Geo, Spiegel, Stern sowie im New-York-Times-Magazin zu sehen. Die Fotoredaktionen waren erpicht auf diese Art von effektlos-schönen Bildern einer Künstlerin, die zwar nicht revoltiert hatte, aber auch nicht still in ihrer DDR-Nische gesessen hat. Wer mit ihr unterwegs war auf Reportage – Journalisten, oft auch Schriftsteller –, kann gut beschreiben, wie sie arbeitete: Sie fotografierte mit unendlicher Geduld, unaufgeregt, achtsam. „Das verwechseln dann manche mit Langsamkeit“, sagte sie gern über solche Schilderungen und lachte.

In der Nacht zum Dienstag ist diese große Berliner Fotografin 69-jährig gestorben.

Autor:  Ingeborg Ruthe
Datum:  3 | 11 | 2010
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