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Kunst

20. Februar 2010

Fotokunst: Ornament in Schwarz und Weiß

 Von Natalie Soondrum
Parrot Tulips, 1988.Foto: Robert Mapplethorpe Foundation

Er begann mit einer Polariod, doch dann entwickelte er eine neue Ästhetik der Fotografie: Mit einer großen Ausstellung ehrt das NRW-Forum in Düsseldorf Robert Mapplethorpe. Von Natalie Soondrum

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Die Ausstellung ist noch bis zum 15. August im NRWForum in Düsseldorf zu sehen. An jedem Freitag gibt es Führungen auch auf Englisch. Statt eines Katalogs ist eine Neuauflage des "Black Book" erhältlich (Schirmer/Mosel, 91 Seiten. 29, 80 Euro).

Immer noch empfehlenswert ist das Buch von Patti Smith: "Just Kids" (Bloomsbury, 283 Seiten, 19,99 Euro), das ab März auch auf deutsch bei KiWi erhältlich ist. Audioguide: Zur Ausstellung gibt es einen Audioguide auf das eigene Handy.

Näheres unter : www.nrw-forum.de

Ein Strauß Blumen hängt von links in einem eleganten Bogen in die Photographie hinein. Papageientulpen, deren geflammte Färbung den Graustufen des Bildes eine skulpturale Wirkung verleiht. Den unteren Bildrand begrenzt eine Tischplatte. Die Kante ist ein wenig dunkler als die Platte selbst, das liegt am Schatten. Dadurch, dass die volle Dimension der Platte im Bildausschnitt nicht erkennbar ist, kann man den Bildhintergrund auch als in drei Flächen zerteilt wahrnehmen. Ein dünner Streifen hellgrau, ein etwas breiterer fast weißer und darüber der überwiegende Rest in einem matten Bleistiftminengrau.

An dieser Fotografie tritt die doppelte Qualität der Arbeiten von Robert Mapplethorpe (1946 bis 1989) deutlich zutage: Einmal die strenge Komposition des Bildinhaltes. Die Formalisierung des gezeigten Gegenstandes. Ihr verdankt sich das landläufige Urteil, Mapplethorpe habe einem auf die Spitze getriebenen Ästhetizismus gehuldigt. Diese Stimmen übersehen jedoch das Material. Die Mattheit des Papiers, das satte samtige Schwarz, Weiß- und Grauabstufungen in immer wieder neuen Nuancen. Das Schwarzweiß dieser Bilder atmet, ist eine optische Sensation, die weit über die Beschränkung auf die Abbildung hinausgeht.

Mapplethorpes meisterlicher Umgang mit der fotografischen Technik, seine Fähigkeit, durch den Umgang mit Licht den Abzügen Schattierungen abzugewinnen, als stünde man vor einer in die Zweidimensionalität verbannten Skulptur, das ist seine eigentliche ästhetische Leistung.

Ausführlich studieren kann man sie derzeit in einer 160 Werke umfassenden Retrospektive im NRW-Forum in Düsseldorf. Sie reicht von frühen Polaroids über die Darstellung von Blumen und Schwänzen, nackten Afroamerikanern und der weißen Bodybuilderin Lisa Lyon über das berühmte Plattencover von Patti Smiths erstem Album "Horses" (1975) bis hin zu den Kinderporträts und Porträtaufnahmen, die Mapplethorpes letzte Schaffensperiode prägten bis zu seinem frühen Aids-Tod.

Die provokantesten Arbeiten Mapplethorpes aus der S/M-Szene, in der er sich bewegte, lässt die Ausstellung jedoch aus. Gefesselte Genitalien, blutige Hoden, den Faustfick und den Jüngling, der einem anderen in den Mund uriniert, sucht man hier vergeblich. Nur eine Abbildung aus der "Black Leather Series", ein Mann im Ganzkörper-Lederanzug mit Kopfmaske auf einer Liege ausgestreckt, hat es in die Ausstellung geschafft sowie ein Selbstporträt des Künstlers. "The Perfect Moment" zeigt Mapplethorpe von hinten mit dem Griff einer Bullenpeitsche im Anus. Das linke Bein erhöht aufgestellt, steht er vornübergebeugt und stützt sich an einer Wand ab und schaut über die rechte Schulter zurück in die Kamera. Er hat sich selbst als Teufel inszeniert.

