Es kommt nicht oft vor, dass Besuchern einer Kunstausstellung rosarote Zettel in die Hand gedrückt werden, die sie vor „nicht unerheblichen Gefahren“ warnen. Installationen im Münchner Haus der Kunst seien „nicht unter dem Gesichtspunkt der Sicherheit, sondern mit künstlerischer Intention zusammengestellt“. Was das bedeutet, erfährt der Kunstflaneur am eigenen Leib. Vor William Forsythes Installation „The Fact of Matter“ rät die Aufsicht, die Schuhe auszuziehen. In Augenhöhe baumeln 200 Ringe, an denen der Kunstfreund den weiß getünchten Raum überqueren soll, ohne den Boden zu berühren. Wie Tarzan, schießt es einem durch den Kopf.
Da es ist schon zu spät. Diese verflixten Ringe. Kaum hat man einen gepackt und steigt in den nächsten, verliert man den Boden unter den Füßen. Kopfüber segelt man hinein ins Gestrüpp der Seile und Ringe. Die Hand greift nach einem weiteren Ring, bekommt ihn nicht zu fassen. Besucher torkeln durch William Forsythes Installation wie trunkene Matrosen in der Takelage, werden Teil einer irrwitzigen Choreografie, die auch von Monty Python stammen könnte.
Unglaublich, dass Tänzer aus Forsythes Truppe hier Balance und Ausdauer trainieren. Nicht mehr als vier Kletterer dürfen sich zeitgleich an dieser Folterkammer für Bauch- und Armmuskulatur beweisen. Sie machen irrwitzige Verrenkungen, fluchen leise vor sich hin oder prusten laut los.
Kunst in Lebenspraxis überführen
Der Choreograf zeigte „The Fact of Matter“ vor zwei Jahren auf der Biennale in Venedig, als Parcours der „Kraft und geistigen Beweglichkeit“. Von zitternden Knien war keine Rede. Kunst, lernt man sofort, besteht eben nicht nur aus stiller Kontemplation und innerem Zwiegespräch mit dem Werk, Kunst kann eine bewegende Erfahrung sein. Etwas Bleibendes, wie ein Muskelkater wegen einer Runde Zirkeltraining.
In den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts entdeckten Künstler den Körper als antikapitalistischen Selbsterfahrungs- und Wahrnehmungsraum. Der gesellschaftliche Aufbruch ließ sich schon in Jackson Pollocks „Drip Paintings“ ahnen, in denen der abstrakte Expressionist wie in Trance Farbe über die auf dem Boden liegenden Leinwände schleuderte. Als tänzelnde Schamanen gingen in der Folge Trisha Brown, Lygia Clark und Robert Morris sowie Bruce Nauman daran, erstarrte Regeln und Grenzen zu sprengen und mit vollem Körpereinsatz in Performances und Happenings die Mechanismen des Kunstmarkts auszuhebeln.
Tanz versprach auch Freiheit von den Formaten der Verkäuflichkeit. Mehr noch: In der Avantgarde-Bewegung konnten Kunst und Leben zueinander finden, wie es später Peter Bürger in seiner „Theorie der Avantgarde“ formulierte, der davon ausging, dass Kunst letztlich in Lebenspraxis überführt werden sollte.
Kontrolle heißt das verborgene Thema
Genau das geschieht in der Ausstellung „Move“. Mit sichtlicher Freude am Format der Abenteuerinszenierung erkundet sie das Duett von Kunst und Tanz seit den sechziger Jahren. Wem das Dutzend Versuchsanordnungen von Dan Graham bis Franz West nicht reicht, kann im Archiv wichtige Performances der vergangenen 50 Jahre durchforsten. In dieser letzten Station kommen Reflexion und Körper spielerisch zusammen. Aus einem verschlungenen Möbiusband lassen sich per Trackball Sequenzen wählen und auf dem Bildschirm abspielen. Erstaunlich, dass die Ausstellung selbst an diesem Punkt stehen-bleibt, wo sich Computerspiele längst mit Händen, Kopf und Füßen steuern lassen.
Kontrolle heißt das verborgene Thema der Ausstellung. Sind wir Puppenspieler oder Marionetten, voller Körperbeherrschung oder erleiden wir einen Kontrollverlust – diese Fragen bleiben offen, denn die Installationen ermöglichen ganz persönliche Erfahrungen. Gleich, ob man eine kinetische Skulptur in Bewegung bringen muss, wie bei Franz West und dabei selbst manipuliert und gefilmt wird, oder sich durch Bruce Naumans „Green Light Corridor“ von 1970 quetschen darf, Kunst bedeutet hier immer physisches Begreifen. Der Körper ist Medium und Material zugleich.
Mit der zuvor in der Londoner Hayward Gallery unter dem treffenden Titel „Move. Choreographing you“ gezeigten Ausstellung verabschiedet sich Chris Dercon aus München. Ein gelungener Abgang. Selten verließ man eine Ausstellung beschwingter. Pina Bausch bemerkte einmal, dass es merkwürdig sei, dass schöne Dinge immer etwas mit Bewegung zu tun hätten.
Genau dieses Gefühl stellt sich bei Besuchern ein, die begierig bequeme Passivität gegen neue Rollen eintauschen. Die Kuratoren haben intellektuelle Auseinandersetzungen in physische verwandelt. Wer sich durch die Ausstellung geschlängelt, gedrückt und gehangelt hat, kommt verändert zum Vorschein. Irgendwie leichter, als ob man einen Teil der Skulpturen mitgenommen hätte. Wir sind die Kunst.
Haus der Kunst, München: bis 8. Mai.