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Kunst

09. November 2014

Edgar Degas in Karlsruhe: Natürliche Konstruktion der Welt

 Von 
Das mondäne Pferd„Rennpferde in einer Landschaft“, 1894.  Foto: Museo Thyssen-Bornemisza, Madrid

„Klassik und Experiment“: Die Kunsthalle Karlsruhe interessiert sich auch für die weniger bekannten und verblüffenderen Seiten des großen Künstlers Edgar Degas.

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Karlsruhe –  

Dort, wo es nicht pompös, sondern modern, gar impressionistisch wurde, gelang es dem 19. Jahrhundert sehr gut, dem Publikum Kunst als größte Natürlichkeit zu vermitteln. Weitgehend war das eine reizende Augentäuschung. Sie immer wieder einmal auszuräumen, ist jedoch nicht schmerzlich, sondern steigert bloß das Vergnügen an dem, was zu sehen ist. Keine brave Büglerin, die der Maler Edgar Degas (1834–1917) wie von ungefähr bei der Arbeit beobachtete (was er bei anderer Gelegenheit aber auch machte), sondern ein erfahrenes Modell.

Gleich sieht man die junge Frau noch einmal. Diesmal beugt sich Emma Dobigny, von Degas ihres ebenmäßigen Gesichtes wegen besonders geschätzt, lässig über eine Stuhllehne und schaut uns nicht gerade begeistert an. Am Tisch sitzt ein Mann, abgewendet und nicht amüsiert. Beide werden vom Maler offenbar zur Unzeit angetroffen. Ein raffiniert verrätselter, bis zum Pferdebild hinter den beiden an der Wand zweifellos wohldurchdachter Schnappschuss.

Es ist leicht, sich Edgar Degas, einen geborenen de Gas aus zunächst noch wohlhabendem, dazu kunstsinnigem Pariser Hause, in mondäner Gesellschaft vorzustellen. Dass er sich unter Balletttänzerinnen und Jockeys tummelte, versteht sich angesichts seiner berühmtesten Bilder quasi von selbst. Dass er hingegen, wie uns jetzt einleuchtend vorgeführt wird, zuerst durch antike Abbildungen und das Kopieren derselben auf das Pferdemotiv stieß und es dann sozusagen in eine moderne Welt implementierte – woraufhin er Pferderennen besuchte, um sich zu orientieren –, ist bei alle Verkürzung dieser Darstellung eher überraschend.

Oder dies: Die theatralische Geste der Spartanerin, die auf Degas’ Historiengemälde junge Männer zum Wettstreit auffordert, findet sich nachher in einer „Gesangsprobe“ wieder. Dort dient sie einer jungen, modern gekleideten Frau, um die Dramatik der vagen, aber aufgeregten Theatersituation zu unterstreichen. Der Knäuel der Knaben besteht jetzt aus dem Pianisten und der Duettpartnerin. Aus der klassischen Umgebung ist ein zeitgenössischer Salon geworden. Eine unaufdringliche Blickachse in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe macht es der Betrachterin komfortabel, die beiden Bilder in einen Zusammenhang zu stellen. Selbstverständlich ist Konstruktion im Spiel, aber das ist bei Degas eben auch so und entsprechend becircend.

„Klassik und Experiment“ heißt die am Wochenende in der Kunsthalle eröffnete Schau. Und es war wirklich kein Mangel an großen Degas-Ausstellungen in den vergangenen Jahren, der die Karlsruher dazu bewog, selbst etwas zusammenzustellen. Es war stattdessen offenbar erstens der eigene, mit sieben Werken nicht unbeträchtliche Degas-Bestand; zweitens die schon länger, zuletzt mit Fragonard und Corot vorangetriebene Befassung mit Kunst aus dem nahen Nachbarland; drittens das sich beim Betrachten leicht übertragende Vergnügen daran, mit einem Berühmten doch noch zu verblüffen.

Das antike Pferd: „Alexander und Bucephalus“.  Foto: National Gallery of Art, Washington

Das erreicht Kurator Alexander Eiling sowohl in der Vertikale als auch in der Horizontale: Indem er Degas zunächst als Konstrukteur vorstellt, der seine Motive und Arrangements immer wieder auch aus seiner lebenslangen Beschäftigung mit der klassischen Kunst zog, Konstellationen in seine Welt übertrug und Figuren neue oder überhaupt Kleider überzog. Nicht nur während seiner Ausbildung inklusive des obligatorischen Italien-Aufenthalts – Degas’ Familie väterlicherseits stammte aus Neapel –, auch noch als erfolgreicher Maler kopierte er. Neben dem Konstrukteur lässt Eiling uns den Techniker sehen, der beispielsweise im druckgrafischen Bereich lebhaft experimentierte; auch hier interessiert an den großen Vorbildern und mit Versuchen in Rembrandtscher Manier vertreten.

Eine Zeichnung zeigt ein Selbstporträt des jungen Degas. Auf der anderen Seite des Blattes findet sich die Kopie eines Kopfes, die der Maler seinerzeit (allerdings fälschlicherweise) für ein Selbstporträt Raffaels halten musste. Ein dezenter, aber nicht gerade verlegener Hinweis darauf, wo in der Kunstgeschichte Degas sich künftig gerne eingeordnet wissen wollte.