Zu dem hatte er ohnehin eine besondere Beziehung, sagt seine einstige Weggefährtin und künstlerisches Alter ego, Patti Smith: "Er sagte, die Kirche habe ihn zu Gott geführt und LSD zum Universum. Er sagte auch, die Kunst habe ihn zum Teufel geführt, und Sex halte ihn beim Teufel." Mapplethorpe kam aus einer streng katholischen Familie. Sein Coming Out in New York Ende der sechziger Jahre war für ihn ein ambivalenter Prozess. So lebte er zu dieser Zeit zwar mit der Künstlerin, Dichterin und Noch-nicht-Musikerin Patti Smith zusammen, ging aber zum Geldverdienen auf den Strich. Obwohl er zunehmend offen zu seinem Schwulsein stand, wehrte er sich gegen eine eindeutige Festlegung seiner Sexualität.

In ihrer gerade erschienen Biographie "Just Kids" schreibt Smith, dass Mapplethorpe, der an der Pratt-Kunstschule studierte, sich intensiv die Sklaven-Figuren von Michelangelo beschäftigte. Diese Vorliebe für Renaissanceskulpturen findet sich später in den Posen seiner Akte wieder. Mapplethorpe wäre gerne Bildhauer geworden, empfand das Medium jedoch als nicht mehr zeitgemäß. Er begann an Collagen zu arbeiten, für die er Ausschnitte aus Männermagazinen verwendete. Die Begrenztheit seines Budgets ließ an eigene Fotos noch lange nicht denken.

Als es Mapplethorpe gelang, eine Polaroidkamera von einer Bekannten im New Yorker Hotel Chelsea auszuleihen, in dem er und Smith ab August 1969 lebten, war er gezwungen, sehr sparsam mit dem Filmmaterial umzugehen, weil er es sich kaum leisten konnte. Diese Knappheit der Ressourcen sollte für ihn stilprägend werden. Nachdem er längst Sponsoren gefunden hatte, waren die Konzentration auf den Bildausschnitt und wenige Aufnahmen pro Sitzung typisch für Mapplethorpes Arbeitsweise.

Seine sexuelle Offenheit gepaart mit seinem versierten Umgang mit Licht in seinen Aufnahmen machten für Mapplethorpe eine weitere Grenzüberschreitung mühelos möglich: Die Fokussierung auf den schwarzen männlichen Körper.

Der britische Filmtheoretiker Richard Dyer hat 1997 in seinem Buch "White" beschrieben, wie in der Entwicklung der Film- und Fototechnik sowie der Fotochemie seit der zunehmenden Verbreitung der Porträtfotografie Mitte des 19. Jahrhunderts die Darstellung weißer Hautfarbe im Zentrum gestanden habe. Die Zentrierung von Farb- und Grauwertwiedergaben hellerer Haut ging auf Kosten von Menschen mit dunklerem Teint. Ein Problem, über das schwarze Hollywoodschauspieler bis in die jüngere Zeit hinein klagten - besonders bei der Ausleuchtung von Sets.

Doch Robert Mapplethorpes differenzierte Technik kannte derlei Hindernisse nicht: Als er 1980 seinen schwarzen Assistenten und Liebhaber Philipe Priolet auf einer Blumensäule kauernd fotographierte, ging ein empörter Aufschrei durch die Öffentlichkeit, der Rückenakt sei Missbrauch am Modell. Doch Mapplethorpe stellte fest, schwarze Körper mit der Kamera festzuhalten, sei wie Bronzen zu photographieren. "Es ist, als erfände ich die Fotographie neu", sagte er. Er hat sie neu erfunden, und er hat sich und seine Modelle befreit.

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