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Moma im Berliner Gropiusbau: Eine Riesengabe Papier

In den letzten Jahren hatten Ausstellungen mit zeitgenössischer Zeichnung Konjunktur. Vor zehn Jahren war das noch nicht so. Ein Kunst-Philantrop erkannte die Lücke und baute binnen zwei Jahren eine Sammlung auf, die er dem Moma vermachte, die jetzt im Berliner Gropius-Bau zu sehen ist.

Fast alles darf heute Zeichnung sein: Bild mit Marmorierungen  (o.T., 2003) von Nick Mauss.
Fast alles darf heute Zeichnung sein: Bild mit Marmorierungen (o.T., 2003) von Nick Mauss.
Foto: 2011 N. Mauss

Wann konnte man schon einmal so eine Fülle zeitgenössischer Zeichnungen bewundern? Kunstkulinarisch gesehen ist „Kompass“ eine herrliche, unerschöpfliche Ausstellung, die uns vorführt, was Künstler mit Papier alles anstellen können. Da gibt es David Hockneys zarte, gerade darin so betörende Umriss-Skizze eine nackten Jünglings; den toll fragmentierten Farbstift-Schädel des US-Griechen Lucas Samaras, einem Eigenbrötler irgendwo zwischen Pop Art und Fluxus; die raffiniert mit Rasierklingen strukturierten Rußbilder der Lee Bontecou, die in Amerika längst mehr ist als ein Geheimtipp. Oder den genialen André Thomkins, der 1985 früh verstarb und mit einem monumentalen Blatt in raffinierter Marmorierungstechnik begeistert. Auch Pop-Nestor Jasper Johns oder der junge New Yorker Nick Mauss üben sich in dieser Technik – allein diese drei Ansätze zu vergleichen, ist eine Freude.

Prominenz und Referenz

Vom ersten Raum, der mit Beuys, Polke, Rauschenberg und Twombly ein bisschen zu sehr auf die Prominenz setzt, geht es – ziemlich altbacken – links zur figürlichen Kunst, rechts zur Abstraktion und zur Material-Ästhetik. Im gegenständlichen Trakt langweilt eine deutsche Referenz-Parade mit Baselitz, Immendorff, Penck und Lüpertz etwas, hinreißend dagegen eine dicht behängte Wand mit erotisch aufgeladenen Körperdarstellungen, mit ironischen Porträts (Rosemarie Trockels „Jackie“), schwulen Pin-ups (Tom of Finland), Comics (Robert Crumb) John Currins Nackter im Dürer-Stil oder Lucian Freuds berührend-flüchtigem Porträtkopf der Drag-Legende Leigh Bowery.

Im Trakt der Minimal Art und ihrer Nachfolger tauchen die großen Namen von Donald Judd bis John Cage mit erlesenen Einzelstücken auf, doch sind auch hier die weniger bekannten Amerikaner interessanter: etwa die zarten Gespinste von Vija Celmins oder der asketisch-strenge Fred Sandback. Der Gegensatz zwischen Figuration und Abstraktion hat längst ausgedient, das wird im weiteren Parcours deutlich, wo es vor allem um die übermächtige Bedeutung der Collage, der Bildmontage, der Assemblage und verwandter Techniken geht.

In der Gegenwartskunst hat sich der Wettstreit um den Vorrang der Bildgattungen längst verschoben. Die Zeichnung, einst vor allem als Vorstadium von Gemälden, Skulpturen oder Bauwerken betrachtet, wurde spätestens in den sechziger Jahren autonomes Medium und feiert heute einen Preisrekord nach dem anderen. Viele hocherfolgreiche Künstler arbeiten ausschließlich auf Papier; früher hätte sie der Markt dafür bestraft. Der Begriff „Zeichnung“ beinhaltet mittlerweile ganz selbstverständlich auch alle Formen der Collage-Technik, einbezogen werden bedruckte Elemente und auch sonst alles nur Denkbare; es geht um jede Art von manueller Bearbeitung des Bildträgers aus Papier.

