Um die Neue Welt aufzufinden, überließ sich der neugierige Mensch erwiesenermaßen einer Nussschale. Kam es dann dazu, dass er eines Tages strandete, so geschah das praktisch in der Weltfremde, die nicht unbedingt dort liegen musste, wo der Entdecker geradezu hingewollt hatte. Und so ist die Geschichte der großen Entdeckungen durchaus eine der kuriosesten Umwege, wie es jetzt wieder im Germanischen Nationalmuseum zu sehen ist. Das Haus, Deutschlands größte Schatzkammer der Kulturgeschichte, lässt es allein dadurch erkennen, dass nichts dem Zufall überlassen wird.
Wie auch, läuft doch der Besucher auf das Abbild einer Nussschale direkt zu. Das "Schlüsselfelder Schiff" war 1503 eine Schöpfung von Meisterhand, wie so vieles, das nun, nach der Generalsanierung des Galeriebaus des Museums, die drei Jahrhunderte der Frühen Neuzeit anschaulich macht, angefangen von dem Nürnberger Albrecht Dürer und dem Nicht-Nürnberger Lucas Cranach, und was sich eingefunden hat, wird nicht etwa isoliert zur Schau getragen, sondern in einen kulturhistorischen Kontext gestellt. Das war nicht immer so.
Deshalb darf man sagen, dass zur Neuordnung und Neuentdeckung der Frühen Neuzeit wohl Umwege genommen wurden. Lange vorbei die Zeiten eines für die Objekte anspruchslosen Daseins in Dunkelkammern oder unter wunderlich sammelsurischen Umständen. Auch schied der Zeitgeist einst die hohe von der angewandten Kunst. Nach dem Zweiten Weltkrieg, mit der Modernisierung durch Sep Ruf, klarten die Verhältnisse auf. Mit der jüngsten Sanierungsetappe des Galeriebaus werden die Raritäten erneut auf drei Achsen präsentiert, so eröffnen die jetzt hinzugekommenen Durchgänge zwischen der Mittelspange und den Seitenkabinetten Abschweifungen durch die Weitläufigkeiten von Oberlichtsälen oder Kunstlichtkabinetten, über Juramarmor und Solnhofener Platten.
Zur Neuerkundung einer Ära, die in die Aufklärung mündete, sind unter weit mehr als eine Millionen Objekten rund tausend Preziosen erneut gecastet worden. Was jeweils zusammenfand, wurde von G. Ulrich Grossmann und Daniel Hess in 33 Räumen thematisch konzentriert, angefangen, gleich linker Hand, mit Martin Behaims "Erdapfel", der 1492/94 in Nürnberg entstand, gedacht als wirtschaftspolitischer Appell zur weltumspannenden Landnahme.
Neben seiner unmittelbar frühkapitalistischen Mission versammelte der Abenteurer Behaim auf seinem Globus, dem ersten auf Erden, eine kleine Enzyklopädie an historischem und mythischem Wissen, neben der geografischen Verortung jedoch auch exotische Schauplätze.
Scharnier zwischen Mittelalter und Neuzeit
Was auf zwei Halbkugeln mittels eine Holzreifens zusammengebracht wurde, was geleimt, geschmiedet, gegossen, punziert, bemalt und graviert wurde, was zur Chiffre für die "Scharnierstellung zwischen Mittelalter und Neuzeit" (Thomas Eser) wurde, macht wohl auch den heutigen Besucher unwillkürlich zu einem anderen Wesen. Denn während er mit dem Auge etwa den westlichen Seeweg nach Indien verfolgt, und dabei Amerika so vergeblich sucht wie er das Paradies vergeblich sucht, wird er, die Einzigartigkeit umkreisend, zum seligen Satelliten.
Die Schau veranschaulicht eine Schwellenzeit, und hält dabei die Epochenschwelle deutlich abgeflacht. Fein abgestuft daher die Blautöne an den Wänden, die einen Transformationsprozess veranschaulichen, auf der Mittelachse, wie in einem Mittelschiff, verfolgt der Besucher eine Entwicklung - eine Zusammenballung. Denn mit Hans Baldung Grien, Lucas Cranach oder Hans Burgkmair förderte ein Kurfürst wie Friedrich III. von Sachsen (der Weise!) die hervorragendsten Maler seiner Zeit, angefangen mit Dürer. Was mit seinem Genie, seiner Werkstatt, seinem Einfluss begann, lässt sich an seinem bohrenden Interesse am sorgfältigst wiedergegebenen Detail beobachten. Liebevoll geschah das nicht, mit Falten und Furunkeln war der neue Realismus verbunden, und weil ein Hans Baldung die Bibel drastisch vor Augen sah, schauten seine Zeitgenossen auf einen gierigen Knaben an der entblößten Brustwarze Mariens.
Augenlust, Sinnenfreude hatten Hochkonjunktur. Gerahmt werden in Nürnberg traditionelle Motive - angefangen von dramatischen Szenen auf dem Kalvarienberg bis hin zu penibel gezeigten Grausamkeiten nicht allein auf Golgatha - vom Auftritt der modernen Bildpropaganda im Dienst der Reformation. Praktisch in einer Kapelle des linken Seitenschiffs ballen sich Buchdruck und Grafik als neue Medien, die die Reformation erst durchsetzten, und selbst dort, wo es nicht nur holzschnittartig zuging, zeigte sich die neue Kunst grell. Würden sich sonst Offenbarung und Jüngster Tag gleich einem Comic zeigen?
Selbstverständlich kann man sich in den Räumen verlieren, der Museumsbesucher neigt ja zum unsystematischen Vorgehen, und so eröffnet sich ein zwangloser Bummel, etwa entlang von Genreszenen, die aus der Welt entführen, oder an Proportionsstudien, die es penibel mit dem neuen Menschenbild halten. Die Schau nimmt den Besucher für einige Zeit mit in Hollands Goldenes Zeitalter, sie lässt ihn unter den für eine Wunderkammer typischen Kuriositäten (das Schulterblatt eines Wals neben exotischem Bogen und Köcher) umschauen, um, über den Umweg der Manieristen mit ihren monumentalen Körpern inmitten blühender Landschaften, nicht zuletzt in eine fürstliche Barockgalerie zu entführen.