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Kunst

12. November 2012

Filmmuseum Frankfurt: Wie bei Onkel Oscar

 Von Daniel Kothenschulte
Anfassen nur mit Samthandschuhen: die Oscars im Deutschen Filmmuseum.Foto: dpa

Das Filmmuseum in Frankfurt zeigt eine umwerfende Schau zur Geschichte der Academy Awards - und lässt gleich zehn original Oscars aus Los Angeles ankarren.

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Wer einmal einen Oscar sehen möchte, kann sich zum Beispiel eine Konzertkarte für Bob Dylan kaufen. Da steht dann der treue Begleiter des Meisters, gewonnen für seinen Filmsong „Things Have Changed“ aus der Komödie „Wonder Boys“, immer etwas verloren als einziges Dekor auf der schmucklosen Rockbühne. Andere Künstler hielten den berühmten Glatzkopf weniger hoch in Ehren. Charlie Chaplin etwa soll seine Akademiepreise als Haushaltshilfen geschätzt haben: Der eine diente ihm als Nussknacker, der andere als Türstopper.
Wer hingegen gleich zehn Oscars sehen möchte, muss jetzt ins Deutsche Filmmuseum kommen. Selbst die Anlieferung der Leihgaben durch Kuriere der Academy in Los Angeles war dem Frankfurter Institut vergangene Woche eine Meldung wert, und das zu Recht: „Wir haben noch nie zehn Oscars aus unseren Beständen an einen anderen Ort gegeben“, bestätigt Academy-Präsident Hawk Koch bei seinem Frankfurt-Besuch.

„Der sieht ja aus wie mein Onkel Oscar“, soll Margaret Herrick, die erste Bibliothekarin der Academy ausgerufen haben, als man ihr vor der ersten Verleihung 1927 das Schmuckstück zeigte. Es muss ein stattlicher Onkel gewesen sein, denn der vom legendären Set-Designer Cedric Gibbons entworfene Schwertträger repräsentiert durchaus ein Schönheitsideal seiner Zeit. Gefertigt aus vergoldetem Britanniametall und 3,85 Kilo schwer, ist die Statuette typisches Art déco. Und da niemand eine bessere Geschichte belegen kann, gilt Margaret Herrick inzwischen offiziell als Namensgeberin. Ihren Namen wiederum trägt heute das gewaltige Archiv der Akademie, aus dem die meisten Leihgaben der Ausstellung stammen. Übrigens eine äußerst freundlich geführte Forschungsstätte, die jedem durchreisenden Filmstudenten zu empfehlen ist.

Erst vor wenigen Tagen wurde bekannt, dass sich Hollywood dafür endlich ein eigenes Museum baut, entworfen von Renzo Piano. Bei der Präsentation ihrer Geschichte wird sich die Academy dabei vielleicht sogar an Frankfurt ein Beispiel nehmen. Denn geschlossener, lehrreicher und liebevoller ließe sich die Geschichte der bislang 84 Gewinner des „Besten Films“ und der Mit-Nominierten kaum darstellen. Über einer Zeitleiste sind aus jedem Jahr Original-Exponate zu sehen, darunter liegen in den Schaukästen weitere Informationen. Jeder Gewinnerfilm ist mit einem Ausschnitt und einem Moment der Verleihung präsent. Die Oscars selbst erstrahlen in Glaszylindern wie Onkel Dagoberts erster selbstverdienter Taler.
Dass dabei nicht jedes Exponat so wertvoll ist, wie das originale Lithographie-Plakat zu „Im Westen nichts Neues“, Lewis Milestones Gewinnerfilm von 1930, stört wenig. In der Siebziger-Jahre-Sektion etwa hängt neben dem kostbaren Entwurf eines Star-Wars-Raumschiffs ein Poster von Warren Beatty als Turnschuh-Engel in „Der Himmel soll warten“. Nicht jeder nominierte Film wurde eben zum Klassiker.

Die Ausstellung

„And the Oscar goes to… 85 Jahre Bester Film“ ist vom 14. November bis 28. April 2013 in Frankfurt zu sehen, Deutsches Filmmuseum, Schaumainkai 41, dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr, mittwochs bis 20 Uhr.

Zum ersten Mal werden viele Stücke aus dem Archiv der Academy of Motion Picture Arts and Sciences, die seit 1929 die Oscars verleiht, außerhalb von Los Angeles gezeigt. Das Konzept der beiden Kuratoren Jessica Niebel und Michael Kinzer überzeugte die Academy, die vor Jahren auch die von Niebel kuratierte Anime-Ausstellung des Frankfurter Filmmuseums übernommen hatte.

