Zu den Eigentümlichkeiten der jüngsten Debatte um so genannte Nackstscanner an deutschen Flughäfen gehört es, dass sie zuvorderst um Geschlechtsteile und halbverdaute Frikadellen vom Vorabend kreist und darum, ob diese nun zu sehen sind im "Spannerkasten" oder nicht.
Fritz Kahn hätte daran seine helle Freude gehabt; zu einem etwas geringeren Teil sicherlich als der Gynäkologe, der er war, zu einem weitaus größeren Teil aber wegen seiner menschlich-mechanischen Illustrationen, in denen er der wirklich wichtigen Frage hätte nachgehen können, wie die Bestrahlung mit Terahertzwellen auf den Körper wirkt. Um dann den Weg der leckeren Frikadelle durch denselben nachzuzeichnen.
"Fritz Kahn - Man Machine" von Uta und Thilo von Debschitz ist erschienen im Springer Verlag. Eine Ausstellung über Kahn zeigt die Berliner Charité noch bis zum 11. April. www.fritz-kahn.com
In der Geschichte der Wissenschaft und des Geistes waren immer jene die Prügelknaben, die den Menschen als Maschine beschrieben, eine Gleichung aufstellten, die nicht nur kühn war, sondern geradezu ungeheuerlich, ein Angriff auf Vernunft, Geist, Seele, Moralität, Glück und Freiheit - kurz: auf alles, was uns wichtig ist. Man atmete also auf, wenn die sinistren Theoretiker der vollendeten Automation, wie etwa der französische Freigeist Julien Offray de La Mettrie ("L´homme Machine", 1748), endlich wieder Ruhe gaben. Fritz Kahn hingegen wurde verehrt im Berlin der zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, bis er verschwand und vergessen wurde.
Kahn, das zeigt nun eine erste, von den Autoren Uta und Thilo von Debschitz vorgelegte Monografie und gleichzeitig eine Ausstellung in der Berliner Charité, hat mit seinen menschlich-mechanischen Schaubildern ganz wesentlich das Verständnis der modernen Menschen über die eigenen Körperfunktionen geprägt.
In der rasanten Technikentwicklung seiner Zeit von den erstaunlichen Parallelen zwischen technischen Erfindungen und den Funktionsprinzipien des Körpers tief beeindruckt, erklärte der 1888 in Halle geborene Kahn höchst anschaulich, wie das funktioniert mit den Nervenbahnen (wie das Telegrafensystem), dem Knochenbau (wie in der Architektur) und was denn nun eigentlich genau geschieht in den Organen, Blutbahnen und Zellen, wenn der Mensch die Frikadelle verspeist.
Vor allem seine fünfbändige, ab 1922 in der Franckh´schen Verlagshandlung erschienenen Reihe "Das Leben des Menschen" machte ihn international bekannt als populären Wissenschaftsautor. In seiner darin publizierten bekanntesten Illustration "Der Mensch als Industriepalast" zeigt Kahn anstelle menschlicher Organe einen Körper voller Röhren, Förderbänder, Motoren, Ventilatoren, Rührtrichter, Dampfkessel, Verkleinerungsmaschinen und Verpackungsapparate, er macht das Herz zur Kolbenpumpe, ersetzt Magen und Darm durch eine Raffinerie, die Leber erweist sich als Chemiefabrik, die Niere als Filteranlage. Am Ende der langen Verwertungskette, die der menschliche Körper ist, stehen dann kleine Männlein in schwarzer Kleidung, sie wirken ein wenig verschlagen, wie sie die Leiter zum Stärkespeicher rauf- und wieder runterkraxeln, um Zuckerwürfel in einen Rührtrichter zu werfen, der dann über eine Rohrleitung jener Pumpe zugeführt wird, die uns am Leben hält.
In der bildlichen Darstellung dessen, was sich in unserem Kopf abspielt, wenn wir ein Auto sehen und "Auto" sagen, oder der Vorgänge zwischen Geruchsempfindungen und reflektorischem Speichelfluss, der "Biologie des Bratenduftes" etwa, spitzt Kahn seine Bildsprache zu. Er zeigt neueste Kommunikationstechniken seiner Zeit wie Telefon, Radio oder Film, baut in den Kopf ebenso Projektoren ein wie Orgelpfeifen und buchstabiert dabei jene funktionale Identität von Sinnesorganen und Medientechniken vor, die der Medientheoretiker Marshall McLuhan erst Jahrzehnte später popularisierte. Natürlich verrät Kahns Gehirnkino oft mehr über die damalige Konjunktur der Ufa als über die tatsächlichen Vorgänge im Gehirn, und nicht umsonst offenbart sich immer wieder eine große Nähe seiner Illustrationen zur Ästhetik von Filmen wie Fritz Langs "Metropolis" (1927) oder Josef von Sternbergs "Der blaue Engel" (1930). Kahn aber lag im Spannungsverhältnis von Wahrheit und Verständlichkeit mehr daran, dass die Menschen überhaupt einen Einblick in die komplexen Strukturen der Natur gewinnen, als dass er wissenschaftlich allzu korrekt zu arbeiten sich verpflichten wollte. Und letztlich verblasst in seiner Verschmelzung von Körper und Technik ohnehin die Frage, was hier eigentlich genau wie erklärt wird; stattdessen, so stellt es die Monografie fest, erscheint der menschliche Körper als technisch nimmer einholbare Wundermaschine.
In der Mischung traditioneller anatomischer Darstellungen mit Anleihen bei Art déco, Surrealismus und Collage zeigt Kahn den Menschen als Hochleistungsmaschine in der industriellen Moderne und gleichzeitig als Arbeiter im großen Industriepalast des Staates. Seine Bildsprache ist dabei so getreuer Ausdruck seiner naturwissenschaftlichen Denkweise, dass sie sogar noch deren Grenzen aufzeigt, wo immer er auf die vielen kleinen technischen Angestellten zurückgreifen muss, die den Stärkespeicher in der Leber auffüllen oder ihren Dienst in den hohen Hallen der Mundhöhle verrichten. Kahn übertreibt maßlos, wenn er behauptet, "Auto und Ohr stimmen überein", und manchmal verkomplizieren seine Darstellungen die Natur anstatt sie zu vereinfachen, wie in seiner Serie von Schalttafeln, deren Bedienung die Biologie des Bratenduftes erläutert.