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Kunst

25. Januar 2016

Gerhard Richter: Anblicke einer verheerten Welt

 Von Peter Iden
Im Frühjahr vergangenen Jahres stellte Gerhard Richter die vier großformatigen Gemälde im Dresdner Museum Albertinum aus.  Foto: Imago

"Birkenau" nennt Gerhard Richter seine vier abstrakten Gemälde, die die Umschläge eins Memoiren-Projekts gegen das Vergessen zieren. Es ist ein Mahnmal für die Häftlinge von Auschwitz.

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Fünfzehn schmale Bände, verfasst von Überlebenden der Shoah, geben Bericht von dem Entsetzlichsten, das Menschen zu erdulden hatten durch andere, die der gleichen Gattung zuzuzählen schwerfällt. Ein Memoiren-Projekt gegen das Vergessen. Von letzter Hand – die Generation der im Holocaust nicht ermordeten jüdischen Zeitzeugen stirbt aus, einige der Autoren leben schon nicht mehr.

Für den Umschlag eines jeden der Bände hat der Maler Gerhard Richter Ausschnitte aus vier großformatigen Gemälden gleichsam herausgeschnitten und zitiert, die er im Verlauf mehrerer Monate im vorvergangenen Jahr in einem vielstufigen Arbeitsprozess entworfen und verwirklicht hatte. Die originalen Bilder sind erstmals im Frühjahr 2015 im Museum Albertinum der Städtischen Kunstsammlungen von Richters Geburtsstadt Dresden ausgestellt worden. Die nachfolgenden Überlegungen beziehen sich auf die Genese und die Realität dieser Originale, damit zugleich aber auch auf die Segmente, durch die sie auf den Umschlägen der Erinnerungsbände im kleineren Format vertreten werden.

Bei den vier Bildern handelt es sich um abstrakte Malerei. In Hinsicht auf das Oeuvre Gerhard Richters ist das keine Überraschung: Der Künstler hat zeitlebens immer wieder versatil sich bewegt zwischen den unterschiedlichsten Ausdrucksformen, bis hin sogar zu semi-szenischen, räumlichen Installationen. In seinen Gemälden ist er dabei häufig eingegangen auf zuvor fotografisch fixierte Motive, deren malerische Umsetzungen ihm Weltruhm eingebracht und ihn in der Kunst der Epoche zu deren führendem Repräsentanten haben werden lassen.

Kein Moment der Beruhigung. Alles ist in Bewegung. Farben prallen aufeinander, schieben sich übereinander. Gerhard Richters Birkenau (Werkverzeichnis 937-1).  Foto: Gerhard Richter 2016

Auch die vier Bilder, die „Birkenau“ zum Titel haben, den Namen des größten Vernichtungslagers, in dem während der Herrschaft des Nationalsozialismus etwa 1,1 Millionen Menschen ermordet wurden, haben vier Fotografien als motivischen Ansatz. Es sind diese von Richter gewählten Vorlagen, die das Ergebnis ihrer Transformation in Malerei zu einem Wagnis gemacht haben, dem für die ästhetische Praxis generell außerordentliche Bedeutung zukommt. Die schwarz/weißen Fotos, auf die Richter schon vor längerem gestoßen war, dokumentieren Szenen der Verbrennung der Leichen Ermordeter in dem Konzentrationslager Auschwitz/Birkenau. Unter dramatischen Umständen von Häftlingen aufgenommen, sind die Aufnahmen aus dem Lager geschleust worden, Beweise für die Verbrechen des Nazi-Regimes, von manchen draußen angeblich nicht für möglich gehalten. In dem Band „Bilder trotz allem“ (Fink Verlag Bild und Text, Paderborn 2014) sind die Fotos von Georges Didi-Huberman publiziert worden. Auch im Archiv des Auschwitz-Museums sind sie zugänglich.

Richter hatte die Fotos für einige Zeit in seinem Archiv bewahrt, nach eigenem Bekunden sich aber bedrängt gefühlt von der Frage, wie er als Maler auf das Abgebildete reagieren könnte. Er begann mit der Vergrößerung der Fotos, griff mit Farbe ein, dabei realistische Elemente zunächst noch erhaltend. Er verwarf viel. Und fing dann an, das fotografische Material zu übermalen. Mehrmals, mit immer anderen Farben. Dabei wird der Gestus, mit dem der Maler die Farben auf den Leinwänden einsetzt, immer heftiger, jäher. Kein Moment der Beruhigung. Alles ist in Bewegung. Unglaubliches geschieht, in jedem Segment der Bildfläche. Farben prallen aufeinander, schieben sich übereinander. Einmal scheint ein Grün sich durchzusetzen – im nächsten Moment, durch keinen Zwischenton gemildert, reduziert sich dieser Farbwert auf nur einen Bruchteil. Immer mehr farbige Fetzen, die keine Kontur halten, schichten sich auf. Triefendes Rot, sich andrängendes, dabei schon zerfallendes Schwarz, zersplitternde helle Zonen, manchmal nur noch Tropfen – seit den späten Bildern Tizians hat man Farben nicht derart vorgehen sehen gegen sich selbst. Es ist, als müssten die Leinwände aufreißen vor soviel Aufstand. Eine Wut lebt in dieser Malerei. Wütende Trauer. Verzweiflung. Zu spüren in jedem Augenblick die für den Maler existentielle Notwendigkeit, diese Bilder zu wagen.