Im Begleitprogramm laufen Oscar-prämierte Filme aus dem Academy Film Archive wie „All About Eve“ und „The Sound of Music“, dazu berichten deutsche Filmschaffende über ihren Oscar-Gewinn. Details unter www.deutsches-filmmuseum.de

Am 11. Januar 1927 hatten 33 Hollywoodgrößen – darunter Mary Pickford, Douglas Fairbanks und Cecil B. DeMille – auf Anregung von MGM-Boss Louis B. Mayers die Academy of Motion Picture Arts and Sciences initiiert. Dies geschah, wie auch die ersten Preisverleihungen, in Form eines Gala-Dinners. Sogar einen Original-Oscar der ersten Saison hat man nun aufgetrieben, der zugleich an einen erst kürzlich wiederentdeckten Hollywood-Großmeister erinnert: Frank Borzage erhielt ihn für sein Weltkriegs-Epos „Seventh Heaven“. Borzages Witwe Conchita stiftete, wie sie uns einmal erzählte, den Nachlass bereits vor vier Jahrzehnten als Grundstock für das dann nie gebaute Hollywood-Museum – kaum zu glauben, dass sich Los Angeles so schwer damit tat. Auch beim Academy-Präsident en Koch spürte man da echte Bewunderung für das Deutsche Filmmuseum. Umgekehrt muss man dessen Direktorin Claudia Dillmann gratulieren für das in langen Jahren aufgebaute Vertrauensverhältnis zu den Amerikanern.

Audrey Hepburn ist ohne Worte

Um nur einige der klug ausgewählten Originale aufzuzählen: Alfred Hitchcocks manchmal süffisante Notizen beim Casting der weiblichen Hauptrolle für „Rebecca“ sprechen Bände. Die längst vergessene Audrey Reynolds empfiehlt er etwa wärmstens als „Rebecca“ – wohl wissend, dass sie im Film gar nicht vorkommt. Zu den kunstvollsten Exponaten zählt das Storyboard des Vorspanngestalters Saul Bass für „West Side Story“, den „besten Film“ der Saison 1961. Und eines der anrührendsten Stücke ist Audrey Hepburns Antwort auf George Cukors Rollenangebot als „My Fair Lady“. „Ich bin ohne Worte“, schwärmt sie, „stehe neben mir vor Glück und Aufregung.“ Der Rest des Schreibens besteht dann aus gut gemeinten Tipps – vom idealen Choreografen bis zu Kleid und Schuhen.

Natürlich nehmen auch die Preisgalas breiten Raum ein. Waren bei der ersten Verleihung am 16. Mai 1929 noch alle Preisträger drei Monate im Voraus informiert worden, wollte man es 1930 spannend machen. Nur die Los Angeles Times wurde noch eine Zeit lang eingeweiht, bis sie einmal die Sperrfrist verletzte. Heute behandelt man die Gewinnerliste wie ein Staatsgeheimnis.

Für das Selbstverständnis der frühen Jahre war es bezeichnend, dass der Hauptpreis des besten Films an den Produzenten ging. Eine Praxis, die sich bis heute erhalten hat, während Filmfestivals eher die Regisseure ehren. Und auch in der Wahl der Preisträger tendiert die Akademie seit ihren Anfängen dazu, eher kassenträchtige Filme zu prämieren als künstlerisch besonders Gewagtes (Ausnahmen wie zuletzt „The Artist“ bestätigen die Regel). Nichts ist erfolgreicher als der Erfolg, sagt eine alte Weisheit im Showgeschäft. Und das ohnehin Erfolgreiche mit einem Oscar-Erfolg zu adeln, ist ein genialer Einfall.

Seit dem Ende des Studiosystems Anfang der 60er-Jahre ist in Hollywood kaum ein Stein auf dem anderen geblieben. Aber der Oscar, dieses Vermächtnis aus der Wiege des Glamours, hat die Zeiten ohne die kleinste Schramme überstanden. Obwohl: Bei genauerem Hinsehen haben einige der ausgestellten Statuetten schon etwas gelitten. Clark Gable nahm sein Prachtstück für „Es geschah in einer Nacht“ wohl recht häufig in die Hand, was die stumpfe Vergoldung erklären könnte. Der behinderte Nebendarsteller Harold Russell, ausgezeichnet für das Kriegsdrama „Die besten Jahre unseres Lebens“, hinterließ an seiner Statuette dagegen Spuren der Haken, die ihm die Hände ersetzten.

Die famose Schau „And the Oscar Goes To“ beweist so einmal mehr, wie wichtig es ist, in Filmausstellungen Originale zu zeigen. Fast scheint es, als ob Onkel Oscar selber sprechen könnte.
Deutsches Filmmuseum Frankfurt: 14. November bis 28. April.

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