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Kunst

24. Oktober 2012

Fotoausstellung Mannheim: Augenblicke zum Verweilen

 Von Sylvia Staude
Louis Jacques Mandé Daguerre: Notre Dame und die Ile de la Cité, Paris, ca. 1838.Foto: Reiss-Engelhorn-Museen, Forum Internationale Photographie, Sammlung Gernsheim

„Die Geburtsstunde der Fotografie“ in Mannheim ist eine beeindruckende Schau über die Fotografie von ihren Anfängen bis heute. Unter anderem zeigt sie das Original-Foto „Blick aus dem Fenster in Le Gras“ von Niépce, das als erste Fotografie überhaupt gilt.

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„Die Geburtsstunde der Fotografie“ in Mannheim ist eine beeindruckende Schau über die Fotografie von ihren Anfängen bis heute. Unter anderem zeigt sie das Original-Foto „Blick aus dem Fenster in Le Gras“ von Niépce, das als erste Fotografie überhaupt gilt.

Die Geschichte ist vertraut: Zwei Menschen arbeiten ungefähr zeitgleich an ein und derselben Erfindung – neue Ideen liegen oft in der Luft –, der eine aber erhält später den ganzen Ruhm. So geschah es auch mit Joseph Nicéphore Niépce (1765-1833) und Louis Jacques Mandé Daguerre (1787-1851) – obwohl sie einen „Partnerschaftsvertrag“ geschlossen hatten: Ersterer freute sich über den Mitstreiter, um eine von ihm Héliographie, „Sonnenzeichnung“, genannte Technik weiterentwickeln zu können; Letzterer taufte sie nach Niépces Tod frech „Daguerrotypie“ – als die sie dann in die Geschichte der Fotografie einging.
Ein Stückchen mehr Gerechtigkeit schuf in den 1950ern das Sammlerpaar Helmut und Alison Gernsheim und schafft jetzt eine Ausstellung in dem zu den Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen gehörenden Forum Internationale Fotografie. Sie heißt „Die Geburtsstunde der Fotografie“, die erste Fotografie der Welt ist darin zu sehen, oder, wie es im Katalog sorgfältig formuliert ist von Stephanie Oeben, „die erste dauerhafte Fotografie eines Außenraumes“.

Davor gab es schon die Möglichkeit, zum Beispiel Pflanzen auf eine lichtempfindliche Oberfläche zu legen – es handelte sich um Asphalt, dessen unbelichtete Stellen mit Lavendelöl und Terpentin herausgewaschen werden konnten. Auch existierten fotografische Techniken, deren Material lichtempfindlich blieb, sodass die Abbilder wieder verschwanden. Darum das wichtige Kriterium „dauerhaft“.
Auf eine asphaltbeschichtete Zinnplatte und mittels einer Camera obscura fotografierte Niépce 1826 den „Blick aus dem Fenster in Le Gras“. Auf dem nun in Mannheim ausgestellten Original ahnt man mehr als dass man erkennt: Einige in Schwarz versinkende Gebäudequader, deren Dächer immerhin sich gegen die helle Himmelsfläche abheben. Enttäuscht darf man nicht sein, mussten doch die Objekte früher Fotografie Stunde um Stunde stillhalten. Auch hat die Geisterhaftigkeit dieses Bildes einen eigenen Reiz. Gleich daneben findet der Betrachter spätere Reproduktionen, die ein wenig Licht ins Dunkel der Häuserwände bringen.

Eine hat der Fotograf und Sammler Gernsheim 1952 – in einem englischen Schrankkoffer war kurz zuvor das kostbare Bild (wieder-)entdeckt worden – in Zusammenarbeit mit einem Forschungslabor von Kodak erstellt. Ihm und seiner Frau Alison, ihrer Hartnäckigkeit, ihrer Spurensuche, ist aber nicht nur der Erhalt der ersten Fotografie zu verdanken. Ihre fantastische Sammlung mit fotografischen Werken des 20. Jahrhunderts ist es auch, aus der sich die große Mannheimer Schau vor allem speist. Niépces berühmte Heliografie aber ist jetzt erstmals wieder in Europa zu sehen, seit der historische Teil der Gernsheim-Sammlung – 35.000 Originalfotografien – 1963 an die Universität Texas ging.
Das Bild reist übrigens in einem sauerstofffreien, alarmgesicherten Schaukasten, in dem es in einem optimalen Ansichtswinkel von 35 Grad dem Betrachter zugeneigt ist.

