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Kunst

07. April 2011

Franz Radizwill: U-Boote und Engel

 Von Frank Keil
Franz Radziwill Selbstbildnis mit roter Bluse, 1930.  Foto: VG Bild-Kunst, Bonn 2011

Er habe ständig Bunker und Kirchen gezeichnet: Fünf Ausstellungen zeigen Werke des wegen seiner Haltung während der NS-Zeit umstrittenen Malers Franz Radziwill. Ein Rundgang mit seiner Tochter Konstanze.

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Der Malkittel hängt noch da. Auch die Staffelei steht noch vor dem Fenster, das Franz Radziwill eigenhändig vergrößert hat, damit genug Licht in das eher niedrige Häuschen in der Sielstraße im friesischen Dangast fällt. Ebenso ist das Muster im Steinfußboden des Schlafzimmers noch original erhalten: Radziwill war Maurer, beginnt Architektur zu studieren, wird dann Maler, aber er hat zeitlebens immer wieder an dem Haus gewerkelt, das heute sowohl Museum wie Ausstellungsraum ist.

Konstanze Radziwill hat sich lange nicht vorstellen können, in dieses Haus, in dem sie 1947 geboren wurde, zurückzukehren. Auch jetzt ist es nur ihr Zweitwohnsitz. Aber sie ist nun mal die Tochter. Und also ist sie mehr oder weniger in die fünf Ausstellungen involviert, die sich derzeit in Norddeutschland dem Werk des Erfinders des Magischen Realismus widmen: Die Kunsthalle Emden zeigt Radziwill-Exponate aus Privatsammlungen. In Oldenburg ist einmal das Früh-, einmal das Spätwerk zu sehen. Hier in Dangast und im nahen Wilhelmshaven dagegen ist man thematisch vorgegangen, zeigt die zweiteilige Ausstellung „Der Maler Franz Radziwill in der Zeit des Nationalsozialismus“.

Konstanze Radziwills Stimme wird fest, und sie sagt: „Was mich ärgert ist, wenn so getan wird, als würde erst jetzt Radziwills Rolle in den NS-Jahren thematisiert. Wir von der Franz Radziwill Gesellschaft haben uns der Rolle meines Vaters in dieser Zeit schon in der allerersten Veröffentlichung gewidmet. Sein Archiv ist zugänglich, nichts wurde verheimlicht, beschönigt.“

Stoff für schnelle Urteile

Tatsächlich bietet Franz Radziwills Leben jede Menge Stoff für jedwede Projektionen, Mutmaßungen und schnelle Urteile: Einerseits hält er lange engen Kontakt zu Otto Dix und dessen „Novembergruppe“, nennt sich „Proletarier der Kunst“; andererseits tritt er 1933 in die NSDAP ein, setzt viel Hoffnung in den sogenannten nationalbolschewistischen Flügel um die Brüder Strasser.

Einerseits werden seine Bilder in den folgenden Jahren gern gezeigt, er ist 1934 bei der Biennale von Venedig dabei; andererseits werden seine Werke immer wieder von den Behörden beschlagnahmt, er bekommt Ausstellungsverbot, das anschließend wieder aufgehoben wird.

Die Ausstellungen

„111 Meisterwerke aus privaten Sammlungen“: Kunsthalle Emden,
bis 19. Juni.
„Franz Radziwill – Expressionismus und Neue Sachlichkeit“: Landesmuseum Oldenburg, bis 22. Mai.
„Die Schönheit des Alleinseins - Werke nach 1945“: Stadtmuseum Oldenburg, bis 22. Mai.
„Der Maler Franz Radziwill in der Zeit des Nationalsozialismus“: Kunsthalle Wilhelmshaven, bis 22. Mai, sowie Franz Radziwill Haus, Dangast, bis
15. Januar 2012. Im Kerber Verlag ist ein lesenswerter Katalog erschienen. FR

Von 1934/35 an kommt er bei der Marine unter, fährt als Gast auf dem Panzerschiff „Deutschland“ durch die Karibik. Im Auftrag der Marine entsteht nach einer Spanienfahrt das Bild „Die Beschießung von Almeria“: Schwarze Wolken schweben mitleidlos über der Stadt, wo die Flotte der Republikaner ihren Stützpunkt hat. Ist er deswegen ein Nazi-Künstler?

Oben im ersten Stock führt Konstanze Radziwill zu dem Bild „Stahlhelm im Niemandsland“ von 1933: Ein zerschossener Stahlhelm liegt am Ende eines Schützengrabens, umgeben von zersplitterten Pfählen, um die sich Stacheldraht rankt. „Er wird Professor in Düsseldorf und malt dieses Bild, da kommt man schon ins Grübeln“, sagt sie: „Natürlich ist das ein monumentalisierendes Bild, es geht um Totengedenken – aber ein ,Auf ein Neues!‘ kann ich darin nicht erkennen.“

Die Tochter verweist auf die unterschiedlichen Reaktionen in der damaligen Kunstkritik, die keineswegs einhellig ausfielen. Die Rheinische Landeszeitung schrieb 1937 über eine Ausstellung von Radziwills Kriegsbildern des Ersten Weltkrieges: „Von dem Heldentum der Menschen, die in diesem Krieg kämpften, weiß der Maler nichts zu erzählen.“ Konstanze Radziwill sagt: „Mein Vater hat später gesagt: Er habe nicht für den Krieg und nicht gegen den Krieg gemalt, sondern den Krieg so, wie er ist.“ Allerdings könne man ihrem Vater schon vorwerfen, dass er auch nicht dann aus der Partei ausgetreten sei, als er sich längst von ihr abgewandt hatte. Sie stockt und fragt: „Gab es das eigentlich, dass Leute aus der Partei ausgetreten sind? Kennt man da jemanden Bekanntes oder ist das auch so ein Mythos?“

Nach 1937 findet Radziwill in der Bekennenden Kirche eine neue Heimat. Seine wachsende Religiosität ist Zeichen einer tiefen Krise: „Ich weiß, dass sich Freunde von ihm richtig Sorgen gemacht haben, wenn er stundenlang vor dem Grab seiner ersten Frau stand und mit ihr Zwiesprache hielt.“ In dieser Zeit malt Radziwill in seine Bilder seltsam flüchtige Wesen hinein: Engel, die kommen, um die verlorenen Menschen mitzunehmen? Symbole der Erlösung?

