Aktuell: Ukraine | Rosetta-Mission | Fernbus-Markt | Fußball-News | Eintracht Frankfurt | Polizeimeldungen Frankfurt/Rhein-Main

Kunst

19. November 2012

Guggenheim-Museum in Berlin: Finale mit Utopisten

 Von Ingeborg Ruthe
Welch gelassene ewige Schönheit: Amadeo Modiglianis „Nude“, 1917SOLOMON R. Guggenheim Museum Deutsche Guggenheim New York (3) Foto: digital capture

Das New Yorker Guggenheim-Museum gibt in der Berliner Dependance seine letzte Vorstellung. Bis Februar kommenden Jahres ist die Guggenheim-Schatzkiste noch offen.

Drucken per Mail
Berlin –  

Das Finale ist nicht etwa melancholisch, sondern farbig, fulminant, lukullisch-schön. Die „Vision der Moderne“, aus Übersee, aus dem Guggenheim-Museum New York nach Berlin gebracht, macht sich breit im hohen schmalen Ausstellungssaal Unter den Linden: Unter den Motiven stehen die Signaturen von Picasso und Bonnard, Cézanne und Chagall, Kandinsky und Schwitters, El Lissitzky und Marc, Miró und Monet, von Modigliani und Degas, Moholy-Nagy und Arp, Brancusi, Mondrian und Calder.

Zum Glück ist dieser flexible Ort damals, in den frühen Neunzigern, nicht der Kassenraum der Deutschen Bank geworden, wie zuerst geplant, sondern ab 1997 ein Kunstraum. Einer, der Abertausende anzog, zu allererst durch Robert Delaunays „Pariser Visionen“ um 1911: gedämpfte Farbpalette, fragmentierte Formen, die sich auf Braque, auch ein wenig auf Cézanne bezogen.

Delaunays Farben leuchten, er war ein „Orphist“

Jetzt hängt da abermals ein Delaunay, die „Simultanen Fenster“ von 1912, ein Farbprisma, wie es später auch bei Lyonel Feininger, dem Bauhausmaler, auftaucht. Aber Delaunay war mehr „Orphist“: Seine Farben leuchten wie im Delirium, befreit von aller Gegenständlichkeit, nur doch futuristisches Ausdrucksmittel für Dynamik, Rhythmus, für das Grenzenlose zwischen Nähe und Ferne.

Dies ist nur ein Beispiel für die Klassische Moderne schlechthin, für diese Freiheit der Komposition, diese Zukunftsgläubigkeit, diese Suche nach der vierten Dimension auf der Bildfläche. Die ganze Abschiedsschau, die das Guggenheim-Museum gibt, ist eine üppige Lehrstunde über das, was einstmals, nach 1900, den Bruch mit den akademischen Konventionen, die Wegmarken der Avantgarden und das Utopiepotenzial der Moderne darstellte.

Dies alles, bevor die Nationalsozialisten eben jene Moderne in Deutschland, in ganz Europa verfolgten, zerstörten, in die Emigration trieben: den Expressionismus, Kubismus, Konstruktivismus, den Dadaismus, Surrealismus, Futurismus, die abstrakte Kunst. Egal, ob geometrisch, lyrisch oder radikal experimentell. Sie aber war die Basis für die Nachkriegskunst.

Und so funktioniert in der Halle Unter den Linden wieder mal ein Gleichnis: Etwas geht zu Ende und etwas Neues beginnt. In der zuerst eher skeptisch angenommenen, dann überaus beliebten „Deutschen Guggenheim Berlin“ – vor 15 Jahren eröffnete Dependance des legendären New Yorker Kunsthauses – gibt der Namensgeber nun die letzte Vorstellung.

Die vielbesuchte Ausstellungshalle im Gebäude der Deutschen Bank, die so lange mit dem New Yorker Kunsthaus kooperierte, wird ab Ende April 2013 allein dem Kunst-Engagement und der großen Sammlung ihrer Hausherrin – als „DB KunstHalle in Berlin“ dienen. Der eintrittsfreie Montag soll bleiben, das Angebot für Führungen ausgeweitet werden. Auch will man endlich das riesige, von Tageslicht durchflutete Atrium für aktuelle Skulpturen und Installationen nutzten.

Das Solomon R. Guggenheim-Museum seinerseits ging bereits im Frühjahr eine neue Kunst-Kooperation ein – mit der Schweizer Bank UBS. Die scheidenden Partner betonen zum Berliner Finale sehr harmonisch den Erfolg und den Konsens. Es gab 61 Ausstellungen, die mehr als zwei Millionen Besucher anzogen, man kommt auf 2544 ausgestellte Werke, darunter 18 spektakuläre raumfüllende Auftragsarbeiten, die nunmehr friedlich auf beide Sammlungen aufgeteilt werden.

Welch gelassene ewige Schönheit: Amadeo Modiglianis „Nude“, 1917SOLOMON R. Guggenheim Museum Deutsche Guggenheim New York (3)
Welch gelassene ewige Schönheit: Amadeo Modiglianis „Nude“, 1917SOLOMON R. Guggenheim Museum Deutsche Guggenheim New York (3)
Foto: 4 x5 Transparency

Bis Februar kommenden Jahres ist die Guggenheim-Schatzkiste noch offen: An den Wänden hängt, auf Sockeln lagert das Schönste aus jener Gründerkollektion des Kupfer- und Finanz-Magnaten und Kunst-Enthusiasten Salomon R. Guggenheim (1861−1949) und seiner Beraterin Hilla Rebay sowie der Sammlerinnen Katherine S. Dreier, Peggy Guggenheim und der Händler Karl Nierendorf und Justin K. Thannhauser. Auf deren Kollektionen hatte das New Yorker Museum aufgebaut, weitere Mäzene gaben eigene Stiftungen hinzu. Und deren Wirken wiederum animierte die jeweiligen Guggenheim-Chefs zur weltweiten Expansion – mit Filialen in Venedig, Bilbao, Salzburg, Helsinki.

Gönnen wir uns also noch mal eine lange Versenkung, etwa in Picassos „Karaffe, Krug und Fruchtschale“ von 1909, gemalt in der Formensprache des „analytischen Kubismus“ und angelehnt an Cézannes Stillleben. Das Gefühl für Geometrie verbindet sich dem Dinghaften und Individuellen, doch aus Emotional-Archaischem wird fast rationales Kalkül.

Modiglianis bald in New York

Vertiefen wird uns in Modiglianis „Akt“ von 1917, ehe wir für den Anblick ins Flugzeug nach New York steigen müssten. Wegen dieser und weiterer sinnlicher, plastisch modellierter „Schlafenden“ vor dunklem Hintergrund hatte die Pariser Polizei 1917 die ganze Ausstellung des aus Italien stammenden Malers in der Galerie Berthe Weill geschlossen – wegen „Obszönität“.

Und ganz besonders nehme ich Kurt Schwitters „Maraak“ von 1930 in der Erinnerung mit nach Hause. Auf einem rot-grün-gelb-blauen Farbfeld ist der Deckel einer verrosteten Konservenbüchse montiert. Darauf klebt ein Schmetterling – ein exzentrisches Symbol, doch universell, so gültig für unsere heutige Zeit.

Deutsche Guggenheim: Unter den Linden 13/15. Bis 17. Februar 2013. Täglich 10–20 Uhr, montags Eintritt frei.

Zur Homepage
comments powered by Disqus
Dossier

Rezensionen des FR-Feuilletons zum Bücherherbst 2014.

TV

Gestern ferngesehen? Wir auch! Diskutieren Sie mit!

Anzeige