Zugleich präsentiert die Karlsruher Ausstellung mit 120 Werken aus fünfzig Schaffensjahren und von fünfzig Leihgebern aus aller Welt – dazu noch zwanzig Bilder von Vorläufern und Zeitgenossen – eine erhebliche Vielfalt auch in der Breite. Es gibt Pferde- und Theater-Bilder in ausreichender Zahl. Es gibt jedoch auch eine Abteilung mit Landschaftsbildern, die eigenwillig sinnlich wirken und es auch sind. Die „Steilküste“ arbeitet bei näherer Hinsicht höchst kurios einen weiblichen Akt ein, der sich grasbewachsen auf dem Rücken räkelt. Man traut seinen Augen nicht. Degas interessierte sich anders als seine impressionistischen Kollegen (mit denen zusammen er gleichwohl ausstellte) keineswegs für Malarbeiten unter freiem Himmel. Man muss ihn sich definitiv als Ateliermaler vorstellen. Seine eigene Kunstsammlung soll etwa 5000 Werke umfasst haben. Ein Ateliermaler umzingelt von der Kunstgeschichte.

Die antike Geste: „Junge Spartanerinnen ...“.  Foto: The Art Institute of Chicago

Wie sehr der weibliche Akt Degas beschäftigte, zeigt ein eigener Raum. Als ein besonders plausibles Vorbild wird hier die japanische Druckgrafik herangezogen, die genau jene Verbindung artifizieller Natürlichkeit vertritt, die Degas anstrebte. Es geht dabei nicht um die Haltung der Frauen, die sich gerade alleine auf weiter Flur ihre Haare waschen, es geht um die Haltung der Künstler ihnen gegenüber und das Gleichmütig-Laszive, das sie in ihren Bildern einfangen wollen.

Es gibt eine Auswahl Historiengemälde, nicht zuletzt um die eingangs geschilderte Weiterverarbeitung der Motive zu belegen. Eiling möchte hierbei auch an die vorangegangene Ausstellung „Déjà vu. Die Kunst der Wiederholung“ anschließen, was zwanglos gelingt. Zumindest in der hier zusammengestellten Auswahl haben die historischen Motive auch wenig mehr Funktion, als eine Arbeitsgrundlage zu bilden.

Eine größere Abteilung widmet sich Selbstporträts und exquisiten Porträts von Freunden und Verwandten. Überwältigend das Doppelporträt seiner ihm nahestehenden Schwester Thérèse mit ihrem Mann. Wie sie ihr Kinn scheinbar gelassen in ihre Hand stützt, kommt einer im Gegenteil entsetzten Geste irritierend nahe. Er (beider Cousin, eine Sondergenehmigung war erforderlich) sitzt da, wie ein Patriarch es tun sollte, aber sein Blick schillert vor Verunsicherung. Diskreter und eindeutiger kann das Eheunglück zweier Menschen nicht ins Bild gebracht werden. Und Glück hatten sie wahrlich nicht, wie nachher die Katalogleserin erfährt.

Die theatralische Geste: „Die Gesangsprobe“, um 1872/73.  Foto: Dumbarton Oaks, Washington, D. C.

Von solchen Arbeiten kamen die wenigsten auf den Kunstmarkt. Degas, lernt man, mühte sich nach dem Bankrott der familieneigenen neapolitanischen Bank nicht zuletzt aus Gründen der Ehre mit dem Abbezahlen des Schuldenbergs. Klug bediente er zu diesem Zweck offenbar den Kunstmarkt, überschwemmte ihn nicht, um keine Inflation zu befördern, bot ihm aber just das Gewünschte. Auch auf diese Weise wurde er im Blick der Öffentlichkeit der Rennbahn- und Tänzerinnen-Maler.

Degas interessierte sich nicht nur für Fotografie, er fotografierte auch selbst. Beispiele sind zu sehen, eines setzt dann den winzigen und witzigen Schlusspunkt der Schau: Der alte Maler gruppiert Bekannte und Verwandte zu einem lebenden Bild um sich und stilisiert sich als antiker Dichter nach Ingres’ Gemälde „Die Apotheose des Homer“. Der bärtige alte Mann, der da in der Mitte hockt, ist aber kein Gott, sondern ein Tropf.

Hinterm Scherz, der vervielfältigt und als lustiger Gruß verschickt wurde, lauert das Unfrohe. Degas im Alter war ein einsamer Mann. Nicht nur, aber auch, weil er sich in der Dreyfus-Affäre auf erzkonservatives, antisemitisches Terrain zurückzog. Vielen Zeitgenossen stand das Unrecht, das hier geschah, längst klar vor Augen. Auch Maler sehen nicht alles. Das ist im Zusammenhang mit Degas durchaus seltsam.

Staatliche Kunsthalle Karlsruhe: bis 1. Februar. Dazu eine Begleitausstellung nebenan in der Jungen Kunsthalle, „Wie malt Degas?“. Der Katalog im Hirmer Verlag, 300 Seiten, kostet im Museum 39 Euro, im Buchhandel 45 Euro.

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