Der Praktikant und der Kunstmäzen

In den letzten Jahren hatten Ausstellungen mit zeitgenössischer Zeichnung Hochkonjunktur. Vor zehn Jahren war das noch nicht so. Das Museum of Modern Art besaß in seinem Drawings-Department zwar über 10.000 Papierwerke, doch die unmittelbare Gegenwart, selbst vieles aus der Zeit seit den 60ern, war damals nur spärlich vertreten. Ein amerikanischer Kunst-Philantroph erkannte das Potenzial dieser Nische und baute in nur zwei Jahren die weltweit größte Sammlung von zeitgenössischen Papierarbeiten auf – und dies, um damit das New Yorker MoMA zu beschenken. Nach einer triumphalen Ouvertüre in Manhattan geht die erste Auswahl der Kollektion aus der Judith Rothschild Foundation auf Tour und macht nun Station im Berliner Gropius-Bau.

Die Riesengabe ist typisch für die Stifterkultur Amerikas, aber selbst dort ragt sie heraus. Wer die Hintergründe der Sammlung kennen will, der muss André Schlechtriem in seiner Galerie am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin aufsuchen. Der 32-Jährige erzählt eine der unglaublichsten Geschichten, die der Kunstbetrieb je hervorgebracht hat. Schlechtriem war 24, Kunstgeschichtsstudent in Köln. Eine Professorin erkannte seine Begabung, mit Kunst umzugehen, und vermittelte ihn als Praktikanten zur New Yorker Galeristin Tanja Grunert. Er fuhr mit zur Art Basel in Miami Beach, das war im Dezember 2002. Dort begann die Freundschaft und Arbeitsbeziehung zwischen dem Kunstmäzen Harvey S. Shipley Miller und André Schlechtriem.

Außenseiter und Randfiguren

In Miller reifte gerade sein größtes Projekt. Die Künstlerin und Möbelfabrikanten-Erbin Judith Rothschild, mit der er befreundet war, hatte ihm 1993 die Verfügungsgewalt über ihre Stiftung vererbt. Bis 2018 sollen die auf 34 Millionen Dollar geschätzten Vermögenswerte aufgebraucht werden, um vor allem die Wiederentdeckung verkannter, bereits verstorbener US-Künstler zu fördern.

In nur zwei Jahren entstand eine Riesensammlung. „Es ging rund um die Uhr. Oft flog Harvey übers Wochenende nach Los Angeles zu Eröffnungen und ich nach Berlin“, so Schlechtriem. Schnell machte die Geschichte von den Männern mit den üppig gefüllten Taschen im Kunstbetrieb die Runde. Bald dehnten Miller und Schlechtriem den Blick bis in die 60er aus, um MoMA-Lücken zu schließen und Außenseitern zu ihrem Recht zu verhelfen.

Moma-Kurator Christian Rattemeyer hat nach Berlin nicht allzu viele der hier wohlbekannten Künstler mitgebracht. Das nachdrücklichste Erlebnis dieser Schau, die ja kein anderes Thema hat als das Medium Papier, bleibt die Entdeckung von Randfiguren aus Amerika: Ree Morton mit ihrer pseudonaiven Augentäuscherei, die spöttischen Spritzereien von Robert Watts, die ironische Zeichenwelt von Jack Smith. Ewig könnte man weiterschwärmen.

In nur 18 Monaten hatten Miller und Schlechtriem mehr als 2500 Werke zusammengetragen. Von den rund 650 Künstlern waren mehr als 300 noch nicht im MoMA vertreten. Schon bei der Gründung 1929 bestimmten visionäre Privatsammler den Weg des Museums. Mit den Zeichnungen der Judith Rothschild Foundation hat sich das MoMA wieder einmal an die Spitze einer Bewegung gestellt.

Martin-Gropius-Bau, Berlin: bis 29. Mai. Der Katalog kostet 25 Euro.

Autor:  Sebastian Preuss
Datum:  10 | 3 | 2011
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