Wie tief aber muss die Sehnsucht des Menschen gewesen sein, einzelne seiner (Blick-)Momente herauszuheben aus ihrer Vergänglichkeit, naturgetreuer noch, als es die Malerei kann, dass von da an die Zahl fotografischer Aufnahmen exponentiell zunahm. Der moderne Mensch schließlich ist ja nicht nur ein allüberall telefonierender geworden, sondern auch ein allüberall fotografierender.

Tourismus beflügelt die Fotografie

Die Mannheimer Ausstellung ist trotz des Niépce-Coups nicht chronologisch, sondern nach Themen gegliedert. Insgesamt 250 Exponate zeigen zum Beispiel, wie sich frühe Stillleben oder „Menschenbildnisse“ (so die Überschrift) durchaus an der Malerei orientierten. Wie aber der Ernst eines Fotografenbesuchs auch schon humorvoll gebrochen wurde: So hat die Bankiersfamilie Blount um 1870 ein collagiertes Album angelegt, in dem zwei Kinder im Eierbecher hocken und ein Männerkopf im Kochtopf steckt.
Nicht zuletzt war es bald der Tourismus, der auch die Fotografie beflügelte. Fremde Landschaften, Städte, Menschen wurden schon deswegen auf Platte und später Film gebannt, weil man ein Andenken haben wollte – und/oder dieses verkaufen an berichtende Medien. Dass die Reisefotografie und besonders der Bildjournalismus unter anderem geradezu ideale Möglichkeiten sind, Missstände zu dokumentieren und ans Gewissen des Betrachters zu appellieren, das belegt die Ausstellung mit zahlreichen Beispielen, von denen Robert Capas „Tod eines loyalistischen Milizionärs“ (1936) und Werner Bischofs Bilder von einer „Hungersnot in Bihar“ (1951) nur die berühmtesten Arbeiten sind. Bei Capas ikonografischem Kriegsbild ist übrigens keineswegs klar, ob es authentisch oder gestellt ist. Authentizitätsfragen stellen sich heute freilich in weit verschärftem Maße.
Ambitioniert verspielt waren auch schon die Pioniere der Fotografie, nur mussten sie sich aufwendigere Tricks einfallen lassen als der Computernutzer, etwa die Mehrfachbelichtung, das Fotogramm, die Rayographie und Schadographie, in den 70ern das Chemigramm. Nicht nur bei letzterem, einem abstrakten, an einen bunten Rorschachtest erinnernden Farbenmuster, ist der Einfluss der damaligen malerischen Strömungen unverkennbar. Es leuchtet ein, dass die meisten dieser Techniken keine Verbreitung fanden, denn warum sollte die Fotografie so offensichtlich der Malerei nacheifern wollen?
Das heißt nicht, dass sie ihr Motiv nicht künstlerisch aufbereiten soll mittels Farbe (oder schwarz-weiß), Linie, Ausschnitt. Als Vorläufer des seine fotografischen Werke fabelhaft arrangierenden und bearbeitenden Andreas Gursky ist etwa in Mannheim Willi Beutler auszumachen, der schon 1956 das Potenzial der „Straße zum Stilfser Joch“ erkannte: eine Art weißleuchtende EKG-Linie im Dunkel des Geröllhangs. Das kann Fotografie fast 200 Jahre nach Niépce immer noch am besten: Sichtbar machen, was der Mensch gern übersieht.

Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim, Forum Internationale Fotografie: bis 6. Januar 2013. Der Katalog (304 S., 244 Abb.) kostet 39,90 Euro. www.rem-mannheim.de

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