Hier, unter hoch verdichteten Umständen, droht die eine oder andere Etappe in Vergessenheit zu geraten, womöglich auch die Glasmalereien, die, präsentiert in einem historischen Zimmer, sich von lange holzschnittartigen Absichten immer mehr freimachten. Auch gehörte zur Emanzipation, dass die Malerei, mit ihren Möglichkeiten zu Multiperspektiven, der Skulptur vormachte, dass sie ihr überlegen war, dass das Bild mit dem Betrachter spielte, seinen Erwartungen, je nach Standort.
Es war Wilhelm Pinder, der 1926, einige Jahre vor Ernst Bloch, den Gedanken von der "Ungleichzeitigkeit des Gleichzeitigen" aufbrachte. An diesem Begriff hat sich auch das Aufbauprinzip der Nürnberger Schau ausdrücklich orientiert, die Korrespondenzen ebenso stiftet wie Konfrontationen, angefangen von der Antikerezeption.
Existierte ein Schwellenbewusstsein? Der Mensch sei wie eine Blase, meinte Erasmus von Rotterdam 1508. Dass er das auch in den Augen eines Bartholomäus Bruyn war, zeigte der Kölner Maler 20 Jahre später. Ein Knabe mit einem auffallend großen Kopf lässt aus einem Trichter eine Seifenblase aufsteigen. Und der Besucher, Behaims Globus in Gedanken nachhängend, glaubt sich plötzlich vor einer Metapher. Schwebt doch das zarte Gebilde vor einem pechschwarzen Hintergrund, schillernd, endlos verloren.
Existierte ein Zäsurbewusstsein? Bei ihm handelt es sich um eine Einsicht späterer Jahrhunderte. Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Ein Bild macht diesen Prozess hyperdeutlich. Cranachs "Die Bekehrung des Saulus" ist in seiner Komposition kurios - oder hybrid, zwingt sie doch die Legende des Neuen Testaments in eine frühneuzeitliche Szenerie. Während im Vordergrund noch einmal das spätmittelalterliche Rittertum Dienst tut, erhebt sich im Bildhintergrund eine Stadt, gotisch gestaffelt. Aus dieser Barbarei, denn so empfand ja der Humanismus das Gotische, ragen Renaissancegiebel auf, von Zinnen à la Damaskus bekrönt. Unter derart komplexen Umständen kam es für Saulus zum Umschwung.
Geburtsstadt des Kaiserschnitts
Umschwung und Umbruch: Das 1549 entstandene Bild von Lucas Cranach d. J., untergebracht in einem Seitenkabinett, liest sich wie eine weitere Metapher auf eine Epoche, in der nicht mehr so sehr der feste Glaube Berge versetzte, sondern die Neugierde. Angesteckt von ihrem Zauber und dem Versprechen, dass das Individuum nun endlich aus sich herauskommen solle, dauert die Inkubationszeit bis heute an.
Kaum größer als ein Federmäppchen das anatomische Modell einer schwangeren Frau. Irgendwann, zwischen Kruzifix und "Kleopatra mit der Schlange" - und der Blick auf Roelant Saverys "Turmbau zu Babel" (1602) liegt nun schon eine Weile zurück wie ja auch der auf Georg Lembergers grellen "Sündenfall" (1535) -, steht der Mensch vor dieser Schatulle, Nürnberg, um 1700. Denn war Nürnberg nicht gleichsam die Geburtsstadt des Kaiserschnitts, exakt zweihundert Jahre zuvor, als erstmals sowohl Mutter als auch Kind überlebten.
Keine Frage, gewaltig ist das Spektrum, mit dem diese Schau einen Kosmos aufschließt. Das geschieht nicht totalisierend, sondern fragmentarisch, anfangs mit Behaims "Erdapfel", gleich nebenan ist die Erfindung "Amerikas" auf der Karte Martin Waldseemüllers (um 1470-1522) untergebracht. Hier, mitten in einem von Ungeheuern bevölkerten Meer, wurde ein Name aus der Taufe gehoben - Amerika! Bald schon war er so vertraut, dass ihn auch Johannes Schöner (1447 - 1547) auf seinem Globus festhielt, auch wenn er so aussah, dass für Europa und Asien weiterhin die ptolemäische Weltbeschreibung galt.
Am Anfang der grandiosen Schau: Kugel, Globus, Erdapfel. Irgendwann, unvermittelt, der Mensch als Seifenblase. Und kurz vor ihrem Ende, womit 300 Jahre überbrückt sind: der Gallsche Schädel von 1790, das Relikt des Wiener Arztes Franz Joseph Gall.
Entdeckung einer Terra incognita, hier wie dort. So ging der Arzt daran, jeder Region des menschlichen Hirns klare Eigenschaften zuzuschreiben, Verstand und Triebe, Charaktereigenschaften. So präparierte er die Nachbildung eines menschlichen Hauptes mit Zonen. Der Schädel ist alles andere als ein Kunstwerk an und für sich, im Unterschied etwa zur Nürnberger Madonna (dessen Schöpfer seit einem halben Jahrtausend verschollen ist).
Wohl aber ist der Totenkopf das Behältnis aus einer Zeit, als die Menschheit daran ging, vom Unbewussten eine Vorstellung zu entwickeln. Das Antlitz als Spiegel der Seele, daran wirkten der Physiognomiker Lavater und der Satiriker Messerschmidt gleichermaßen mit.
Am Ende der Weltenbummelei und Pilgerei durch das Germanische Nationalmuseum hat sich im Zeichen eines Dreigestirns, Globus, Seifenblase, Schädel, ein Kreis geschlossen. Was mit den Erkundungen ins Innere der unentdeckten Weltgegenden begann, hört mit den Erkundungen ins Innere des Menschen auf. Hört es auf?
Man muss sich nur auf Umwege einlassen. Dann steht am Anfang die große Unbekannte Amerika - am Ende schließlich ein Ausblick auf das "wahre innere Afrika", wie dann ja bald schon Jean Paul das Unbewusste nannte.