Birkenau (Werkverzeichnis 937-2).  Foto: Gerhard Richter 2016

Mitunter gibt es eine Ahnung von Räumen, jedenfalls von räumlicher Tiefe, und sogleich wieder verstellten Durchblicken. Der gespachtelte, auch gerakelte Farbauftrag lässt einen Ansatz zu dynamisch angelegten vertikalen Strukturen entstehen, durchquert von Horizontalen. Jedoch kann sich damit keine Art von Ordnung behaupten. Durch die Überlagerungen der gebrochenen Farben und die abreißenden Bewegungen ihres Zerlaufens auf der Leinwand, zeigen die Oberflächen der vier Gemälde plastische Aufwerfungen wie aber auch Schründe, plötzlich jäh abgründig. Schnelle, tiefe, verheerende Risse. „Die Narbe der Zeit / tut sich auf / und setzt das Land unter Blut“.

Finale Landschaften, apokalyptisch verwüstet. Alles ist ohne Ausgang, man kann die Vorstellung haben, der Maler suche ein bestimmtes Ziel, zumindest die Möglichkeit für das, was als eine Art von „Weg hindurch“ erkannt werden und gangbar sein könnte. Die anhaltende Beunruhigung, die für den Betrachter von den Bildern ausgeht, resultiert aus der sich unerfüllbar aufstauenden Erwartung an eine Lösung, die nicht sein kann.

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Nicht mehr sichtbar sind die Fotos. Das Dramatische der Malerei liefert gerade nicht die ästhetische Kommentierung eines dokumentarisch erfassten Entsetzlichen: Vielmehr wird der Malakt angetrieben und weitergeführt durch die Anstrengung des Antwortens, dem jede verbindliche Erklärung versagt bleibt. So geht es in den vier Bildern um eine in höchstem Maß individuelle Reaktion Richters, die aber zugleich auch politisch argumentiert, indem sie gegen den mörderischen Massenwahn der Epoche den Anspruch behauptet auf die Individualität des Subjekts.

Birkenau (Werkverzeichnis 937-3).  Foto: Gerhard Richter 2016

Der Anspruch, den Richter mit den vier Bildern an das Genre der abstrakten Malerei stellt, ist eingedenk der Dimension des „Menschheitsverbrechens Holocaust“ (Aleida Asmann), es ist nicht zu viel gesagt: der höchste Anspruch, der diesem Medium, dieser künstlerischen Ausdrucksform bisher je angetragen wurde. Vergleichbar nur der das Spätwerk Mark Rothkos bestimmenden Intention, mit der Malerei deren sichtbare Realität zu überschreiten in eine Zone der Erfahrung von Transzendenz. Die vier „Birkenau“-Bilder bezeugen Grenzen des Fassbaren – das ist hier das Ereignis. Die Einlassung Richters auf das in ihm immer präsente, durch die aufgefundenen Fotos aber, ähnlich einem plötzlich stechenden Schmerz, aktualisierte Thema, verwirklicht sich nicht zuletzt darin, dass der Bildgehalt sich in Verlaufsformen entwickelt, die jenen Prozessen des Erinnerns angenähert sind, durch die wieder und wieder es uns aufgegeben wird, das Unerträgliche zu bewahren.

Der Volksmund nennt Erinnerung „das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können“. Das ist eine unzureichende Definition. Ob das Heraufrufen von Vergangenem wirklich Paradiese eröffnet, ist doch sehr bestimmt davon, wie und was gelebt wurde. Und fraglich ist ja sogar, wie der Historiker Christian Meier es sieht, ob nicht überhaupt das Vergessen, weil es Versöhnung, im Prinzip das Weiterleben von Gesellschaften wie von Einzelnen ermöglicht, mehr als das Erinnern als kulturelle Leistung zu gelten hätte. Oder ob nicht sogar das Vergessen, nach einem Erkenntnisstand, den der Psychoanalytiker Theodor Riek schon 1948 publiziert hat, nachgerade prinzipiell Ziel jeder Erinnerungsleistung ist. „Nur das, was Erinnerung geworden ist“, bemerkt Reik, „ist dem Zerstörungsprozess unterworfen, der allem organischen Leben gemeinsam ist. Die Erinnerung ist die beste Straße zum Vergessen.“

Birkenau (Werkverzeichnis 937-4).  Foto: Gerhard Richter 2016

Strukturell sind für das Erinnern entscheidend seine schichtweisen Verdichtungen, ausgelöst durch assoziative Ansätze, sich überlagernde, häufig disparate Elemente und eine Kombinatorik von jenseits des Taghorizonts. So, dass das Erinnerte zwangsläufig nahezu immer nur ein Vermeintliches ist, in jedem Fall sich selbst verändert, indem es erinnert wird. Als Entsprechungen dieser Prozesse, aus denen sich Erinnerung bildet, sind die aggressiven Farb-Überlagerungen in den Bildern Richters zu sehen als parataktische Reaktionen zwischen dem Prinzip der Wiederaufnahme von Vergangenem und den Veränderungen, die das Erinnern daran vornimmt.

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