Kunst

26. Dezember 2012

Fotografie Martin Schoeller: Das andere Ich

Zwillinge. Foto: REUTERS

Martin Schoeller hat Zwillinge, Drillinge und Vierlinge fotografiert und dabei viel über Identität gelernt

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Martin Schoeller ist bekannt geworden, weil er die Mächtigen und die Schönen ganz nah vor seine Kamera holte und sie so natürlich zeigte, wie man sie selten zuvor sehen konnte. Mit seiner Methode der „Close Ups“ fotografierte er Politiker wie Bill Clinton oder Angela Merkel, Schauspieler wie Angelina Jolie und Jack Nicholson. Nun hat sich der 44-Jährige in München geborene und in New York lebende Fotograf vor allem mit eineiigen Zwillingen beschäftigt und dazu ein Buch herausgegeben.

Herr Schoeller, das Thema Zwillinge hat Fotografen seit Diane Arbus fasziniert. Warum sind nun auch Sie unter die Zwillingsfotografen gegangen?

Das Magazin National Geographic hat mich angeheuert, um für seine Sonderausgabe zu Zwillingen die Fotos im Close-Up-Stil zu machen. Anfangs wollte ich nicht, weil das Thema so ausgereizt schien. Nachdem ich angefangen hatte, fand ich es doch spannend.

Was haben Sie anders gemacht?

Zwillinge werden oft als eine Person, als eine Einheit betrachtet und dann auch so fotografiert und bewertet. Viele Zwillinge haben mir erzählt, dass Lehrer sich nicht bemüht haben, die Namen der einzelnen Personen zu lernen. Sie hießen immer nur die Zwillinge. Hey Zwilling, komm mal her. Ich habe jeden einzeln fotografiert. Das gab es in der Zwillingsfotografie noch nie.

Wo haben Sie die Zwillinge gefunden?

Viele von ihnen habe ich in Twinsburg, Ohio getroffen. Das ist eine kleine Stadt in der Nähe von Cleveland, wo es jedes Jahr ein Zwillingsfest gibt. Es ist das größte Zwillingstreffen der Welt und hat in diesem Jahr einen neuen Rekord aufgestellt: 1965 Zwillingspaare waren dort und auch ein paar Drillinge. Es gibt viele Zwillinge, die stolz darauf sind, Zwilling zu sein. Das feiern sie mit diesem Fest. Für einen Fotografen ist das wunderbar. So konnte ich Zwillinge aus verschiedenen Altersgruppen fotografieren.

In Ihrem Buch gibt es Zwillingspaare, die sehen nicht nur identisch aus, die haben auch den gleichen Haarschnitt, sind gleich geschminkt und identisch angezogen. Hatten Sie das vorgegeben?

Nein. Auf dem Zwillingsfest sind die meisten Zwillinge gleich angezogen, weil sie ja dort hingehen, um ihr Gleichsein, ihr Zwillingssein zu zelebrieren. Aber es gibt auch solche, die nicht das Gleiche anhaben. Ich habe es ihnen überlassen, wie sie sich präsentieren wollen. Doch so gleich sich diese Zwillinge äußerlich sind, so unterschiedlich sind ihre Persönlichkeiten.

Was ist Ihnen denn während der Shootings aufgefallen?

Die Älteren sind schon meist die Tonangebenden, die Lauteren, die Dominanteren. Das stimmt nicht immer, aber meistens. Die Älteren haben auch zu 80 bis 90 Prozent die Jüngeren als erstes zum Fotografieren geschickt.

Wie wichtig ist Zwillingen ihre individuelle Identität?

Alle Zwillinge wollen auch als Individuum wahrgenommen werden. Sie beschweren sich oft darüber, dass die Identität verloren gehe, wenn man gemeinsam auftrete. Es gibt auch Zwillinge, die sehr glücklich darüber sind, gemeinsam mit einem Menschen geboren worden zu sein, der sie versteht. Man hat sozusagen den besten Freund von Geburt an zur Seite. Andere wiederum haben Probleme damit, Zwilling zu sein. Es gibt einige, die mit Absicht weit entfernt voneinander leben, weil sie Angst hatten vor einem Identitätsverlust. Oder weil sie schon als Kind die Erfahrung gemacht haben, dass das Zwillingsein auch problematisch ist. Der eine war vielleicht intelligenter und wurde bevorzugt.

Neben dem Verbündetsein gibt es also auch Rivalität?

Ja, weil die beiden natürlich immer sofort verglichen werden. Der eine sieht besser aus und kommt besser bei Frauen an, der andere nicht. Der eine hat eine Familie und der andere nicht. Das ist bei Zwillingen noch schwieriger als bei normalen Geschwisterpaaren.

Ist es so, als habe man einen Klon an seiner Seite?

Manchmal nicht nur einen. Ich habe in der Bronx eineiige Vierlinge fotografiert, was sehr selten ist. Unter 70 Millionen Schwangerschaften gibt es nur einmal eineiige Vierlinge. Aber die vier finden es anstrengend, zusammen auf die Straße zu gehen. Man werde ständig angeguckt, fotografiert, angesprochen, angestarrt. Das ist natürlich eine verständliche Reaktion, wenn man vier Menschen auf der Straße sieht, die sich so ähnlich sehen. Da denkt jeder: Wie bitte was? Die Vierlinge empfanden das als Last.

Aber dann gibt es auch jenes weibliche Zwillingspaar, das sich an der gleichen Stelle neben dem Auge einen Stern hat tätowieren lassen. Sie haben sich also zu ihre natürlichen Ähnlichkeit noch eine weitere geschaffen.

Die beiden Frauen sahen sich eigentlich gar nicht so sehr ähnlich und sind auch vom Charakter völlig unterschiedliche Persönlichkeiten. Die eine ist eine professionelle Boxerin und die andere arbeitet in der Modebranche. Ich habe es aber häufig bei Zwillingen erlebt, dass sie die gleichen Tätowierungen hatten, auch wenn man sie nicht sah. Viele haben sich auch den Namen des anderen tätowieren lassen. Es gibt viele Geschichten über Gleichheiten.

Zum Beispiel?

Es gibt Zwillinge, die werden mit den gleichen Krankheiten geboren. Da waren zwei siebenjährige Jungen, die hatten Herzfehler. Der eine hatte fünf Operationen hinter sich, der andere drei. Als Zwilling teilt man vieles, auch Leid.

Wie ist es mit denen, die weggezogen sind, die andere Erfahrungen im Leben gemacht haben. Sieht man das in den Gesichtern?

Zwillinge sehen sich in ihrer Kindheit und im Alter ähnlich. Aber zwischen 20 und 60 Jahren sehen sie sich weniger ähnlich. Warum? Das habe ich nicht verstanden. Aber man erkennt die Raucher schnell, man erkennt auch, wer mehr trinkt oder eher depressiv ist.

Eineiige Zwillinge haben das gleiche Geschlecht. In Ihrem Buch gibt es aber zwei Paare, die Mann und Frau sind. Wie kommt das?

Auch unter Zwillingen gibt es Menschen, die meinen, mit dem falschen Geschlecht geboren zu sein. Ich habe eine Frau fotografiert, die früher ein Mann war, und eine Frau, die ein Mann war. Es war interessant zu sehen, wie Hormontherapien Menschen verändern – bei Zwillingen hat man ja den direkten Vergleich.

Wie ist das mit Homosexualität?

Für mich wurde in diesem Fotoshooting die These bestätigt, dass Homosexualität angeboren ist. Wie sonst könnte es sein, dass beide Zwillinge schwul sind?

Das Gespräch führte Olivia Schoeller.

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