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Kunst

22. März 2016

Frankfurter MMK: Was Kunst eigentlich ist

 Von Sandra Danicke
Andreas Slominski: Ohne Titel, 1988.  Foto: MMK / Andreas Slominski / Axel Schneider

Bevor die Kunst vernichtet wird: Das Frankfurter MMK stellt ein „Imaginäres Museum“ vor. Das klingt überspannt, macht aber unerwartet nachdenklich.

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Wir schreiben das Jahr 2052. Alle Museen, alle Kunstwerke stehen kurz vor der Vernichtung. Man muss sie sich einprägen, um sie vor dem Vergessen zu bewahren. Drei Museen – das Frankfurter Museum für Moderne Kunst, die Tate Liverpool und das Centre Pompidou-Metz – haben eine Auswahl aus ihren Sammlungen getroffen. Werke, die man sich merken sollte, um sie für künftige Generationen wenigstens in der Vorstellung am Leben zu erhalten.

Ein hanebüchenes Konstrukt, ja. Andererseits: Wurden nicht gerade erst kostbare Kunstwerke im Irak und in Syrien gezielt vernichtet? Ist nicht die Existenz des Leverkusener Museum Morsbroich akut bedroht, weil es sich wirtschaftlich nicht rechnet?

Die Idee für „Das imaginäre Museum“, für das mehr als 80 Werke nun im MMK2 zu einem „europäischen Museum auf Zeit“ zusammengetragen wurden, wurde von Ray Bradburys „Fahrenheit 451“ (1953) inspiriert, den Science-Fiction-Roman, der davon handelt, dass Literatur aus der Gesellschaft verbannt wurde und allenfalls in der Erinnerung weiter existiert. Bei der Auswahl der Werke sei man darauf bedacht gewesen, signifikante Werke für spezifische Eigenschaften von Kunst zusammenzustellen, erklärt Peter Gorschlüter, Kurator der Ausstellung und stellvertretender Direktor des MMK. Etwa „die Transformation des Alltäglichen, das Spiel mit der Wahrnehmung, das Reisen durch Raum und Zeit sowie die Verschlüsselung von Botschaften“.

Nach dem Ende der Ausstellung wird die Schau noch einmal für ein Wochenende geöffnet werden. Die Kunstwerke werden dann durch Personen ersetzt worden sein, die durch ihre persönlichen Erinnerungen und Interpretationen die Exponate zurück ins Bewusstsein rufen.

Bereits im Treppenhaus des MMK2 versetzt On Kawaras Audio-Installation „One Million Years“ den Besucher in eine Zeit jenseits der Gegenwart: „seventhousandtwohundredfortyone AD, seventhousandtwohundredfortytwo AD, ...“ – fast fühlt man sich wie in einem Science-Fiction-Film. Auch der Auftakt – drei Werke, die vom Verschwinden der Kunst handeln – ist stark: Paul Almásys Fotografie „Louvre, Paris“ von 1942 zeigt eine Wand im Louvre, an der lediglich leere Goldrahmen mit Kreidebeschriftungen hängen. Die Bilder hatte man zum Schutz vor Plünderungen durch die Nationalsozialisten vorsorglich entfernt.

Allan McCollums „Plaster Surrogates“ (1985) besteht aus zwanzig Gips-Objekten, die wie gerahmte Bilder aussehen – Bilder, die vollständig geschwärzt sind. Und Rachel Whitereads „Untitled (Black Bath)“ (1996) zeigt den schwarzen Abguss einer Badewanne, der unwillkürlich an eine Art Sarg erinnert. „Auslöschung“ heißt dieser Teil der Schau, der einen Romantitel Thomas Bernhards zitiert.

Auch die folgenden Stationen tragen signifikante Buchtitel. Etwa „Die Vermessung der Welt“, in der es um Naturphänomene und Ordnungssysteme geht. Zu sehen ist hier beispielsweise Joseph Kosuths „Clock (One and Five)“ von 1965, ein Werk, das eine Uhr, ein Foto der Uhr und drei Lexikoneinträge zu den Worten Uhr, Zeit und Objekt umfasst und so demonstriert, wie unterschiedlich man einen Gegenstand wahrnehmen kann. Eine andere Abteilung heißt „Die Verwandlung“. Hier trifft man auf alltägliche oder alltagsähnliche Gegenstände, die im Kunstkontext eine neue Bedeutung entfalten wie Andy Warhols „100 Campbell’s Soup Cans“ (1962) oder „Ghost“ (1998) von Ron Mueck. Die hyperrealistische, überlebensgroße Plastik einer ungelenken und unsicheren Jugendlichen im Badeanzug scheint direkt auf ein Waschbecken zu schauen, das über und über mit Heftpflastern beklebt ist.

Sigmar Polke, Kartoffelmaschine, 1969.  Foto: VG Bild-Kunst, Bonn 2016 / Axel Schneider

Das Objekt „Le lavabo de l’abri antiatomique“ von 1965 verweist im Titel auf einen Atomschutzbunker. Erik Dietman schuf es während des Kalten Krieges. Im selben Jahr begann Roman Opalka mit seiner Serie „1965/1–8“, für die er fortlaufende Zahlen in winziger weißer Schrift auf Leinwände schrieb, deren graue Grundierung er ab 1972 jährlich mit einem zusätzlichen Prozent Weiß versah, so dass die Schrift sich zunehmend schlechter vom Bildgrund abhob. 46 Jahre lang schrieb der Künstler Zahlen, dann starb er.

Sind es die Werke selbst oder ist es ihr Kontext, die fiktive Vernichtung, die der gesamten Ausstellung eine düstere Anmutung verleiht und beim Betrachter ein Gefühl leichter Beklemmung auslöst? Noch ein Beispiel: Dan Grahams Installation „Present Continuous Past(s) von 1974 ist ein an zwei Seiten verspiegelter kleiner Raum, ausgestattet mit einer Überwachungskamera und einem Monitor, der das aufgenommene Bild acht Sekunden verzögert überträgt. Man sieht sich daher nicht nur in Echtzeit gespiegelt. Man sieht sich auch vor acht Sekunden (und kann nun – anders als die Spiegelsituation suggeriert – nichts mehr an seinem blöden Gesichtsausdruck ändern). Und man sieht sich kleiner vor 16 Sekunden. Und winzig vor 24 Sekunden. Das geht potenziell ewig so weiter. 2052 aber wird all dies und vieles, was kommt, längst gewesen sein. Und wir können nichts mehr daran ändern.

Obwohl das Konzept der Ausstellung überspannt wirkt. Und obwohl längst nicht alle Werke die gleiche magische Ausstrahlung haben, verlässt man die Schau nachdenklich und verändert. Allein schon, weil man nur selten so intensiv darüber nachdenkt, was genau Kunst eigentlich ist, welche Werke es sind, die bei uns einen bleibenden Eindruck hinterlassen und warum?

„Der Mensch“, so schrieb der erste MMK-Direktor Jean-Christophe Ammann im Vorwort zu seinem letzten Buch, „will heute über die Kunst nicht mehr belehrt werden. Er will auch keine ,interessante‘ Informationsverarbeitung. Er will sich an das, was er gesehen hat, erinnern.“ Spätestens nach dem Besuch des „imaginären Museums“ dämmert einem, wie recht er damit hatte.

MMK2 in Frankfurt: 24. März bis 4. September. Abschluss: 10./11. September. www.mmk-frankfurt.de

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