„Nach dem Krieg waren wir bitterarm“, erzählt Konstanze Radziwill unterwegs auf der Fahrt nach Wilhelmshaven: „Mein Vater hat mit 60 sogar daran gedacht, wieder als Maurer zu arbeiten. Dann aber haben sich meine Eltern schweren Herzens entschlossen, Teile unseres Hauses an Feriengäste zu vermieten.“

Kein Platz für Gegenständlichkeit

Das fällt der Familie schwer, weil nun immer wieder andere wildfremde Menschen in dem Heim ein- und ausgehen, das Radziwill seit 1923 gehört. Überhaupt stört den Maler der langsam einsetzende Massentourismus, kann er sich nur begrenzt mit den anreisenden Städtern und ihren Kofferradios anfreunden, mit denen sie den Dangaster Strand bevölkern. Er will seine Ruhe. Er will wieder malen, und natürlich will er, dass seine Bilder gezeigt werden.

Die Kunstszene der 50er und 60er Jahre zeigt sich an ihm nicht im Geringsten interessiert: Ein Maler, der unbeirrt gegenständlich malt und sich dem Abstrakten widersetzt, dafür ist kein Platz. „Aber die DDR war sehr an ihm interessiert. Eine Zeit lang galt er aufgrund seiner Malweise als Vorläufer des Sozialistischen Realismus“, erzählt Konstanze Radziwill. Er folgt einer Einladung nach Ost-Berlin, er genießt die unverhoffte Aufmerksamkeit, mehr will er nicht: „Man hat ihm angeboten, zu bleiben und auf dem ehemaligen Gut meiner Mutter im Sperrgebiet eine private Malschule zu errichten. Er hat mir später gesagt, eine Diktatur hätte ihm gereicht.“

Sie gibt Gas und sagt: „Wir hatten nie ein Auto, aber mein Vater ist gerne bei anderen mitgefahren.“ Allein Radziwills Schwanken zwischen Technikbegeisterung und Technikfurcht, die sich auf seinen Bildern immer wieder in heran brausenden und abstürzenden Flugzeugen wiederfindet, könnte ein mehrtägiges Symposium auf Trab halten.

Altmeisterlich verrätselt

„Natürlich muss ich in diesen Tagen viel an meinen Vater denken“, sagt sie, als im Autoradio die Nachrichten kommen, beginnend mit den Neuigkeiten vom Reaktorunglück in Japan. Sie zeigt auf die flache, scheinbar endlose friesische Landschaft: „Hier standen früher jede Menge Bunker. Mein Vater hat ständig Bunker und Kirchen gezeichnet.“ Weil beide den Menschen schützen sollen und weil beide so einsam und verloren wirken, wenn niemand in ihnen weilt? Sie nickt, schaut auf die Straße. Sehr gut möglich.

Der moderne Bau der Wilhelmshavener Kunsthalle mit seiner Kühle aus Beton, Glas und Stahl bildet einen spannenden Kontrast zu den zuweilen altmeisterlich verrätselten Bildern Radziwills. Konstanze Radziwill tritt einen Schritt zurück: „Man könnte auch sagen, dass manches recht naiv gemalt ist.“ Und geht schnell weiter zum nächsten Bild, als sei das ein etwas ungehöriger Gedanke. Was bei näherer Betrachtung auffällt, ist, das in vielen Bildern das Licht von weit oben zu kommen scheint.

Noch lange nicht vorbei

Und dann hängt da das Gemälde „Auslaufendes U-Boot“ von 1936, gemalt im Auftrag der Marine: Ein winziges U-Boot kämpft sich durch die Dünung, während sich die überdimensionalen Hafentore wieder schließen. Und kein Mensch ist dazu gemalt, der winkt oder die Szenerie auch nur betrachtet. Gewiss ist: Die U-Boot-Bilder des Marinemalers Claus Bergen sehen anders aus. Dem Auftraggeber hat es dennoch gefallen.

Draußen ist es richtig warm geworden. Und doch liegt auch etwas Schweres in der Luft: Es ist einfach nicht einfach mit Franz Radziwill. Seine Tochter nickt mit dem Kopf leicht in die Richtung eines älteren Paares, das sich gleichfalls die Ausstellung angeschaut hat. Der Mann hat eine Landkarte großflächig über die Motorhaube seines Wagens ausgebreitet, tippt mit dem rechten Zeigefinger auf verschiedene Punkte und erzählt murmelnd seiner Frau davon, wo damals überall die Wege versperrt und Verbindungslinien abgeschnitten waren, weil da bereits der Engländer stand. „Dieser Krieg und seine Zeit“, sagt Konstanze Radziwill beim Einsteigen, „das ist noch lange nicht vorbei.“ Dann dreht sie den Zündschlüssel um.

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