Dieser Maler bezieht sich für die Wirkung seiner Kunst auch auf die Sprache. Auf geschriebene Wörter. Der Amerikaner Ed Ruscha (das "a" wird ausgesprochen wie ein "ä") setzt sie malerisch in Szene als Motive, durchaus gleichwertig den in seine Bilder zitierten Tankstellen, Fabrikbauten, Schiffen, Landschaften unter weiten Himmeln. Vor fünfzig Jahren hatte Ruscha, inspiriert von den Reklametafeln der Werbung, damit begonnen, die Schriftzeichen zunächst einzelner, dann auch mehrerer Vokabeln in Farbe auf der Leinwand nachzubuchstabieren. Die Erweiterung des Repertoires an Motiven durch den sprachlichen Ausdruck ist das Merkmal seiner Malerei bis heute.
Was geschieht da? Es ist jetzt im Münchner Haus der Kunst, angesichts der (von der Londoner Hayward Gallery übernommenen) Retrospektive gut zu beobachten, wie der Einsatz von Sprache in unterschiedlichen Phasen des Oeuvres von Ruscha auffällige Wandlungen der Funktion durchmacht. Ein frühes Bild (von 1961) zeigt in tiefschwarzen Großbuchstaben auf fast monochrom dunkelbraunem Grund das Wort BOSS. Aus dem provinziellen Oklahoma City, wo er aufgewachsen war, hatte sich der junge Maler, der sich zunächst zum Designer ausbilden lassen wollte, gerade erst nach Kalifornien begeben und in Los Angeles zum ersten Mal Bilder von Jasper Johns und Rauschenberg gesehen, die beide in ihren Kompositionen auch Text-Elemente thematisierten.
Ruscha wurde durch diese Erfahrung, wie er später selbst berichtete, aufmerksam auf die Möglichkeit, durch das Einbringen von Sprache in die Malerei Gedankenräume und Assoziationsfelder zu erschließen, wie sie mit anderen Mitteln ihm nicht erreichbar schienen. "BOSS" ist dafür ein markantes Beispiel: Das in Schwarz gefasste, freigestellte Wort - im Englischen Substantiv und Verbum zugleich - signalisiert eine hierarchische Konstellation, mit der jeder Betrachter eigene Verhältnisse verbinden wird. Für Ed Ruscha war es der Versuch, seine Situation gegenüber der Dominanz einer älteren Künstler-Generation zum Ausdruck zu bringen.
Eine wieder andere Funktion hat das Text-Zitat, wenn ihm eine illustrierende Funktion angetragen wird. So im Fall der Arbeit einige Jahre später, in der als Hinweis auf Verzerrungen der Realität durch die Medien von dem Wort RADIO der erste und der letzte Buchstabe durch gemalte Blechklammern verstümmelt werden. Als ökologischen Appell haben wir das Bild (von 1984) einer unversehrten Natur-Idylle zu verstehen, über der, bis hoch in den Himmel, in weißen Lettern die Frage geschrieben steht: "NOT A BAD WORLD IS IT?" ("Keine üble Welt, oder?").
Schärfer wird Ruschas Kritik an Verunstaltungen der Umwelt, wenn er in Bildern der letzten Jahre hässliche Industriebauten zum Beispiel mit dem Etikett FAT BOY versieht. Melancholisch grundiert hingegen die dunklen Schattenrisse dörflicher Umgebungen, die es so in Amerika kaum mehr gibt. Hier sind schmale weiße Felder ausgespart, in die sich hineindenken lässt, was uns selber zeitbedingte Verluste bedeuten.
Die Verwendung von Sprache, als graphisches Element wie als Bedeutungsträger, hat in der Malerei eine längere, weit zurückreichende Geschichte. Vorformen sind nachweisbar schon um 1700. Im 20. Jahrhundert sind die Beispiele kaum noch überschaubar: Schrift, vor allem zitiert aus dem Medium der Zeitung, erscheint bei Cézanne, dann im Kubismus, noch ausgeprägter in den Collagen von Schwitters, aber auch in den surrealen Rätselbildern Magrittes. In der Stilrichtung der Konkreten Poesie zerfließen die Trennlinien zwischen Literatur und bildender Kunst: Die Bedeutung von Texten ergibt sich auch aus dem Bildwert ihrer graphischen Darstellung.
So originell wäre die Kunst Ruschas also nicht - käme nicht zu den Wörtern in seinen Bildern, entscheidend, als Qualität noch eine Besonderheit hinzu. Sie hat zu tun mit dem amerikanischen Westen. Mit Kalifornien, den Weiten des Landes, dem Licht, auch mit dem Lebensstil an der Küste des Pazifik: Wie die Malerei von Sam Francis, von Richard Diebenkorn, von Clifford Still (und die Literatur von Kerouac, Ferlinghetti, Joan Didion) ist Ruschas Kunst, auch nach eigenem Bekenntnis, bestimmt von der Erfahrung Kaliforniens. Daher die Vorliebe des Malers für die freien, monochromen Flächen besonders in den großformatigen Bildern, daher die Faszination an der schneidig-schnittigen Eleganz von Tankstellen wie an den illuminierten Schriftzügen der Werbetafeln und den dunstigen Himmeln darüber.
Ein bisschen leichtsinnig, auch leichtfertig, aber auf angenehm unterhaltsame Art bringt er das in seinen Bildern alles zusammen: Kalifornien, seine Zivilisation und die Wörter. Bei Ed Ruscha jetzt in München: Man ist da auch ganz woanders, weit verreist, den Wind vom Pazifik her noch lange im Haar.
Haus der Kunst, München: bis 2. Mai, www.hausderkunst.de